8 Dinge, die viele ihren Therapeut*innen verschweigen

Kimberly Truong

Auch wenn es in Serien und Filmen oft so dargestellt wird: Eine Therapie bedeutet nur selten, sich einmal wöchentlich auf eine gemütliche Couch zu setzen und eine Runde zu quatschen. Solltest du schon mal eine Psycho- oder Verhaltenstherapie gemacht haben, weißt du, welch harte Arbeit dahintersteckt. Sich einer fremden Person gegenüber emotional zu öffnen, sich seinen Problemen aktiv zu stellen, statt sie zu ignorieren und sich verletzbar zu machen, ist alles andere als leicht.

Weil es sich sehr eigenartig, peinlich oder sogar angsteinflößend anfühlen kann, einer vorerst fremden Person die dunkelsten Geheimnisse und Gedanken anzuvertrauen, verheimlichen viele Menschen bestimmte Dinge. Dinge, für die sie sich so schämen, dass sie sie nicht mal ihrer besten Freundin oder ihrem besten Freund erzählen würde. Dinge, die ihnen so schwer über die Lippen gehen, dass sie sie selbst ihrer Mutter verschweigen würden – ganz gleich, wie innig die Beziehung auch sein mag.

Das Bedürfnis, bestimmte Sachen für sich behalten zu wollen, ist ganz natürlich. Niemand zwingt dich dazu, alles zu erzählen. Doch du solltest nicht vergessen, dass der Sinn einer Therapie ist, dir die Möglichkeit zu geben, jemandem im Vertrauen zu erzählen, was du auf dem Herzen hast. Dein*e Therapeut*in will nur das Beste für dich und wird dich niemals für irgendetwas verurteilen. Doch damit sie oder er dir helfen kann, musst du dich überwinden und mutig alles erzählen, was von Bedeutung sein könnte.

„Denk daran: Alles, was du in der Sitzung erzählst, wird streng vertraulich behandelt, es sei denn, du hast vor, jemanden oder dich selbst zu verletzen“, erklärt die Psychotherapeutin und Gründerin von Positive Prescription Dr. Samantha Boardman. „Es ist ein geschützter Raum, in dem du über alles reden kannst – auch über Sex oder über Dinge, für die du dich schämst, die du sonst niemandem erzählen willst. Genau das ist der Sinn der Sache.“

Welche Themen besonders oft vermieden oder nur oberflächlich besprochen werden, weil es den Klient*innen unangenehm ist, fasse ich in der folgenden Slideshow zusammen. Du wirst sehen, dass du nicht die oder der einzige bist, der oder dem es schwerfällt, bestimmte Dinge anzusprechen. Aber vielleicht hilft dir die Liste ja, Mut zu fassen und dich zu überwinden.

Sex

Viele der Therapeut*innen, mit denen wir gesprochen haben, sagen, Sex ein Thema, das die meisten Patient*innen vermeiden. Doch der Job einer Therapeutin bzw. eines Therapeuten ist es, dir dabei zu helfen, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Aspekten deines Lebens herzustellen – und Sex spielt da natürlich auch eine Rolle.

„Das Sexleben einer Person kann darauf hindeuten, ob sie oder er intime Beziehungen aufbauen kann oder nicht“, so die lizensierte klinische Sozialarbeiterin Jamie Justus. Oder anders gesagt: Wenn du von deinem Sexleben erzählst, kann dein*e Therapeut*in unter Umständen Erklärungen für dein Stresslevel, deine Ängste oder die Beziehung zu deiner Mutter finden.

Illustrated by: Paola Delucca.

Sexueller Missbrauch

Über dieses Thema zu reden, ist für viele Betroffene besonders schwer – unabhängig davon, ob die Person, die dir gegenüber sitzt, dir vertraut ist oder nicht. Trotzdem ist das etwas, worüber dein*e Therapeut*in auf jeden Fall Bescheid wissen sollte.

„Sexueller Missbrauch ist etwas, das in unserer Gesellschaft leider sehr weit verbreitet ist. Wenn Betroffene ihre Erfahrungen für sich behalten, wird das Erlebte weiterhin für Schamgefühle und Schmerzen sorgen“, warnt die Psychologin Dr. Marcia Norman. „Ein*e qualifizierte*r Therapeut*in, der oder dem du vertraust, kann dir dabei helfen zu verstehen, dass es nicht deine Schuld war. Du bist das Opfer, aber du bist stark.“

Illustrated by: Paola Delucca.

Geld

In einer Gesellschaft, in der es vielen sogar vertraglich verboten ist, über ihr Gehalt zu sprechen, ist es kein Wunder, dass einige das Thema auch in der Therapiesitzung nicht gern ansprechen. Dabei wäre es so wichtig, denn wie eine Person mit Geld umgeht und welchen Stellenwert eben dieses hat, kann sehr aufschlussreich sein. „Oft gibt es Verbindungen zu anderen Lebensbereichen und Problemen – zum Beispiel zu Herkunft und Erziehung der Patientin oder des Patienten oder aber auch zu Themen wie Beziehungsproblemen, Entscheidungsprozessen, Machtverhältnissen, Impulssteuerung und Kontrollverlust“, so Justus.

Ist bei dir am Ende des Geldes noch ganz schön viel Monat übrig? Legst du dir regelmäßig etwas für den Notfall beiseite? Stresst dich das Thema Geld? Das alles sind Fragen, die du in der Therapie ansprechen solltest, damit ihr sie gemeinsam analysieren und an deinem Verhalten arbeiten könnt.

Illustrated by: Paola Delucca.

Gesundheitliche Beschwerden & Krankheiten

Dein körperliches und dein seelisches Wohlbefinden hängen stark von einander ab. Auch wenn es für manche sicher unangenehm ist, über PMS oder Magen-Darm-Probleme zu sprechen, ist es wichtig – besonders, wenn es sich um Dinge handelt, die dich sehr beschäftigen oder stressen.

Außerdem können körperliche Symptome deine mentale Gesundheit negativ beeinflussen. Ein Beispiel: „Ich habe mit einer Klientin über ihre Ängste gesprochen und da erwähnte sie ihre überaktive Schilddrüse. Dadurch wurde mir bewusst, dass es auch noch einen anderen Grund für ihre Angstsymptome geben könnte. Also riet ich ihr, sich bei einer Fachärztin oder einem Facharzt vorzustellen und sich durchchecken zu lassen. Die Ergebnisse halfen mir dann wiederum, meinen Job zu machen“, so Justus.

Illustrated by: Paola Delucca.

Gedanken zum Therapieverlauf

Wenn du nach den Sitzungen immer frustriert, traurig oder enttäuscht bist, fällt es dir vielleicht nicht gerade leicht, das deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten zu erzählen. „Es kann sehr unangenehm sein, direktes Feedback zu geben – sogar bei einer Therapie, die ja eigentlich den perfekten Rahmen für offene Worte bieten soll“, so Justus. Doch deine Gefühle runterzuschlucken ist keine gute Idee. „Wenn die Therapie nicht gut läuft, sag es. Dann kann dein*e Therapeut*in neue Ziele aufstellen oder ihr überlegt gemeinsam, was ihr in Zukunft anders machen könnt“.

Es kann auch sein, dass du und dein*e Therapeut*in einfach nicht auf der gleichen Wellenlänge seid. Und das ist vollkommen okay. „Wenn du dich nicht wohlfühlst, sag es. Ich verspreche dir, dass sie oder er es dir nicht übel nehmen wird und dir helfen wird, eine neue Vertrauensperson zu finden, die besser zu dir passt“, erklärt Dr. Norman.

Illustrated by: Paola Delucca.

Ernährung

„Manchen Menschen ist es unangenehm, über ihre Beziehung zur Ernährung und über ihr Körperbild zu sprechen. Grund dafür ist oft der soziale Druck, willensstark sein und die Kontrolle über den eigenen Körper haben zu müssen. Außerdem kann es unangenehm sein, bezüglich der eigenen Beziehung zu Ernährung Verhaltensmuster aufzudecken, bei denen wir das Gefühl haben, wir müssten sie im Griff haben“, meint Justus.

Aber glaub mir: Du bist nicht allein mit diesen Problemen und wenn du sie mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten besprichst, kann das nicht nur zu einem gesunden Geist, sondern auch zu einem gesunden Körper führen.

Illustrated by: Paola Delucca.

Identität

Der Begriff Identität kann sich unter anderem auf Gender, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung und Religiosität beziehen. Es klingt vielleicht sehr offensichtlich, aber laut Justus sind diese Punkte enorm wichtig, um zu verstehen, wer eine Person ist, was sie erlebt hat und was ihre Werte sind.

Auch wenn manche Aspekte deiner Identität vielleicht sichtbar sind oder du sie bereits beim ersten Gespräch erwähnt hast, solltest du sie im Verlauf der Therapie noch mal zum Thema machen – damit sich dein*e Therapeut*in ein umfassendes Bild von dir und deinem Leben machen kann.

Illustrated by: Paola Delucca.

Geschichten, die dich in ein schlechtes Licht rücken

Wir alle haben das Bedürfnis, gemocht zu werden. Doch es könnte den Erfolg deiner Therapie behindern.

„Ich höre viele Geschichten, in denen meine Klient*innen entweder Held*in oder Opfer sind. Aber nur sehr selten erzählt mir mal jemand, wenn sie oder er etwas falsch gemacht, überreagiert oder jemanden verletzt hat“, berichtet Justus. Und das ist auch logisch, denn diese Dinge zuzugeben, ist gar nicht so leicht. Dennoch ist es wichtig, auch über diese Erlebnisse und Gefühle zu sprechen, denn laut Justus müssen wir genau dort ansetzen, wenn wir etwas verändern wollen. Sie stellen sozusagen die Basis dar, die wir brauchen, um wachsen zu können. Wir alle machen Fehler und niemand kann die Vergangenheit ändern. Aber wenn du mit einer Person über Sachen sprichst, die du bereust, kann dir das dabei helfen, Wege zu finden, wie du es wieder gutmachen kannst. Wege, endlich loslassen zu können.

Illustrated by: Paola Delucca.

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