Allein zusammen: Wie Smartphones Eltern-Kind-Beziehungen schaden

Carolin Klar
Freie Autorin für Yahoo Style
Einen Blick auf die Mails werfen? Auch beim Spielplatzbesuch zücken Eltern ihr Smartphone. (Bild: Getty Images)

Was macht es mit Kindern, wenn die Eltern ständig aufs Smartphone schauen? Forscher warnen, dass die digitalen Medien das Familienleben zum Negativen verändern. Die Leidtragenden sind aber nicht nur die Kinder. Die Eltern schaden auch sich selbst.

Es ist nicht nur eine Beobachtung, die man vielleicht selbst ab und zu in seiner eigenen Familie oder bei anderen macht: Studien haben gezeigt, dass digitale Geräte den Eltern-Kind-Austausch beim Essen reduzieren und dass Mütter und Väter durch Smartphones auf dem Spielplatz weniger auf die Bitte nach Zuwendung durch ihren Nachwuchs reagieren.

Amerikanische Forscher warnen jedoch auch davor, dass Eltern, die zu viel Zeit an ihrem Handy, Computer oder vor dem Fernseher verbringen, Verhaltensauffälligkeiten bei ihren kleinen Kindern begünstigen und ihrer Beziehung langfristig schaden. Außerdem stellt eine aktuelle englische Studie eine Veränderung im Familienleben durch digitale Medien fest: Die “alone together”-Zeit habe zugenommen – die Familienmitglieder sind also mehr zusammen, beschäftigen sich aber allein.

Technoferenzen: Wie digitale Medien den Eltern-Kind-Kontakt stören

Dadurch, dass mobile Geräte überall hin mitgenommen werden, haben sie Einfluss auf verschiedene Situationen, die eine wichtige Rolle bei der sozial-emotionalen Entwicklung der Kinder spielen: das gemeinsame Essen, Spielen und Zubettbringen der Kleinen zum Beispiel.

Das sieht dann so oder so ähnlich aus: Papa zückt beim Füttern das Smartphone, wenn es piepst und der Spross, mit dem er gerade noch so nett gescherzt hat, wird zur Nebensache. Das Töchterchen soll alleine schön weitermalen, weil Mama schnell eine E-Mail schreiben muss. Das Kind bastelt plötzlich ohne Vater weiter, weil er kurz etwas im Internet nachschauen will. 20 Uhr? Die Nachrichten! Das Söhnchen wird davor noch schnell ins Bett gebracht. Händchenhalten? Ist nicht mehr drin.

Ein negativer Kreislauf

Durch das Smartphone und den Computer wird das Kind regelmäßig schnell mal zur Nebensache. (Bild: Getty Images)

Kontakte mit Freunden pflegen, News lesen oder Online-Spiele machen: Mobile Geräte sind für Eltern auch ein Mittel, um Stress abzubauen, Langeweile zu bewältigen oder sich zurückzuziehen.

Was passiert, wenn Eltern regelmäßig die gemeinsame Aktivität mit ihrem Kind unterbrechen, um sich digitalen Medien zuzuwenden? Das untersuchten erstmals die Amerikaner Brandon McDaniel von der Illinois State University und Jenny Radesky von der University of Michigan Medical School. Es wurden 183 Elternpaare mit Kindern im Alter von fünf Jahren und jünger über einen Zeitraum von sechs Monaten befragt.

Die Studie brachte mehrere interessante Ergebnisse hervor:

1. Hyperaktivität, Jammern, Schmollen und Wutanfälle sind häufiger bei Kindern, die von ihren Eltern aufgrund ihres Medienkonsums ignoriert werden. Die Kleinen weinen mehr, sitzen weniger still und sind schneller frustriert. Außerdem benehmen sich die Kinder albern, werden laut und sind impulsiver, wenn die Eltern ihre Aufmerksamkeit einem mobilen Gerät schenken statt ihren Kindern. Der Nachwuchs buhlt um die Aufmerksamkeit der Eltern.

Wenn Eltern auf eine Nachricht auf ihrem Smartphone reagieren, sind die Kinder oft durch den plötzlichen Verlust ihrer Zuwendung frustriert – vor allem wenn für die Kinder unklar ist, warum sich ihre Eltern dem Gerät zuwenden.

2. Die Verhaltensauffälligkeiten zeigen sich schon bei wenigen Unterbrechungen. Bei den Studienteilnehmern wurde mindestens einmal täglich der Eltern-Kind-Austausch durch die digitalen Medien gestört.

3. Die Reaktionen der Kinder auf das Medienverhalten ihrer Eltern verstärken den negativen Kreislauf. Sie lösen bei den Eltern Stressgefühle aus und führen dazu, dass sie sich noch mehr dem Smartphone, Computer & TV zuwenden. Das wiederum verstärkt die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder.

4. Außerdem zeigen die Eltern weniger Verständnis für die Befindlichkeiten und Bedürfnisse ihrer Kinder. Die befragten Erwachsenen gaben an, dass mobile Geräte sie emotional und geistig beeinflussen und es ihnen schwer machen, die Absichten ihrer Kinder zu erkennen oder darauf zu reagieren. Eltern, die oft während der Eltern-Kind-Zeit mobile Geräte benutzen, sprechen weniger mit ihren Kindern und sind genervter, wenn ihr Sprössling nach ihrer Aufmerksamkeit sucht.

Kurzum: Die Nutzung digitaler Medien durch die Eltern und das Verhalten der Kinder haben beidseitig Einfluss aufeinander.

“Allein zusammen”: Das Familienleben mit digitalen Medien

Eine aktuelle Studie aus England zu der Auswirkung von Mobilgeräten auf das Familienleben ergab, dass Kinder zwischen acht und 16 Jahren mehr Zeit zu Hause mit ihren Eltern verbringen. Aber: Die zusätzliche Zeit machen sie nicht etwas zusammen, sondern die Zeit verbringen sie allein an ihren Handys, Tablets, Computern oder Spielkonsolen. 30 Minuten länger sind die britischen Kinder und Jugendlichen daheim, stellten Forscher der Universitäten von Oxford und Warwick fest.

Die Wissenschaftler betonen, dass die Familienzeit wie etwa gemeinsames Essen, Hobbys oder Familien-Fernsehabende durch die Nutzung der digitalen Medien jedoch nicht weniger geworden sei – sie beträgt circa 90 Minuten am Tag.

Warum die Zeitverlagerung auf die eigenen vier Wände stattgefunden hat, müssten die Forscher separat untersuchen. Das Zuhause mag durch die digitalen Medien ein attraktiverer Ort geworden sein, so eine ihrer Vermutungen. Es kann aber auch sein, dass die Eltern wollen, dass ihre Kinder aus Sicherheitsgründen mehr daheim sind.

Die britischen Forscher fürchten übrigens ebenfalls um den schlechten Einfluss auf die Eltern-Kind-Beziehung durch Geräte wie Smartphone, Fernseher, Computer, Tablet, iPod und Konsole – dass die mobilen Geräte die Aufmerksamkeit der Familienmitglieder bei den gemeinsamen Aktivitäten stören und dass die Qualität der familiären Beziehungen unter Handys und Co. leidet.

Fazit: Was kann man tun?

Eltern müssen ihr Mediennutzungsverhalten kritisch hinterfragen. (Bild: Getty Images/ The Good Brigade)

Sicher müssen Kinder nicht zu hundert Prozent die Aufmerksamkeit der Eltern bekommen. Und auch früher wandten sich Eltern von ihren Kindern ab, wenn das Telefon klingelte, sie Zeitung lasen oder Gespräche führten. Aber digitale Medien werden anders genutzt, sie haben eine enorme Sogwirkung und die mobilen Geräte sind ständig griffbereit.

Man muss deshalb aufmerksam bleiben und regelmäßig sein eigenes Mediennutzungsverhalten hinterfragen. Andere haben ein Recht darauf, dass ein Gespräch, eine gemeinsame Aktivität oder das Essen nicht abrupt unterbrochen wird, wenn ein Signal vom Smartphone ertönt oder ein bestimmtes Programm im Fernsehen kommt. Das erfordert Disziplin. Aber was ist wichtiger als die eigene Familie? Es können auch feste Zeiten oder Situationen festgelegt werden, wann Smartphone, Laptop oder Fernseher tabu sind – und diese müssen dann für alle Familienmitglieder gelten.

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