Warum es eine Anruf-Phobie gibt und wie man diese überwindet

In einer Zeit, in der unsere Hauptkommunikationsform aus Sofortnachrichten besteht und in der fast alles online erledigt werden kann – vom Essen bestellen bis hin zum Buchen eines Termins beim Doktor – werden Telefonanrufe immer seltener. Aber es gibt sie noch, die Augenblicke, in denen es unausweichlich ist, doch das Smartphone oder den Hörer in die Hand zu nehmen und jemanden anzurufen.

Bei manchen Menschen kann das Telefon Panikattacken auslösen. (Bild: Getty Images)

Für manche ist das kein Problem, aber für andere löst das Wählen fast schon panikartige Reaktionen aus – zitternde Hände, Schweißausbrüche und ein beklemmendes Gefühl in der Brust.

Die sogenannte Anruf-Phobie sogar noch weiter verbreitet als zumeist angenommen und nicht nur auf diejenigen mit einer allgemeinen Sozialphobie beschränkt. The Cut sammelte diverse Guides und Tweets im Internet, die für Personen erstellt wurden, die sich vor Telefonanrufen fürchten, aber beispielsweise ihre politischen Repräsentanten anrufen wollten, um für gewisse Veränderungen zu plädieren.

Egal, ob es um eine politische Veränderung geht oder einfach nur um die Reservierung in einem Restaurant, das keine Online-Buchungen annimmt – die beste Art und Weise, um die Anruf-Phobie zu überwinden, ist das Verstehen des Problems.

Es ist weitgehend bekannt, dass der Großteil der menschlichen Kommunikation auf nonverbaler Ebene stattfindet, weswegen Anrufe so nervenaufreibend sein können. Alle Hinweise, die der Gegenüber uns durch Gesichtsausdrücke, Körpersprache und Gesten über die tatsächliche Bedeutung des Satzes gibt, fallen hierbei weg und machen so Missverständnisse wahrscheinlicher. Und dies gilt natürlich auch andersherum: "Manchmal, wenn wir mit jemandem sprechen, zeigen wir unsere Unterstützung und Ermutigungen durch unsere Gesichtsausdrücke", sagt der klinische Psychologe Alexander Queen. "Wenn wir am Telefon sind, kann man diese normalen, nonverbalen Hinweise nicht geben und das kann ziemlich beunruhigend sein."

Das Senden von Textnachrichten ist zwar auch eine Form von nonverbaler Kommunikation, aber der wichtige Unterschied bei Telefonanrufen ist der Zeitdruck, der entsteht. Man kann die Antwort nicht stunden- oder sogar tagelang überdenken und bearbeiten, denn jegliche Pause wird plötzlich bedeutungsschwer. Ein Gespräch am Telefon kostet zudem mehr Zeit und vor allem Aufmerksamkeit, wodurch die Sorge entsteht, eine Belastung für den Angerufenen zu sein. "Menschen machen sich Gedanken wie: Nerve ich die Person? Werde ich eine Belästigung sein?", beschreibt Jeremy Jamieson, ein Psychologe an der University of Rochester, die Überlegungen von Menschen mit einer Anruf-Phobie.

Vorsicht Datenspione: Diese Apps sollten Android-Nutzer sofort löschen

Die Abneigung gegen Anrufe liegt auch an dem einfachen Gefühl, von anderen beurteilt zu werden, wenn man in der Öffentlichkeit oder sogar im Büro in sein Gerät spricht. Menschen lieben es zu lauschen. Dieser Gedanke trägt nicht gerade zur Beruhigung bei, wenn man sich sowie schon dem Druck ausgesetzt sieht, sich unter Zeitdruck klar verständlich auszudrücken und den anderen zu verstehen. Sich von anderen Menschen beobachtet und belauscht zu fühlen, macht eine Konversation nicht einfacher.

Und der letzte, aber vermutlich schwerwiegendste Grund für die Anruf-Phobie in heutigen Zeiten ist die Tatsache, dass wir es einfach nicht mehr häufig genug tun. Jamieson verglich dies mit dem Versuch unserer Großeltern, Facebook zu verstehen und korrekt zu nutzen. "Es ist umständlich, sie kennen die Regeln nicht, sie wissen nicht, was hier so los ist." Am Telefon zu sprechen und all die dem Anruf eigenen Nuancen und Zeichen zu verstehen, braucht ebenfalls Praxis und Übung.

Darum ist der beste Weg, die Angst zu überwinden, ein eigentlich sehr einfacher: häufiger telefonieren. Es funktioniert ähnlich wie eine Expositionstherapie. Mehr Anrufe zu tätigen hilft dabei, die gesamte Erfahrung weniger beängstigend zu machen.

Queen rät dazu, unsere Einstellung zu Telefonanrufen zu überdenken. Die Besorgnis, eine Belastung zu sein, kann man beispielsweise mit der Überlegung bekämpfen, warum der Andere denn überhaupt den Hörer abnehmen würde, wenn er keine Zeit hätte. Es hilft auch, sich daran zu erinnern, dass man nicht die einzige Person ist, die sich beim Sprechen mal verhaspelt – was für einen selbst wie ein riesiger Stolperer aussieht, fällt dem Gesprächspartner vermutlich kaum auf.

Andere Psychologen empfehlen, sich einfache Ziele zu setzen. Man kann versuchen, das Gespräch auf mindestens fünf Minuten zu bringen, und mit egal wem über egal was reden. Um zu verhindern, keine Themen mehr parat zu haben, kann man sich ein lockeres Script schreiben oder vor dem Gespräch laut üben, was man sagen will.

Und dann bleibt nur noch eins zu tun: Die Nummern eintippen und den grünen Hörer drücken!

VIDEO: Google stellt neues Pixel-Phone vor