Apple TV+: Wie gut ist der neue Streaming-Dienst – und was bringt er Apple?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Apples neue Blockbusterserie: The Morning Show mit Reese Witherspoon (li.) und Jennifer Aniston (Foto: © Apple)


Seit rund zwei Wochen ist Apple ein Streaming-Serienanbieter. Mit einem kleinen, aber feinen Angebot an Serien ist Apple TV+ gestartet. Welches Potenzial besitzt der Streamingdienst? 

Warren Buffett klang nicht begeistert. "Es gibt bereits sehr große Spieler, die um die zwei Augen der Zuschauer kämpfen", erklärte der erfolgreichste Investor aller Zeiten im Frühjahr, als Apple seine lang erwarteten Streaming-Pläne konkretisierte. "Es gibt viele sehr smarte Leute mit einer Menge Ressourcen, die herauszufinden versuchen, wie man eine weitere halbe Stunde Zeit der Zuschauer ergattert. Ich möchte dieses Spiel nicht spielen“, legte sich das "Orakel aus Omaha“ fest.  

Seit rund zwei Wochen spielt Apple das Milliarden-Spiel nach jahrelanger Vorbereitung dennoch. Am 1. November startete der wertvollste Konzern der Welt mit viel PR-Buhei seinen lang erwarteten Streaming-Dienst Apple TV+. Nach einer kurzen Probefrist von nur einer Woche bezahlen interessierte Nutzer lediglich 4,99 Dollar / Euro im Monat – ein für Apple ungewöhnlich niedriger Preis. 

Stark limitiertes Angebot zum Start 

Dafür ist das Angebot bislang indes auch ungewöhnlich begrenzt: Gerade einmal vier Unterhaltungsserien stehen zum Start bereit: Das Blockbuster-Format „The Morning Show“, die Raumfahrtserie „For all Mankind“, die Fantasyserie  „See – Reich der Blinden“  und die historische Serie „Dickinson“ um die amerikanische Dichterin. Dazu kommen drei weitere Serienangebote für Kinder und die Dokumentation „Die Elefantenmutter“.

Für Bingewatch-begeisterte Zuschauer der Netflix-Generation besonders gewöhnungsbedürftig: Drei der vier Serienangebote werden in klassischer Manier des analogen Fernsehens mit nur einer neuen Folge pro Woche angeboten – lediglich „Dickinson“ und die Zeichentrickserien können in einem Rutsch angesehen werden. 

Monatsabo zum Preis eines Leihfilms

Wie gut Apples Streamingdienst damit tatsächlich ist, kann nach zweieinhalb Wochen nicht seriös beantwortet werden – es ist der Startschuss, nicht mehr und nicht weniger. Allerdings: Wenn man berücksichtigt, dass bereits ein Leihfilm für 48 Stunden genauso viel kostet wie ein Monatsabo von Apple TV+, lohnt das Angebot allemal. 

Das liegt in erster Linie an Apples Blockbusterserie „The Morning Show“ mit Hollywood-Hochkarätern Jennifer Aniston, Reese Witherspoon und Steve Carell, die die enorme Summe von 300 Millionen Dollar für die ersten zwei Staffeln verschlungen haben soll – und damit die teuerste Serie aller Zeiten sein soll. 

„The Morning Show“ ist Apples „House of Cards“

Tatsächlich scheint das Geld jedoch gut investiert: Das Drama um eine fiktive Frühstücksfernsehsendung, die NBCs „Today Show“ nachempfunden zu sein scheint, ist großes Hollywoodkino in einer Liga mit „Big Little Lies“, „Game of Thrones“ oder „Succession“. Tatsächlich erinnern die skrupellosen Grabenkämpfe in TV-Studios an eine „House of Cards“-Variante der Medienbranche: Es geht um Macht und #Metoo.


Die ersten Kritiken fielen indes bestenfalls verhalten aus. Wie wenig das mit der Realität zu tun hat, beweist indes die Nutzermeinung. „Wir haben uns jetzt alle drei Folgen der „Morning Show“ angesehen, und sie gefällt uns immer besser. Ich habe keine Ahnung, was das Problem der Kritiker ist“, twitterte etwa der frühe Gadget-Guru und Tech-Kolumnist Walt Mossberg.   

Apple TV+ als Product Placement-Vehikel

Wie schon die ersten Minuten der ersten Folge zeigen, ist die Blockbuster-Serie gleichzeitig ein Marketing-Vehikel: Fast schamlos tauchen im Alltag der Medienleute immer wieder iPhones, MacBooks, iMacs, die Apple Watch, AirPods und sogar der bislang gefloppte Smartspeaker HomePod auf. 

Wie das Wall Street Journal nachgezählt hat, hat Apple enorme 32 Produkte allein in der ersten Serienfolge platziert. In der ersten Staffel, bestehend aus 10 Folgen, sind es gar unfassbare 320 „Money Shots“ – in 80 Prozent der Fälle wird das iPhone gezeigt.  

Was bringt Apple sein Streaming-Angebot Apple TV+?

Abgesehen von den unbegrenzten und unbezahlten Werbemöglichkeiten verspricht sich Apple natürlich jede Menge Abonnement-Umsätze, um die Servicesparte weiter zu stärken. Nach Einschätzung von Katy Huberty wird der neue Streaming-Dienst für Apple im nächsten Jahrzehnt schnell zum Milliardengeschäft werden.

So rechnet die viel zitierte Morgan Stanley-Analystin damit, dass es der iKonzern bis 2025 bereits auf 136 Millionen Abonnenten bringen dürfte, die wiederum für 9 Milliarden Dollar Umsatz sorgen sollen. Ob sich Apple TV+ damit am Ende direkt rechnet oder als Entertainment-Vehikel (wie Amazon Prime Video) vor allem dazu dient, seine Kunden im Apple-Kosmos zu halten, ist eine andere Frage. 

Netflix hat sich für sein Originalangebot hoch verschuldet 

Dass Originalinhalte kosten – und zwar erheblich –, ist keine Neuigkeit. Streaming-Pionier Netflix hat sich für den Ausbau eines immer größeren Angebots bekanntlich turmhoch verschuldet. Bis auf 12,5 Milliarden Dollar belaufen sich die Schulden per Ende September – zwei weitere Milliarden Dollar hat der Marktführer, dessen Content-Budget allein im laufenden Jahr 15 Milliarden Dollar betragen soll (inklusive Lizenzgebühren), im Oktober am Kapitalmarkt durch neue Schuldverschreibungen aufgenommen.

Der eigentliche Profiteur im immer größeren Streaming-Showdown, an dem sich inzwischen auch Disney beteiligt, scheint unterdessen festzustehen. "Es wird ein sehr, sehr hart umkämpfter Wettkampf – und der Zuschauer wird dabei der Gewinner sein”, glaubt Warren Buffett.