3 Tipps, mit denen du eine gute Chefin & Mentorin wirst

Martyna Rieck

Inspirierende Frauen zu portraitieren ist einer der Gründe, wieso ich begonnen habe bei Refinery29 zu arbeiten. Delphine Traoré Maïdou ist definitiv eine davon. Unter ihrer Führung konnte die Allianz Africa die Zahl ihrer Mitarbeiter*innen wesentlich erhöhen und so mehr Unternehmen sowie Privatpersonen in der gesamten Region versichern. Außerdem sitzt sie im Vorstand der Allianz Africa als Chief Operating Officer (COO) und ist dort verantwortlich für die Geschäftsentwicklung der Allianz Gruppe auf dem gesamten Kontinent. 2017 wurde sie außerdem zum CEO des Jahres ernannt. Hier möchten wir ihre Geschichte erzählen.

Bereits während des Interviews fühlte ich mich inspiriert und merke, wie der Tatendrang in mir begann zu wachsen. Die Tipps, die sie für junge Menschen parat hat, sind einfach unheimlich nah- und anwendbar. Aufgewachsen ist sie zusammen mit ihren zwei Geschwistern in einem bescheidenen Haushalt in Burkina Faso. Wahrscheinlich musste sie sich ihren heutigen Erfolg mit härteren Mitteln erkämpfen, als man es sich in Europa vorstellen kann. Against all odds also entgegen aller Erwartungen wäre der Satz, mit dem ich ihren Werdegang am besten beschreiben kann. Heute unterstützt sie, als eine der erfolgreichsten Businessfrauen Afrikas, künftige Führungskräfte und gibt die nötigen Tools oder Soft Skills an die nächste Generation weiter. Dies tut sie mit einer Ehrlichkeit und Authentizität, die sowohl in Deutschland als auch in Teilen Afrikas selten, aber extrem effektiv und nötig ist.

Für den eigenen Erfolg einstehen

Freunde meines Vaters stellten eine Frage immer wieder: Wieso investierst du so viel in ein Mädchen?

„Mein Vater wollte, wie so viele Eltern, dass es uns Kindern einmal besser geht als ihm. Er war es, der es mir ermöglichte, Burkina Faso zu verlassen und eine Universität in den USA zu besuchen – und das obwohl viele seiner Freunde der Meinung waren, er würde sein Geld an meiner Bildung verschwenden, weil ich sowieso kurz darauf heiraten und den Rest meines Lebens als Hausfrau und Mutter verbringen würde. So denken viele Konservative und Vertreter*innen der älteren Generation. Glücklicherweise hörte er nicht auf sie sondern schickte mich, meine Schwester und meinen Bruder auf den weiteren Bildungsweg. Nach dem Grundsatz, dass jedes Kind – unabhängig von Gender – das gleiche Maß an Unterstützung bekommen sollte, erziehe ich heute auch meine beiden Kinder. Bildung ist immer der erste Schritt raus aus der Armut.“

Man hört deutlich die Dringlichkeit in ihrer Stimme. Es muss sich etwas tun, meint sie. Der Bildungsweg muss länger sein als die vorgeschriebenen 12 Jahre. Spricht sie über ihren eigenen, sehr bewundernswerten Werdegang, wird ihre Stimme weicher. Sie hat etwas an sich, das mich an Oprah und ihr Level an allumfassender Sympathie erinnert. Delphine ist unerschrocken ehrlich – auch zu sich selbst. Und sie hat keine Angst, ihre Schwächen unverblümt anzusprechen, sie zuzulassen und sich ihnen dann aber immer wieder aufs Neue in den Weg zu stellen.

Menschen dazu inspirieren, in Führungspositionen zu gehen

„Jede*r braucht eine*n Mentor*in, egal ob das ein Familienmitglied ist, ein Freund, eine Freundin oder jemand aus dem beruflichen Kontext. Auch in dieser Hinsicht hatte ich unglaubliches Glück – andere haben vor mir selbst an meine Fähigkeiten geglaubt. Sie haben mich in die richtige Richtung geschubst. Deswegen gehe ich, wann immer es mir möglich ist, auf Konferenzen oder halte Vorträge und versuche mich mit jungen Menschen zu unterhalten, um vielleicht für sie diese treibende Kraft und der Anstoß zu sein, den sie brauchen.“

In ihrer Rolle als Mentorin lebt sie nach diesen drei Grundsätzen:

1. Die Leiter, die jedes Unternehmen stützt, muss ganz unten am stabilsten sein, sonst fällt auch jede*r, der oder die neben steht. Deswegen manage und helfe Menschen auf allen Leveln aber vor allem in unteren Positionen auf ihrem Weg nach oben.

2. Habe keine Angst davor, Menschen zu pushen und sie an ihre Grenzen gehen zu lassen, wenn du Potential in ihnen siehst.

3. Sei Mentor*in für Bedürftige und denke immer daran: Die von dir ausgesendete und geleistete Hilfe findet immer wieder ihren Weg zurück zu dir. Es gibt in meinen Augen kein besseres Gefühl, als seine Schützlinge Erfolge feiern zu sehen.

Zu seinen Schwächen stehen & mit ihnen in die ehrliche Kommunikation gehen

Bauchpinseleien meint sie damit aber nicht. Jemanden an die Hand zu nehmen und diese Person sein oder ihr vollstes Potential entwickeln zu lassen, heißt eben auch, den steinigen Weg zu gehen. Doch wo Härte ist, muss auch Weichheit sein. Es ist Delphine wichtig, sich selbst vulnerabel zu zeigen. Gerade in Afrika, so sagt sie, ist es nicht populär, Ängste und Emotionen zuzulassen – im beruflichen sowie privaten Kontext. So erzählt sie mir von einem bezeichneten Erlebnis, das sie extrem prägte. Als ihre Mutter vor etwa zwei Jahren verstarb, rief ihr Vater sie an und bat sie nicht zu weinen, sobald sie das mit rund 200 Verwandten gefüllte Haus betritt, in dem der Sarg seiner Ehefrau von 40 Jahren aufgebaut war. Delphines Kinder dürfen weinen, vielleicht gerade weil es ihr nicht erlaubt war. In ihren Haushalt wird offen über Emotionen gesprochen. Denn sie möchte, dass sie wissen, dass auch erwachsene, beruflich erfolgreiche Menschen Ängste haben, ihre eigenen Fähigkeiten genauso oft in Frage stellen wie Jugendliche oder sich in ihren Entscheidungen oder den ihr zugewiesenen Rollen manchmal unsicher fühlen.

„Manchmal fühle ich mich wie eine Hochstaplerin. Dieses Gefühl einzudämmen ist vielleicht meine größte Herausforderung im Leben. Ich bin die Regisseurin meiner eigenen Albträume. Oft finde ich mich in Situationen wie Meetings oder Gesprächen mit wichtigen Entscheidungsträger*innen wieder. Manchmal kann ich nicht anders, als mich und meine Fähigkeiten und meine Daseinsberechtigung in Frage zu stellen. „Wie bin ich hier her gekommen und kann ich das überhaupt schaffen?“ Zu lange darf man diese Gedanken nicht zulassen aber ich denke es ist wichtig sich zu vergegenwärtigen, wo man herkommt und wie sehr sich das Leben seit der Kindheit verändert hat. Das erdet einen extrem.“

„Manchmal fühle ich mich wie eine Hochstaplerin. Dieses Gefühl einzudämmen ist vielleicht meine größte Herausforderung im Leben. Ich bin die Regisseurin meiner eigenen Albträume.

Doch wie schafft man es, trotz Unsicherheiten und Zweifel selbstbewusst aufzutreten und die eigenen Ziele zu verfolgen? „Lebe einen Tag nach dem anderen und setze dir keine zeitlich eingrenzenden Ziele. Mit 25 will ich diesen Job, mit 30 sollte es schon das Haus sein und mit 35 will ich spätestens das erste Kind. Mit solchen Gedanken halten sich meiner Meinung nach viele junge Menschen auf anstatt sich auf das hier rund jetzt zu konzentrieren. Genauso wenig sollte man sich mit anderen vergleichen. Was die ehemaligen Klassenkamerad*innen machen oder die Kolleg*innen im Büro nebenan hat nichts mit der eigenen Realität oder dem eigenen Weg zu tun.“

Die eigene, aus dem Inneren stammende Unsicherheit ist das eine, die extern bedingte die andere. Mir vorzustellen, oftmals die einzige Frau inmitten von vielen hundert Männern zu sein, lässt meinen Blutdruck ansteigen. Wie schafft man das?

„Natürlich habe ich meinen Teil an Rassismus und Sexismus auch auf dem beruflichen Weg erlebt. Oft genug betrat ich einen Raum und konnte sehen, dass nicht viel von mir erwartet wurde. Das nutzte ich als Chance und konnte in ihren Gesichtern erkennen, dass sie ihre Meinung änderten, sobald ich begann zu sprechen. In solchen Situationen muss ich mich selbst daran erinnern, jeder neuen Situation mit Selbstsicherheit zu begegnen. Diese Denkweise zu implementieren fällt mir dennoch ab und zu sehr schwer und ist eine Aufgabe, der ich mich regelmäßig stellen muss. Ich sage mir dann immer wieder, dass ich mich aus einem ganz bestimmten Grund genau dort befinde, wo ich gerade bin. Wir haben alle eine andere DNA, andere Gedankengänge und unterschiedliche Fingerabdrücke – und das aus einem ganz einfachen Grund. Jede*r hat seine oder ihre ganz individuelle Bestimmung.“

Neben ihrer Tätigkeit bei der Allianz, ihrer Rolle als Mutter zweier Teenager sowie ihren Mentorship-Projekten engagiert sich Delphine für gemeinnützige Projekte, wie die Organisation „Africa Risk Capacity“, die auch Hilfe aus Deutschland bekommt und immer auf weitere Spendengelder angewiesen ist. Ziel ist es, bei Epidemien wie dem Ebola-Ausbruch schneller unterstützend zur Seite zu stehen. Dafür muss jedoch ganz dringend an der Infrastruktur gearbeitet werden, damit Informationen, Lieferungen und Hilfsgüter dort ankommen, wo sie dringend gebraucht werden.

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