Analyse: Heute beginnt das große Schaulaufen bei der SPD

Ein Anhänger mit der SPD-Fahne beim Gillamoos-Jahrmarkt (Bild: REUTERS/Michael Dalder)

Heute beginnt die erste von 23 Regionalkonferenzen: Dort präsentieren sich die Kandidaten für den SPD-Vorsitz. Wer hat die besten Chancen, wer ist krassester Außenseiter? Ein Überblick.

Eine Analyse von Jan Rübel

Also, für einen Job, der nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig ist, beginnt heute nicht nur eine Castingshow, sondern gleich eine ganze Reihe von ihnen: Die Suche der SPD nach ihrer Führung geht nach zwei Monaten des Abwartens und Sondierens in die heiße Runde. Acht Männer und neun Frauen bewerben sich um den Vorsitz bei den Sozialdemokraten, zumeist im Duo.

Zweieinhalb Stunden sind vorgesehen, jeweils auf 23 Regionalkonferenzen – ein echtes Schaulaufen, bei dem die Kandidaten so wenig Zeit haben, dass sie in Schnappatmung geraten könnten. Profil zeigen, das ist ihre Aufgabe. Sich unterscheidbar machen, Perspektiven aufzeigen. Denn ihre Partei liegt am Boden. Der Ruhm der Vergangenheit und auch die Leistung als verlässlicher Regierungspartner (egal, ob man diese Politik gutheißt oder nicht) strahlen noch, aber matt. Es ist verdammt schwer Zuversicht auszustrahlen. Wer also hat den Hut in den Ring geworfen?

Klara Geywitz und Olaf Scholz

Klara Geywitz und Olaf Scholz zählen zu den Favoriten (Bild: Carsten Koall/Getty Images)

Die beiden haben bisher die besten Chancen. Denn Scholz ist als Bundesfinanzminister und Vizekanzler der einflussreichste Sozialdemokrat, der sich bewirbt. Lange zögerte er – musste aber dann ran, weil die halbe Republik sich wunderte, warum nur eher unbekannte Genossen nach dem Vorsitz zu greifen trachten. An Scholzens Seite steht Geywitz, sie ist in Brandenburg den Bürgern und der Partei an sich durchaus bekannt, trägt das Image einer resoluten und prinzipientreuen Politikerin. Beide stehen für die Fortsetzung der Koalition mit der Union. Das ist nicht gerade populär, aber die Landtagswahlen vom vergangenen Sonntag zeigen: Im Zweifel hat der Bürger nichts gegen Kontinuität.

Nina Scheer und Karl Lauterbach

Nina Scheer und Karl Lauterbach würden links abbiegen und die GroKo-Spur verlassen (Bild: Thomas Imo/Photothek via Getty Images)

Chancenlos sind sie nicht. Beide sind „nur“ Bundestagsabgeordnete, sie als Umweltexpertin und er als wichtiger Verhandler in der Gesundheitspolitik. Beide verfechten einen linken Kurs, der auch aus der Koalition führen soll. Doch sind sie nicht gut vernetzt. Dafür verfügen sie über mehr Ausstrahlung als andere Kandidaten. Ein Ergebnis im Mittelfeld ist ihnen mindestens zuzutrauen.

Petra Köpping und Boris Pistorius

Petra Köpping und Boris Pistorius werfen ihre Erfahrung als Landespolitiker in die Waagschale (Bild: Thomas Imo/Photothek via Getty Images)

Sie sind die Geheimfavoriten. Dieses Duo besteht aus erfahrenen Landespolitikern, gut vernetzt und an der Basis durchaus beliebt. Köpping kennt die ostdeutschen Gefühlslagen bestens, während Pistorius in Westdeutschland die Befindlichkeiten bedienen kann – sie ist Integrationspolitikerin, er ein Sicherheitsexperte. Prickelnd stehen sie nicht gerade da, könnten aber überraschen. Gerade bei den Parteimitgliedern, und auf die kommt es an, könnten sie punkten.

Christina Kampmann und Michael Roth

Frisch aber eher chancenlos: Michael Roth und Christina Kampmann (Bild: Thomas Imo/Photothek via Getty Images)

Wer erfahren will, was dieses Duo antreibt, hört erstmal viel Parteiengedöns, es geht um Strukturreformen. Damit reißen die beiden keinen vom Hocker. Sie ist nach vorn strebende Landtagsabgeordnete, er Staatsminister im Auswärtigen Amt, beide haben offenbar viel Zeit. Sie würden als Vorsitzende sehr frisch wirken und könnten einen echten Baerbock-Habeck-Effekt erzielen – aber mangels Begeisterung an der SPD-Basis wird es zu dieser Chance wahrscheinlich gar nicht erst kommen.

Gesine Schwan und Ralf Stegner

Parteiprominenz mit wenig Begeisterungspotenzial: Ralf Stegner und Gesine Schwan (Bild: Emmanuele Contini/NurPhoto via Getty Images)

Hier liegt ein hoffnungsloser Fall vor. Schwan ist eine Intellektuelle mit Strahlkraft, sie bringt einen zum Zuhören. Doch vernetzt ist die Professorin in der Partei kaum. Das ist Stegner umso mehr, als Strippenzieher des linken Flügels – aber er hat eine derart desaströse Außenwirkung, dass das Satiremagazin „Titanic“ eine Sondernummer nach der anderen drucken würde, wäre er SPD-Parteichef. Das ist sicher ungerecht. Ändert aber nichts an den Gesetzen politischer Begeisterungsfähigkeit.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

Arbeitstiere mit wenig Außenwirkung? Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken (Bild: Thomas Imo/Photothek via Getty Images)

Schon beim Lesen dieser Namen geistert durch den Kopf: Saskia und Norbert wer? Umso etablierter sind die beiden in den Parteistrukturen, der mächtigste Landesverband NRW unterstützt sie. Walter-Borjans erstritt sich einen Ruf als gegen Steuerkorruption kämpfender Landesfinanzminister, sie gilt als firm in Digitalpolitik. Von der Außenwirkung her aber punkten sie nur so stark wie eine Schlaftablette.

Simone Lange und Alexander Ahrens

Gemischtes Ost-West-Doppel: Simone Lange und Alexander Ahrens (Bild: Sebastian Willnow/zb/dpa)

Wer in den Biographien der Kandidaten blättert, denkt nach einigen Seiten: Interessant sind die Köpfe schon, die sich da bewerben; das gilt auch für dieses Duo. Lange ging als Sachbearbeiterin der Kriminalpolizei vom Osten in den Westen, er als Sinologe und Ehemann einer Kriminalpolizistin in den Osten. Beide setzten sich vor Ort durch und regieren als Bürgermeister in Flensburg und in Bautzen. Nur wofür sie politisch stehen, ist weniger bekannt. Allein kommunalpolitisches Profil und interessante Persönlichkeit aber werden nicht ausreichen, um an die Parteispitze zu kommen.

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

Wichtiges Thema, geringe Chancen: Hilde Mattheis und Dierk Hirschel (Bild: Thomas Imo/Photothek via Getty Images)

Dieses Duo steht für soziale Gerechtigkeit – was das wichtigste Thema für die SPD sein sollte. Doch darüber hinaus ist selbst bei raffiniertester Phantasie nicht auszumalen, wie die beiden eine Zugkraft für die SPD entwickeln könnten. Sie ist halt eine langjährige Bundestagsabgeordnete, er Chefökonom bei Verdi. Das reicht nicht.

Karl-Heinz Brunner

Der einzige Doppelspitzen-Verweigerer: Karl-Heinz Brunner (Bild: Thomas Trutschel/Photothek via Getty Images)

Beim Googlen von „Karl-Heinz“ landet man erst nach einer Weile bei Brunner. Seine Begründung für die Kandidatur klingt wagemutig: Es gebe im Bewerberumfeld zu viele Kritiker der Koalition – da schafft Brunner aber kaum ein Gegengewicht, weil ihn halt die breite Parteibasis nicht kennt. Er ist auf einer Mission Impossible.

Nun geht es also los mit den Castingshows. Überraschungen können auf den 23 Regionalkonferenzen natürlich auftreten, solche Veranstaltungen entfalten ihren eigenen Charme – und völlig unabsehbar ist, wer plötzlich punkten kann.

Wie geht es weiter? Die Tour endet am 12. Oktober, dann stimmen die Mitglieder ab. Das Ergebnis soll Ende Oktober vorliegen: Erreicht kein Team die absolute Mehrheit, kommt es zur Stichwahl. Formell wird dann die neue Führung auf dem SPD-Parteitag im Dezember gewählt.