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Arbeitsmarkt auf der Kippe: Warum die Arbeitslosigkeit bald spürbar steigen wird, eine Krise Experten zufolge trotzdem ausbleibt

Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Für Arbeitssuchende wird es schwerer, einen neuen Job zu finden. - Copyright: Picture Alliance
Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Für Arbeitssuchende wird es schwerer, einen neuen Job zu finden. - Copyright: Picture Alliance

Die anhaltende Schwäche der deutschen Wirtschaft hinterlässt zunehmend Spuren am bisher so starken Arbeitsmarkt. Nachdem der Beschäftigungsaufbau bereits in den vergangenen Monaten ins Stocken geraten war, dreht der Arbeitsmarkt nun sogar ins Minus. Zwei wichtige Umfragen bei Unternehmen und Jobcentern kommen zu einem ähnlichen Bild: Die Zahl der Arbeitslosen dürfte im Herbst und Winter spürbar steigen. Experten sind sich aber ebenso einig, dass Deutschland keine echte Krise mit Massenarbeitslosigkeit droht. Vor allem Fachkräfte bleiben gesucht. Wer aber seinen Job verliert, dürfte es bald schwerer haben, schnell eine neue Stelle zu finden.

IAB-Arbeitsmarktbarometer erstmals seit Corona im Minus

Das Arbeitsmarktbarometer der Bundesagentur für Arbeit fiel im September um 0,7 Punkte auf 99,8 Punkte. Der Frühindikator für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten liegt damit erstmals seit der Corona-Krise 2020 wieder unter dem neutralen Wert von 100.

Für das Barometer befragt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) regelmäßig alle Jobcenter in Deutschland nach ihrer Einschätzung zur Entwicklung der Beschäftigung und der Arbeitslosenzahl. Das IAB ist die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.

Seit April fällt das IAB-Arbeitsmarktbarometer stetig. „Die Arbeitsmarktaussichten sind etwas schwächer als Ende 2012 in der Eurokrise, der letzten Rezession vor Corona“, erklärt IAB-Forschungsleiter Enzo Weber.

Die Vorhersage der Arbeitslosigkeit sank im September zum fünften Mal in Folge. Sie steht nach einem Minus von 0,4 Punkten mit nun 97,0 Punkten klar unter dem neutralen Wert. Das lässt eine Zunahme der Arbeitslosigkeit erwarten.

Die Vorhersage der Beschäftigung fiel im September um einen Punkt auf 102,6 Punkte. „Die Arbeitsagenturen erwarten, dass die Beschäftigungszuwächse deutlich geringer werden. Von einem Einknicken gehen sie aber weiterhin nicht aus“, sagte Weber. „Und trotz allem: Die Beschäftigung in Deutschland liegt noch immer auf Rekordstand.“

Ifo-Beschäftigungsbarometer fällt erneut

Das Beschäftigungsbarometer des Ifo-Instituts sank im September erneut von 97 auf jetzt 95,8 Punkte und damit auf den niedrigsten Wert seit Februar 2021. „Der robuste Aufbau an Beschäftigung der letzten Monate ist zum Erliegen gekommen“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen. „Wegen fehlender Aufträge werden frei werdende Stellen eher zurückhaltend nachbesetzt.“

Aufgrund fehlender Neuaufträge planen viele Unternehmen in der Industrie mit weniger Personal auszukommen. Gleiches gilt auch für den Handel und das Baugewerbe. Auch der Dienstleistungssektor verliert gerade etwas die Zugwirkung auf dem Arbeitsmarkt. Die Einstellungsdynamik hat merklich nachgelassen. Die Zurückhaltung in den anderen Branchen spüren auch die Personaldienstleister.

Auch Wohlrabe sieht aber keine grundsätzliche Krise am Arbeitsmarkt. „Die Bereitschaft, neue Mitarbeiter einzustellen, wird vermutlich wieder steigen, wenn sich die Wirtschaft wieder erholt“, sagt der Ifo-Forscher. „Mittelfristig wird der demografische Wandel dem Arbeitsmarkt mehr und mehr Arbeitskräfte entziehen.“

Neue Arbeitslosenzahlen am Freitag

Die Bundesagentur für Arbeit legt am Freitag neue Zahlen für den Arbeitsmarkt im September vor. Im August war die Zahl der Arbeitslosen um 79.000 auf 2,7 Millionen gestiegen. Bereinigt um übliche Saisoneffekte, nahm die Arbeitslosigkeit um 18.000 Menschen zu. Im Jahresvergleich zum August 2022 waren 148.000 mehr Menschen arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote stieg von 5,7 auf 5,8 Prozent.

Die Unterbeschäftigung, die auch Menschen einbezieht, die grundsätzlich arbeiten wollen, dem Arbeitsmarkt aber vorübergehend nicht zur Verfügung stehen, stieg um gut 200.000. Die Unterbeschäftigung lag im Juni 2023 bei 3,48 Millionen Personen.

Hat die Konjunktur in Deutschland die Talsohle erreicht?
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