1,48 Millionen Dislikes: Negativ-Rekord für Pro-Putin-Song

Johannes Giesler
Freier Autor
Vladimir Putin, links, unterhält sich im Jahr 2012 mit Timati auf einer Veranstaltung, die Kreml-Unterstützern vorenthalten war. Foto: AP Photo / RIA-Novosti, Alexei Druzhinin, Government Press Service

Ein bekannter russischer Hip-Hopper veröffentlichte am Sonntag, dem Tag der Regionalwahlen, ein Loblied auf Moskau und die erfolgreiche Regierung. Doch diesen unkritischen Umgang mit der bestehenden Politik quittierte die überwiegende Mehrheit auf der russischen YouTube-Seite mit einem „Dislike“. Nach nur zwei Tagen brach so das Video, es wurde mittlerweile wieder gelöscht, den Negativ-Rekord.

Laut des britischen „Guardian“ bezeichnet er sich als Vladimir Putins „besten Freund“: Timati. Der ist ein russischer Hip-Hopper und – unschwer zu erraten – großer Fan seines Präsidenten. Das dürfte wohl auch eine entscheidende Rolle dabei gespielt haben, als Timati sein aktuelles Lied „Moskau“ geschrieben und publiziert hat. Unterstützt von Gast-Musiker „Guf“ rappt er darin über die russische Hauptstadt und dass diese „so gut aussieht wie nie in meinen 36 Lebensjahren“.

Problematisch: Nicht nur Inhalt, sondern auch Zeitpunkt

Weiter lobt Timati in dem Lied den Kreml-treuen Bürgermeister Sergei Sobyanin für dessen Arbeit. Auch verurteilt er textlich die regierungskritischen Proteste, die Moskau in den vergangenen Wochen in Atem gehalten hatten. Grund dafür war, dass 57 weitestgehend unabhängige Kandidaten wegen angeblicher Formfehler von den Regionalwahlen, die am vergangenen Sonntag stattfanden, ausgeschlossen worden waren.

„Ich protestiere nicht und erzähle keinen Mist“ ist etwa eine Zeile in seinem Lied. In einer weiteren, die der Guardian alle übersetzt hat, rühmt Timati Moskau dafür, „keine Paraden für Homosexuelle“ zu gestatten. Sein Loblied auf die Regierung und die Hauptstadt hat Timati nun vor drei Tagen, ausgerechnet am Tag der Regionalwahlen, veröffentlicht.

Doch der erhoffte Hit kam bei den russischen Wählern nicht so an, wie erwartet: Nach nur zwei Tagen standen den ungefähr 85.000 „Likes“ ganze 1,48 Millionen „Dislikes“ gegenüber. Damit ergatterte Timatis Song den unrühmlichen Negativ-Rekord auf der russischen YouTube-Seite und schob sich sogar unter die Top 30 der am wenigsten erfolgreichen Videos weltweit. Nach diesem Debakel löschte Timati das Lied wieder von seinem Kanal. Zudem wies er Anschuldigungen von sich, von der Regierung bezahlt worden zu sein, um, so schreibt es der „Spiegel“, Einfluss auf den Urnengang zu nehmen. Timati sagte, er habe sein Lied vielmehr gelöscht, um die ganze „Negativität zu stoppen“.

Die Hip-Hop-Szene ist geteilter Meinung

Auf Instagram schrieb er außerdem: „Heutzutage ist es in Mode, sich über die Regierung zu beschweren. Doch anstatt zu protestieren, sollten die Bürgerinnen und Bürger arbeiten gehen und sich selbst verbessern.“ Timati, der eigentlich Timur Yunusov heißt und in einem früheren Lied Vladimir Putin als „Superhelden“ bezeichnet hatte, wird seine politische Überzeugung wohl auch in Zukunft kaum ändern.

Dabei fahren viele bekannte russische Hip-Hopper keinen regierungsfreundlichen Kurs, schreibt der Guardian. So trat etwa „Face“, einer der größten Stars der Szene, jüngst auf einer Wahlveranstaltung der Opposition auf und auch „Oxxxymiron“, ein Rapper aus St. Petersburg, ist Kreml-Kritiker. Weniger politisch äußerte sich Timatis Gast-Musiker Guf. Er entschuldigte sich zwar via Instagram bei seinen Fans für das Lied. Er schrieb aber auch, dass er von den Wahlen nicht gewusst habe.

Verluste bei den Wahlen für Regierungspartei

Bei denen wäre Putins Partei „Geeintes Russland“ eine erfolgreichere Promo-Aktion wohl ganz willkommen gewesen: Zwar verteidigte sie in den meisten Regionen ihre Mehrheit, aber im Moskauer Stadtparlament, dem international die größte Aufmerksamkeit gilt, fuhr sie laut der „Tagesschau“ große Verluste ein und verlor fast ein Drittel ihrer Mandate. Dennoch besetzt sie auch in Zukunft 25 der 45 Sitze.