Barbie wird 60: Jetzt aber schnell, du Influencerin!

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Mattels erfolgreichste Mädchenpuppe feiert im März ihren 60. Geburtstag und hat sich über die Jahre ganz schön verändert: Vom Super-Skinny-Modepüppchen über die lässige Karrierefrau bis hin zur Fürsprecherin von mehr Diversity und Inklusion hat sich Barbie in sechs Jahrzehnten stark emanzipiert und den Bedürfnissen ihrer Fans angepasst. Alte Schönheitsideale kann sie dennoch nicht ablegen – dabei wäre es dringend an der Zeit für mehr Realitätssinn. Und auch in anderer Hinsicht sollte Barbie jetzt einen Zahn zulegen.

Barbie feiert im März ihren 60. Geburtstag. (Bild: Mattel)

Mit Barbara Millicent Roberts wollte jedes kleine Mädchen befreundet sein. Erst wenn sie Einzug ins Kinderzimmer gehalten hatte, stand einem rosa-süßen Nachmittag unter Girls nichts mehr im Wege. Denn mit ihr war alles möglich: das Ausprobieren neuer Fashion-Trends und Frisurentricks, großflächige Make-up-Manöver ebenso wie ein bisschen Klatsch und Tratsch über den süßen Typen von nebenan – wie hieß der noch, Ken? Oh, könnte doch nur jedes Mädchen so schön und beliebt sein wie Barbara, oder, so nennen sie ihre Freundinnen, wie Barbie!

Rund 30 Zentimeter groß, mehr als gut hervorgearbeitete Proportionen, blonder oder brünetter Pferdeschwanz und ein Gesicht, das zuckersüßer nicht sein könnte (und auch nicht noch mehr Make-up vertragen hätte): So sah die erste Barbie-Puppe aus, die Ende der 1950er Jahre bei der American Toy Fair in New York präsentiert wurde. Damenhaft hielt sie die Beine beim Sitzen stets parallel – und wie eine feine Dame sollte sie auch sein: immer an der neuesten Mode interessiert, ein Inbegriff des aktuellen Schönheitsideals und eine Verkörperung des Zeitgeists ihrer Generation.

Barbie verkörperte den Zeitgeist jedes Jahrzehnts

Natürlich ändert sich dieser Zeitgeist und Barbie beziehungsweise ihre Macher von Mattel bemühten sich, den Bedürfnissen der Fans gerecht zu werden – nach ihren eigenen Maßstäben natürlich: Es folgten Kurzhaarfrisuren (eine emanzipatorische Revolte!), weitere Haarfarben – und Ende der 1960er – ganz twiggy-like – riesige echte oder zumindest aufgemalte Wimpern.

In Paris wird 1967 die neueste Barbie-Kollektion präsentiert. (Bild: Getty Images)

Zu vielfältig sollte der Look jedoch nicht sein, sonst ginge ja das Alleinstellungsmerkmal verloren, deshalb wurde 1977 die Superstar-Barbie etabliert – mit dem Look, für den Barbie bis heute bekannt ist: große Augen, breites Lächeln, leicht geöffneter Mund, süße Grübchen – und wieder durchgehend blonde Haare. Außer den verschiedenen ethnischen Barbies (hispanisch, afroamerikanisch, gelegentlich auch asiatisch), die seit den 1980ern auf den jeweiligen Märkten waren, sollte es erst 1991 wieder ein Modell mit einer anderen Haarfarbe als Blond geben.

Barbie der 1950er und -60er: alles andere als unemanzipiert

Natürlich bestand der Zeitgeist nicht nur aus Äußerlichkeiten und so entwickelte sich auch Barbie als Persönlichkeit mit den Jahren weiter – sofern das möglich war, denn als Grundausstattung wurde der Puppe zunächst nur ein Badeanzug mitgegeben. Der Rest der Kleidung, der die „Persönlichkeit“ formen konnte (zum Beispiel Sport- oder Berufskleidung), wurde jedes Jahr neu als Extra zum Kauf angeboten. Und die war gar nicht so unemanzipiert, wie viele kritisierten: Schon Anfang der 1960er kreierte Ruth Handler, die „Mutter“ der Barbie, etwa Doktorhut und -robe.

Barbie hat schon viele Berufe ausgeübt. (Bild: Getty Images)

Mattel gab ab diesem Zeitpunkt auch biografische Details von Barbie bekannt, so etwa ihren vollen Namen, ihre Schulabschlüsse und Stationen ihrer Karriere: unter anderem eine Pilotenlizenz, mehrere Doktortitel (Tierärztin, Frauenärztin, Kinderärztin und Zahnärztin) und mehrere Kandidaturen für das Amt der US-Präsidentin in den 1990er Jahren. Außerdem natürlich ihren Familienstatus: unverheiratet, ohne Kinder, aber in einer festen Beziehung mit Ken. Von letzterem trennte sich Barbie Mattel zufolge übrigens 2005, es soll in ihrem Leben allerdings einen neuen Mann namens Blaine geben.

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Klingt wie aus einer Klatschzeitschrift, stimmt’s? Dann hat Mattel ja alles richtig gemacht, denn Barbie avancierte – Stichwort Zeitgeist – Schritt für Schritt vom Traum-Mannequin der 1950er zum Freigeist der wilden 1960er und 1970er, von der Karrierefrau der 1980er und 1990er zum Popstar der 2000er Jahre.

Barbie und Diversität – wie geht das zusammen?

Wie das bei Popstars so ist, durften diese plötzlich mehr – nämlich individuell und „anders“ sein: Anfang 2003 brachte Mattel erstmals Puppen mit einer neuen Körperform auf den Markt. Rumpf und Beine waren kürzer und die Hüften breiter. Realistisch, gut und schön – aber was war mit den hoch gesteckten Schönheitsidealen, für die Barbie gleichermaßen stand?

Mattel widmet der querschnittsgelähmten Sportlerin Kristina Vogel eine Barbie-Puppe. (Bild: Mattel)

Schon 2005 kehrte der Hersteller zur vorherigen Größe zurück. Rückblickend stellt sich die Frage, ob es die Zielgruppe war, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit für ein diverseres Körperbild war, oder aber der Hersteller. Erst ab 2016 wurde mit „The Doll Evolves“ wieder eine vielfältigere Barbie mit verschiedenen Körperformen in dick, groß und klein verkauft. Auch Religion wurde zum Thema gemacht – so wurde für 2018 (recht spät, aber immerhin) auch ein Modell mit Hidschab angekündigt.

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Spät fühlt sich auch die Einführung der Modelle an, die für mehr Diversität und Inklusion stehen sollten: Für Juni 2019 wurde die Einführung von einer Barbie im Rollstuhl und einem Modell mit Beinprothese angekündigt. „Als Marke können wir die Konversation über körperliche Behinderungen verbessern, indem wir sie in unsere Modepuppenlinie aufnehmen, um eine mehrdimensionale Ansicht von Schönheit und Mode zu präsentieren“, zitierte CNN ein Statement von Mattel. Dass diese Botschaft erst im Jahr 2019 erfolgt, mag den einen oder anderen verwundern. Aber vielleicht hat auch einfach der Bau der behindertenfreundliche Rampe für Barbies Dream House so lange gedauert…

Barbie auf Instagram: Von Persönlichkeit keine Spur

Wer heute auf Barbies Instagram-Kanal schaut (natürlich hat sie einen eigenen Account – und 1,9 Millionen Abonnenten!), sieht, dass zumindest das Zeitgeist-Konzept von Hersteller Mattel aufgegangen ist: Denn die Barbie der heutigen Generation ist nichts anderes als eine – zugegeben recht stylishe – Influencerin. Ihre Bilder sind inszeniert und zeigen sie beim Business-Termin, beim Detox mit Gurkenscheiben auf den Augen, auch mal ganz relaxed mit Popcorn und der Bestie auf dem Sofa. Dazwischen Stills vom „Outfit of the Day“ (#OOTD) und der obligatorische Instagram-Obstteller, der natürlich aus der Vogelperspektive gezeigt wird.


Barbie inszeniert sich auf Instagram so trendy wie xbeliebig, so chic wie austauschbar. Und genau das ist ihr Problem: Mit 60 Jahren ist die Puppe eine Influencerin, die allen Standards hinterherhinkt. Die keine neuen Impulse gibt, keine frischen Ideen hat, welche dem Rest der Welt voraus sein und ihr so eine Daseinsberechtigung als Influencerin, als Beeinflusserin, geben könnten. Stattdessen schwimmt sie mit der Masse, im Einheitsbrei der Hipstermädchen.


Schade, Barbie, mit 60 Jahren solltest du jungen Frauen mehr vorleben können als das, was sie schon können und überall sehen. Auf jetzt, raus aus der Stylo-Uniform, rein in die Revolte. Zeig uns, wie schön divers und inklusiv, wie cool und fresh und individuell du sein kannst. Ein Neuanfang mit 60 Jahren? Das ist der Zeitgeist unserer Generation –  go for it, Barbie!

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