100 Tage Hansi Flick beim FC Bayern: Eine erste Bilanz

Ben Barthmann
Sports Editor

Am heutigen Dienstag ist Hansi Flick seit 100 Tagen Cheftrainer des FC Bayern München. Der 54-Jährige hat die Mannschaft wieder stabilisiert, die Stimmung verbessert und den FCB an die Tabellenspitze gebracht. Noch dürfte er aber nicht vollkommen zufrieden sein.

Hansi Flick betreut seit 100 Tagen die Profis des FC Bayern. (Bild: REUTERS/Annegret Hilse)

Auf Rang vier übernahm Flick die Bayern, gerade hatte das Team mit 1:5 gegen Eintracht Frankfurt verloren. Die Spieler schienen, das wurde auch in der Öffentlichkeit immer deutlicher, alles andere als zufrieden zu sein mit der Führung von Vorgänger Niko Kovac.

War das erste Spiel (2:0 gegen Olympiakos) mit zwei relativ späten Toren noch mehr Krampf als Spielfreude, ging es beim FC Bayern anschließend deutlich bergauf. Seit dem 20. Spieltag ist der FC Bayern wieder Tabellenführer, am 21. Spieltag trennte man sich vom direkten Verfolger RB Leipzig torlos.

In der Champions League stehen die Bayern im Achtelfinale und treffen auf den FC Chelsea, im Viertelfinale des DFB-Pokals kommt es zum Duell mit dem FC Schalke 04, während Konkurrenten wie Borussia Dortmund oder Leipzig schon ausgeschieden sind. Die Bilanz Flicks: 15 Spiele, 12 Siege, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen.

Flick verbesserte das Team - auf dem Papier und dem Platz

Eine sehr gut gelungene Amtszeit von 100 Tagen für Flick bisher? Im Schnitt erzielen die Münchner unter Flick 3,2 Tore pro Spiel, unter Kovac waren es derer 2,7. Unter Kovac setzte es im Schnitt 1,5 Gegentore pro Spiel, unter Flick sind es noch 0,7.

Die Ergebnisse sprechen durchaus für den ehemaligen Co-Trainer von Kovac, der das Team nicht nur auf dem Papier sondern auch auf dem Spielfeld merklich in gewohnte Bahnen schob.

Die Bayern treten wieder dominanter auf, kombinieren Ballbesitz geschickt mit Tempo und hohem Pressing. Während Kovac, wohl auch innerhalb des Teams, aufgrund eher zurückhaltender, fast schon konservativer Ansätze oft kritisiert wurde, macht Flick nicht alles anders, hat aber an Stellschrauben gedreht, die im Umfeld des FC Bayern gut ankommen.

“Wir wollen erfolgreichen und bezaubernden Fußball spielen, so wie jetzt unter Hansi Flick”, schwärmte kürzlich Präsident Herbert Heiner, der dem Cheftrainer eine Weiterbeschäftigung über den Sommer 2020 hinaus in Aussicht stellte: “Wenn er weiter so gewinnt, dann gibt es keine Alternative.”

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Müller: Unter Flick vom Notnagel zum Stammspieler

Besonders viel Kredit haben Flick die Siege über Borussia Dortmund (4:0) und den FC Schalke 04 (5:0) eingebracht. Leistungen wie zuletzt im DFB-Pokal gegen Hoffenheim (4:3) finden in der Beurteilung weniger Aufmerksamkeit als unter Kovac, weil die Ergebnisse sonst stimmen und trotz kurzen Schwächephasen doch im Normalfall gewonnen wird.

Dazu ist die Rückendeckung durch die Spieler wieder gegeben. Insbesondere muss an dieser Stelle Thomas Müller genannt werden. Unter Kovac nurmehr Notnagel ist der Offensivspieler inzwischen wieder der altgewohnte Schleicher in den gegnerischen Abwehrlinien und erhöht Spiel für Spiel den Druck auf Bundestrainer Joachim Löw, der sich einem Comeback langsam nur noch schwer erwehren kann.

Ähnliche Entwicklungen nahmen Spieler wie Jerome Boateng oder Ivan Perisic. Boateng zählte lange zur Resterampe, inzwischen ist er, auch aufgrund vieler Verletzungen andernorts, fester Bestandteil der Mannschaft. Perisic, irgendwie immer nur Platzhalter für Leroy Sane gewesen, avancierte ebenfalls zur wichtigen Figur im Mannschaftsgefüge.

Coutinho bleibt für Flick ungelöst Aufgabe

Mitnichten ist aber alles perfekt beim FC Bayern. Da wäre etwa die Lage von Philippe Coutinho. Den Brasilianer konnte Kovac schon nicht so wirklich einbauen und auch Flick hat es bislang schwer. “Phasenweise hat er gute Sachen gemacht, dann wieder komplizierte”, ordnete Sportdirektor Hasan Salihamidzic ein.

Coutinho könnte im Sommer fest verpflichtet werden. Die 120 Millionen Euro scheinen aktuell aber anderswo besser angelegt. Auch die Lage rund um Joshua Kimmich und Benjamin Pavard ist nicht optimal. Der Franzose ist der Dauerbrenner beim FC Bayern, viele vermissen aber auf rechts die offensive Durchschlagskraft eines Kimmich.

Noch sind die Bayern sehr abhängig von der linken Seite, über rechts kommt eher wenig. Gegen Leipzig zudem schienen die Münchner phasenweise fast zufrieden mit einem Remis. Das dürfte nicht die Mentalität sein, die man im Allgemeinen als das “Mia san Mia” auffasst. Regelmäßig erlaubt sich der FC Bayern zudem Schwächephasen innerhalb einer Partie.

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Das alles bleibt jedoch Kritik auf hohem Niveau. Plötzlich traut man sich in München wieder mehr zu, Meisterschaft, Pokal - ja vielleicht sogar einen großen Wurf in der Champions League?