400 Jahre Karussell - Doch Schausteller haben nichts zu feiern

Keine Achterbahnen, keine Losbuden, kein Mandelduft: Volksfeste sind wegen der Corona-Krise abgesagt. Entsprechend düstere Stimmung herrscht bei den Schaustellern. Dabei hätten sie eigentlich Grund zum Feiern gehabt: Das Karussell wird 400 Jahre alt.

Besucher fahren auf dem Oktoberfest abends mit einem Kettenkarussell. (Foto: Tobias Hase/dpa)

Köln/Burgthann (dpa) - Kinderaugen leuchten, Haare fliegen im Wind, dazu ein bisschen Dideldum-Musik - seit 400 Jahren drehen Karussells ihre Runden. Mögen auf den großen Volksfesten heutzutage zwar rasante Super-Bahnen als Attraktionen gelten - das klassische Karussell darf auch dort nicht fehlen und zieht vor allem kleine Kinder magisch an.

Am 17. Mai 1620 wurde in der osmanischen Handelsstadt Philippopel - heute Plowdiw in Bulgarien - das erste Karussell in Betrieb genommen. Die einfache Konstruktion bestand aus einem großen Wagenrad, das mit Sitzpolstern bestückt war und per Handkurbel in Bewegung gesetzt wurde.

Zunächst wurden die Karussells von Menschenhand oder von Pferden angetrieben. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gab es in England die ersten dampfgetriebenen Karussells, später setzten Elektromotoren sie in Bewegung.

«Die Schausteller haben die technischen Möglichkeiten immer sofort aufgegriffen», sagt Susanne Köpp-Fredebeul, die ein Buch über die Geschichte der Karussells geschrieben hat.

Auch die Sitzgelegenheiten änderten sich je nach Trend: Waren erst mal lange Zeit Pferdchen angesagt, kamen später Autos, Lokomotiven oder Comicfiguren dazu. Das weltweit älteste erhaltene feststehende Karussell aus dem Jahr 1780 steht im Staatspark Hanau-Wilhelmsbad und wurde nach einer aufwendigen Restaurierung 2016 wieder in Betrieb genommen.

Auf den heutigen Kirmesplätzen fällt das gemütliche Kinderkarussell zwischen all den rasanten Fahrgeschäften fast aus dem Rahmen. Gänzlich unbeeindruckt vom «Höher und Schneller» rundherum dreht es sich weiter treu und beständig im Kreis - und findet noch immer seine Fans.

In diesem Jahr ist alles anders

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Wegen der Corona-Krise gibt es keine Kirmes, Karussells stehen genauso still wie Achterbahnen oder Autoscooter. Volksfeste sind bis mindestens 31. August verboten. Das Münchner Oktoberfest ist abgesagt. Auch andere Jahrmärkte, die für den Herbst geplant waren, sind vorsorglich schon mal abgeblasen worden. Eine Katastrophe für die Schausteller.

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Johannes Braun steht auf seinem Hof in Burgthann bei Nürnberg und glättet mit Schleifpapier vorsichtig ein paar Kratzer an einem kleinen weißen Pferd. Später will er es noch mit Klarlack bearbeiten, damit es wieder im vollen Glanz seine Runden auf dem Kinderkarussell drehen kann. «Wir nutzen jetzt die Zeit, um solche Kleinigkeiten zu machen», sagt Braun und seufzt. Wäre nicht die Corona-Pandemie, wäre er jetzt ganz woanders, ständig unterwegs von einem Volksfest zum anderen.

«Heute würde ich den Autoscooter wieder aufbauen», sagt Braun und blickt wehmütig auf die ganzen Fahrzeuge, die unbenutzt herumstehen: Der Autoscooter, das Karussell, zwei Spielbuden, ein Süßwarenstand, mehrere Lastwagen und der 16 Meter lange Wohnwagen, in dem die Familie während der Monate auf Achse lebt. «Das ist das erste Mal in meinen 39 Jahren, dass ich hier sitze. Das ist schwer», sagt Braun, der den Familienbetrieb in siebter Generation zusammen mit seiner Mutter führt.

«Ohne staatliche Hilfe werden einige unserer gut 5000 Betriebe diese Krise nicht überleben», meint der Präsident des Deutschen Schaustellerbunds (DSB), Albert Ritter. Ihre letzten Einnahmen hatten die Schausteller bei den Weihnachtsmärkten. In der folgenden Winterpause haben viele kräftig investiert, um ihre Fahrgeschäfte wieder fit für den Frühling zu machen. Die Rücklagen sind aufgebraucht. Um Ostern herum geht normalerweise die Saison wieder los. Dieses Jahr dagegen: nichts.

“Wir sind auch systemrelevant”

Der DSB fordert neben Nothilfen nun einen Rettungsschirm für die Branche. «Kredite helfen uns nicht weiter», sagt Ritter. Denn die müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Doch der verloren gegangene Umsatz sei nicht nachholbar. «Wir sind auch systemrelevant», meint der DSB-Präsident. «Spaß und Freude sind für die Menschen wichtig.»

Schausteller zu sein, das sei für ihn mehr als nur ein Beruf, sagt Johannes Braun. «Die Begegnung mit den Menschen, die Kinderaugen leuchten zu sehen» - all das fehle ihm jetzt. Er hat Nothilfe beantragt und die Hälfte inzwischen ausgezahlt bekommen. Doch mit der gesamten Summe könne er sich nicht einmal einen Monat über Wasser halten, sagt er.

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Um wenigstens etwas Geld zu verdienen, hat er sich etwas ausgedacht: Vor einem großen Supermarkt in einem Gewerbegebiet hat er seinen zweiten, etwas kleineren Süßigkeitenstand aufgebaut. Braun kurbelt die Rolladen hoch und wirft die Maschine für gebrannte Mandeln an. Nach kurzer Zeit weht der typische Volksfestduft über den Schotter-Parkplatz. «Es ist jetzt nicht der Reißer. Aber die Leute sind begeistert», sagt er und betont: «Das ist nur eine Überbrückungsaktion.»

Durch Corona ist seine berufliche Zukunft plötzlich unsicher geworden. «Man schläft unruhig, man denkt viel nach», sagt Braun. Trotzdem versucht er, zuversichtlich zu bleiben - und träumt davon, dass sich sein Kinderkarussell bald wieder auf einer Kirmes dreht.

Von Petra Albers und Irena Güttel, dpa

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