Alibaba und Tencent: Chinas Internetstars in Sippenhaft des Handelsstreits

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Wachstumstar Alibaba: Der Himmel scheint die Grenze zu sein (Foto: © www.AlibabaGroup.com)

Es ist das beherrschende Thema des Börsenjahres 2019: Der andauernde Handelsstreit zwischen den USA und China, unter dem vor allem Aktien aus dem Reich der Mitte leiden. Dabei unterstreichen die jüngsten Zahlenwerke von Alibaba und Tencent, dass die Digitalstars aus Fernost ungebremst weiterwachsen.

Die digitale Revolution verläuft am anderen Ende der Welt tatsächlich noch dynamischer und ungezügelter als im Silicon Valley. Zwei mächtige Konzerne teilen sich den Löwenanteil der chinesischen Internetwirtschaft unter sich auf – E-Commerce-Riese Alibaba, dem 2014 gar der größte Börsengang aller Zeiten gelang, und Tencent.

Und doch befinden sich Digitalchampions aus Shenzhen und Hangzhou, die 2017 und 2018 kurzfristig bereits in den erlesenen Kreis der fünf wertvollsten Konzerne der Welt vorgestoßen waren und dabei zwischenzeitlich gar Facebook nach dem Börsenwert überholt hatten, an den Kapitalmärkten seit rund einem Jahr unter Druck.

Tencent vermeldet Gewinnsprung von 35 Prozent

Vor allem die harte Gangart aus Washington gegen den die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt belastetet die Kursentwicklung der beiden wertvollsten Konzerne aus dem Reich der Mitte, obwohl die von der Trump-Administration verabschiedeten Strafzölle auf Warenimporte aus China bislang sichtbar keine Spuren in den Geschäftsbilanzen hinterlassen haben. Im Gegenteil: Alibaba und Tencent wachsen weiterhin sogar schneller als die US-Internetpendants Amazon, Alphabet oder Facebook.

So konnte Tencent gestern bei Vorlage seines Zahlenwerks für das abgelaufene Juni-Quartal steigende Umsätze von 21 Prozent auf 88,8 Milliarden Yuan (12,9 Milliarden Dollar) und sogar ein Gewinnplus von 35 Prozent auf 24,14 Milliarden Yuan (3,6 Milliarden Dollar) verbuchen. Treiber der explosiven Gewinnentwicklung, die über den Erwartungen der Analysten lag, war in erster Linie die Smartphonespiele-Sparte, die in den vergangenen Jahren durch Übernahmen von Gaming-Pionieren wie Supercell (“Clash of Clans” ) und Riot (“League of Legends”) rasant gewachsen ist.

Tencent-Aktie seit Jahresbeginn nur fünf Prozent im Plus

Entsprechend erzielt die Konzernsparte “Value Added Services” (VAS), in die sowohl die Gaming-als auch Messaging-Aktivitäten einfließen, den Löwenanteil der Erlöse. Im Juni-Quartal legten die VAS-Umsätze, getragen von neuen Spiele-Hits "Honour of Kings", "Perfect World Mobile" und "Peacekeeper Elite“, um weitere 14 Prozent auf bereits 48 Milliarden Yuan (7 Milliarden Dollar) zu. Am dynamischsten wächst beim Mutterkonzern der Universal-Messaging-App WeChat unterdessen das Geschäft mit FinTech und Business Services: Die Umsätze der Zahlungs- und Cloud-Dienste legten um 37 Prozent auf 22,88 Milliarden Yuan (3,4 Milliarden Dollar) zu.

An der Börse löste das Zahlenwerk indes keine Begeisterungsstürme aus. Die Tencent-Aktie gab in Reaktion auf die Quartalsbilanz um vier Prozent nach und liegt seit Jahresbeginn lediglich um 5 Prozent vorne – und damit deutlich hinter den US-Internet-Champions Facebook (plus 37 Prozent), Amazon (plus 17 Prozent) und Alphabet (plus 12 Prozent)

Alibaba übertrifft Analystenerwartungen

Das gleiche Bild zeigt sich auch beim aktuell wertvollsten Konzern Chinas – Alibaba. Die Anteilsscheine des E-Commerce-Giganten liegen seit Januar nur noch um 17 Prozent vorne und brechen bei jeder neuen Entwicklung im chinesisch-amerikanischen Handelsstreit ein. Vorvergangene Woche kollabierten die Papiere in wenigen Handelstagen um 15 Prozent, nachdem US-Präsident Trump neue Importzölle auf chinesische Waren ab September bekannt gegeben hatte, die inzwischen wieder zum Teil relativiert wurden.

Fundamental laufen die Geschäfte indes ebenfalls blendend. Für den Dreimonatszeitraum von Anfang April bis Ende Juni vermeldete der von Jack Ma vor 20 Jahren gegründete E-Commerce-Pionier heute deutlich bessere als prognostizierte Ergebnisse. Statt wie erwartet 111,73 Milliarden Yuan konnte der 19 Jahre alte Internetchampion aus dem Reich der Mitte tatsächlich 114,92 Milliarden Yuan (16,74 Milliarden Dollar) erlösen. Gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht das immer noch einem beachtlichen Umsatzwachstum von 42 Prozent, mit dem Alibaba alle US-Digital-Rivalen hinter sich lässt.

Cloud-Geschäft bleibt der Wachstumstreiber

Die Gewinne explodierten unterdessen regelrecht, nachdem im vergangenen Jahr noch die Ausgaben von Aktienoptionen beim Tochterunternehmen Ant Financial das Ergebnis gedrückt hatte: Nach 8,7 Milliarden Yuan (1,3 Milliarden Dollar) im Vorjahreszeitraum konnte Alibaba nunmehr im zweiten Quartal einen Gewinn von 24,38 Milliarden Yuan (3,55 Milliarden Dollar) verbuchen. Auch beim Gewinn je Aktie übertraf der mit 430 Milliarden Dollar wertvollste Konzern Chinas die Analystenerwartungen deutlich. Statt 10,25 Yuan je Anteilsschein konnte Alibaba zwischen April und Juni tatsächlich einen Gewinn je Aktie von 12,55 Yuan ausweisen.

Mit Abstand wichtigste Konzernsparte bleibt weiter die E-Commerce-Unit, deren Erlöse um 44 Prozent auf 99,2 Milliarden Yuan (14,86 Milliarden Dollar) zulegte und bereits für 87 Prozent der Umsätze verantwortlich ist. Der eigentliche Treiber von Alibabas Geschäftsdynamik ist unterdessen wie beim US-Rivalen Amazon (AWS) die noch relativ junge Cloudsparte, die ein explosives Umsatzwachstum von 66 Prozent auf 7,79 Milliarden Yuan (1,13 Milliarden Dollar) vorweisen kann.

„Zahlreiche Wachstumstreiber in den kommenden Jahren“

An der Wall Street kam das vor dem Handelsstart vorlegte Zahlenwerk zunächst gut an: Anteilsscheine von Alibaba verteuerten sich zunächst um drei Prozent auf 170 Dollar, ehe Gewinnmitnahmen das Papier auf 165 Dollar drückten. Im 12-Monats-Vergleich liegen Anteilsscheine von Alibaba damit sogar leicht hinten; gegenüber dem Allzeithoch aus dem Sommer 2018 betragen die Kursrückgänge bereits mehr als 20 Prozent.

Nach Einschätzung von Thomas Chong, Aktienanalyst beim Bankhaus Jefferies, wird das Wachstumspotenzial der chinesischen Nummer eins von der Wall Street aktuell nicht hinreichend erkannt. „Unserer Meinung nach hat Alibaba in den kommenden Jahren zahlreiche Wachstumstreiber.“

Der klassische E-Commerce-Marktplatz bleibe eine Cash Cow, die von der Digitalisierung des Einzelhandels profitiere. Alibaba sei im Reich der Mitte im Cloud Computing-Sektor Marktführer, „der das Rückgrat der Digitalisierung in zahlreichen Branchen ist“, schreibt Jefferies-Analyst Chang in einer Studie, die dem Finanzinformationsdienst CNBC vorliegt. Die Wall Street scheint die Einschätzung in der Gesamtheit zu teilen: Nach einer Reuters-Erhebung rufen Analysten mit durchschnittlich 218 Dollar ein um 32 Prozent höheres Kursziel auf.