Die Ära der neuen Popstars

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Wie die neue Welle an Artists alles über den Haufen wirft, was wir früher von Popstars erwartet haben und warum wir hoffen, dass sie niemals damit aufhören.

Die frühen 2000er stehen ja für viele Phänomene. Einige von ihnen feiern zum Leidwesen mancher und zur Freude anderer gerade ihre Renaissance (Hüfthosen, Bauchnabel-Piercings, Tribal Tattoo – we are looking at you!). Doch was die Hits, die wir hören angeht, fahren wir jetzt einen ziemlich anderen Kurs. Das zeigt schon ein kurzer Blick in Spotify’s „Today’s Top Hits” Playlist. Popmusik hat sich in den letzten Jahren nämlich maßgeblich verändert und das haben wir einer neuen Generation von Musiker:innen zu verdanken.

Wäre Billie Eilish zum Beispiel nur gute 15 Jahre früher geboren, sie wäre vermutlich kein globales Popstar-Phänomen geworden. Ein grünhaariges Goth-Girl, dass sich „wie ein Quarterback“ kleidete (O-Ton Tyler, the Creator) und über Depressionen und Klimaschutz singt?! Edgy, traurig, progressiv – no way in hell hätte sich darauf eine ganze Generation Jugendlicher rund um den Globus, eine Grammy-Jury und so ziemlich jede:r Radio-DJ dieser Welt einigen können. Denn wie ein Popstar zu sein hatte, dafür gab es bis vor wenigen Jahren noch festgeschriebene Regeln. Britney Spears zum Beispiel, heute längst lebende Legende, war im anlaufenden 21. Jahrhundert ein geradliniges Produkt: Perfekt blondierte Haarpracht, perfekt durchchoreografierte Dance-Einlagen, perfekte Outfits, perfekte Mischung aus America’s Sweetheart und Sexsymbol. Die 39-Jährige ist natürlich nur ein plakatives Schlagwort dieser Popkultur. Vor ihr gab es Jahrzehnte voller Mainstream-Stars mit der immer selben Mission.

Heute ist das nicht mehr so. Das Internet, Smartphones und Musik-Streaming verpassten der gesamten Welt und speziell der Popkultur einen so weitreichenden Erdrutsch, dass danach nichts mehr war wie vorher – vor allem nicht die Regeln, nach denen Künstler:innen ihre Relevanz bestätigen. Dank neuer Plattformen entstanden Möglichkeiten, die das Musikhören, -machen und -verbreiten vollkommen demokratisierten. Wer eine Message hat, für die es sich lohnt zuzuhören, wer eine Stimme oder einen Beat hat, der:die hat potenziell auch ein Publikum und kann dieses ungefiltert erreichen. Was glücklicherweise niemanden mehr interessiert: Wie gut oder schlecht der:diejenige in festgefahrene Stereotype passt, denn die Welt ist komplex und die Musiker:innen, die von ihr hervorgebracht werden, sind es eben auch.

Es stimmt schon, dass wir in den Hits jeder Zeit schon immer Reaktionen und Haltungen zur gegenwärtigen Gesellschaft ablesen konnten. Diese waren aber noch nie so unmittelbar, konsequent und radikal wie heute. Genau darin besteht die gesellschaftliche und politische Dimension des Pop und seinen Akteur:innen. Und genau deshalb lohnt es sich, diesen Trendsetter:innen zuzuhören und Playlists wie „Today’s Top Hits” zu abonnieren, um nicht das nächste Phänomen zu verpassen.

Jüngstes Beispiel: Lil Nas X. Der ist seit gefühlt erst fünf Minuten im Pop-Olymp unterwegs und hat in dieser Zeit schon zwei Tabus gebrochen: Mit „Old Town Road“ hat er 2019 die erzkonservative Country-Szene für einen kurzen Moment aus den Angeln gehoben. Mit seinem Video zu „Montero (Call Me By Your Name )“ legt er nach: In Overknees gibt der 22-Jährige dem Teufel einen Lapdance, während er unumwunden über Sex rappt. Hip Hop und Queerness galten bisher als unvereinbar – der Track wird dennoch (oder gerade deswegen?) millionenfach gestreamt. Lil Nas X ergründet so nicht nur neue Spielarten des Hip Hop, er erlaubt auch neue Aspekte von Männlichkeit und Sexualität.

Die Hamburger Musikerin Zoe Wees wiederum erreicht ihre Fanbase nicht nur wegen ihrer unnachahmlichen Stimme: In „Girls Like Us“ thematisiert sie den Druck, der durch Schönheitsideale auf junge Frauen und ihre Körper ausgeübt wird. Wees ist damit Teil einer neuen Generation an Frauen, die Freiheit für ihren Körper einfordern. So, wie es auch schon Billie Eilish mit ihren Oversized-Klamotten tat und damit zu Anfang ihrer Karriere die neue Art des weiblichen Popstars etablierte. Eine Kategorie, die sie vor wenigen Wochen eigenhändig torpedierte: Mit ihrem hitzig diskutierten Vogue-Shooting und dem Video zu „Lost Cause“ zeigt Eilish ihren Körper und unterstreicht einmal mehr, wer hier eigentlich die Regeln macht, nach denen sie sich neu erfindet. Wees und Eilish stehen damit in einer Reihe mit Künstlerinnen wie Dua Lipa, die durch ihre Musik, ihr Verhalten und ihre Looks regelmäßig neue Standards setzen.

Die Message, die von diesen Musikerinnen ausgeht, ist, dass eine Frau nicht immer angezogen sein muss, um selbstbestimmt zu sein, und nicht immer nackt sein muss, um bewundert zu werden. Egal, womit und wie leicht sie sich kleiden, sie haben gleichermaßen Respekt verdient.

Die neue Welle des Feminismus oder das Aufbrechen tradierter Genderrollen sind nur zwei von vielen Themenkomplexen, mit denen wir uns jetzt viel offener auseinandersetzen. Wir geben uns mit nichts mehr einfach so zufrieden – nicht beim Thema Klimaschutz, nicht beim Thema Work-Life-Balance, nicht beim Thema Gleichberechtigung und analog dazu eben auch nicht, wenn es um Popmusik geht. Spotify’s „Today’s Top Hits“ ist Gegenwart: 50 Songs, die genau das einfangen, was gerade Zeitgeist ist.

Ausnahmetalent Bad Bunny steht hier neben TikTok-Sensation Olivia Rodrigo, Ariana Grande und Doja Cat. Wo es die News gibt, sobald das heiß ersehnte neue Album von Visionär Travis Scott droppt, dürfte dann ja wahrscheinlich auch klar sein.

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