Bakterien im Meer: Wie gefährlich sind Vibrionen wirklich?

An der Ostsee haben sich in diesem Jahr bisher sechs Menschen mit Vibrionen infiziert (Bild: Reuters/Fabian Bimmer)

In den vergangenen Wochen überschlugen sich die Schlagzeilen, von „fleischfressenden Bakterien“ und „Killer-Viren“ war die Rede. Der Grund: Jüngst haben sich zwei Badegäste an der Ostsee mit Vibrionen infiziert.

Damit ist die Zahl der Infizierten in diesem Jahr auf insgesamt sechs angestiegen. Eine ältere Frau ist Anfang August sogar gestorben. Vibrionen, das sind übrigens Bakterien, keine Viren. Einige von ihnen können beim Menschen gefährliche Krankheiten verursachen. So zählt etwa auch die Cholera zu den Vibrionen. In Deutschland hingegen ist in erster Linie ein Bakterien-Stamm präsent, der Wundinfektionen verursacht.

Aber gibt es Grund zur Panik? Heiko Will, der Direktor des zuständigen Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Rostock, sagt im MDR: „Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass Vibrionen als natürlicher Bestandteil der Bakterien-Flora salzhaltiger Meereswässer einfach zur Ostsee dazugehören. Wenn die Ostsee mehr als 20 Grad hat, vermehren sich diese Bakterien sprunghaft.“

Personen mit Immunschwäche besonders betroffen

Das aber wisse man bereits seit dem Jahr 2003, sagt er und rechnet einmal die reale Gefahr vor: Pro Jahr gingen rund fünf Millionen Menschen in der Ostsee baden, das seien 90 Millionen seit 2003. Von denen erkrankten etwa 50 Menschen, acht seien verstorben. Will sagt: „Allein dass es Bakterien in der Ostsee gibt, ist noch kein Hinweis darauf, dass die Ostsee verseucht wäre. Es ist ein natürliches Gewässer und in natürliche Gewässer gehören auch Bakterien.“ Er fügt hinzu: Ansonsten müsste man in gechlortem Wasser in einer Schwimmhalle baden.

Weiter erklärt Will, dass Vibrionen für gesunde Menschen ungefährlich sind, sich das Risiko einer Infektion bei geschwächtem Immunsystem aber erhöht. Betroffen sind daher ältere Menschen und diejenigen, die etwa an Lebererkrankungen oder Diabetes leiden. Auch offene Hautwunden erleichtern den Bakterien das Eindringen in den Körper, sie können dann im schlimmsten Fall eine Blutvergiftung verursachen. Erste Symptome würden, so Will, schon Stunden nach einer Infektion auftreten: „Sowas wie Schüttelfrost, Fieber, Krämpfe und so weiter. Aber Voraussetzung für eine Infektion ist immer, dass man immunschwach ist.“ Schnell erkannt und mit Antibiotika behandelt, sei die Infektion gut behandelbar.

Bakterien in einer Petrischale. Auch Vibrionen müssen erstmal im Krankenhaus identifiziert werden, bevor sie richtig behandelt werden können (Symbolbild: Getty Images)

Wird die richtige Behandlung aber hinausgezögert, kann eine Infektion mit Vibrionen schnell lebensbedrohlich sein. So ist vor zwei Jahren Brielle Owens beispielsweise nur knapp einer Amputation entgangen – das berichtet diese Woche „Buzzfeed“. Die 25-Jährige brach damals nach einer Angeltour vor der Küste Floridas zusammen. Sie erzählt: „Ich konnte plötzlich nicht mehr laufen. Mein linkes Bein war komplett taub.“ Ihre Eltern fuhren sie daraufhin sofort in eine Notaufnahme, die behandelnden Ärzte fanden aber nur eine kleine Rötung über ihrem Knöchel, nahmen eine Gewebeprobe und schickten sie wieder nach Hause. Tage später musste ein Chirurg totes Gewebe von Owens Bein entfernen, in den folgenden Wochen musste er den Eingriff zwei weitere Male wiederholen. „Sie sagten mir, drohte eine weitere Operation, würden sie mir wahrscheinlich das Bein amputieren“, erinnert sie sich.

Klimawandel hilft bei der Vermehrung

Doch vorher fanden die Ärzte den Grund für die sich ausbreitende Hautinfektion: Vibrionen. Eine Behandlung schlug schnell an. Dennoch haben sich in den Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 2016, so zitiert Buzzfeed das CDC (das Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention, das dem nationalen Gesundheitsministerium unterstellt ist), die Fälle der Vibrionen-Infektionen verdreifacht im Vergleich zum Jahr 1997: von 386 auf 1.256 Fälle pro Jahr. In den meisten Fällen nahmen die Patienten kontaminierte Meeresfrüchte zu sich, wie rohe Austern. Doch die Zahlen sollten mit Vorsicht betrachtet werden, denn möglich ist auch, dass die Diagnose-Verfahren besser geworden sind und daher die Zahl der erkannten Infektionen gestiegen ist.

Auch durch den Verzehr von Meeresfrüchten kann man sich mit Vibrionen anstecken (Symbolbild: Getty Images)

Doch wahrscheinlich ist, dass auch die Infektionen insgesamt zugenommen haben, sagt Geoff Scott, er ist Professor für Gesundheitswissenschaften an der Universität von South Carolina. Grund sei demnach der Klimawandel: „Der Meeresspiegel steigt, es gibt durch das wärmere Wasser einen erhöhten Nährstoff-Abfluss und eine Änderung des Salzgehaltes. Das alles sind Faktoren, die Vibrionen entgegenkommen.“ Scott und Kollegen haben im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, in der sie zu dem Ergebnis gekommen sind, dass durch die genannten Faktoren das Infektionsrisiko mit Vibrionen in manchen Gegenden in South Carolina bereits um 200 Prozent gestiegen sei.

100 Todesfälle durch Infektionen

So schätzt auch das CDC, dass die Bakterien weltweit für mittlerweile 80.000 Infektionen verantwortlich sind und dabei 100 Leben fordern – jedes Jahr. Dennoch: Im globalen Rahmen sind die Zahlen der Todesfälle verschwindend gering. Erin Stokes, Epidemiologin des CDC und Expertin für Vibrionen, sagt aber, dass sich die Bakterien vor allem in Küstennähe im warmen Gewässer wohlfühlten und vermehrten. Weil das Wasser überall wärmer werden würde, breiteten sich auch die Vibrionen immer weiter aus.