Beauty weltweit: Frauen aus Südkorea kämpfen für ihr "wahres Gesicht"

Johannes Giesler
Freier Autor
Unter K-Beauty versteht die Schönheitsindustrie eine aufwendige Kosmetik-Routine aus Südkorea, die bis zu zwölf Schritte beinhalten kann. Und das, bevor überhaupt Farbe ins Spiel kommt. Foto: Symbolbild / gettyimages / RUNSTUDIO

Ihr Kampf gegen ein eintöniges Schönheitsideal ist gleichzeitig ein Kampf für Gleichberechtigung und Natürlichkeit. Doch der Weg für Frauen aus Südkorea ist noch ein weiter. Aber eine Bewegung in den sozialen Medien macht mobil.

Südkorea spielt für die Schönheitsindustrie eine Hauptrolle. Einerseits, weil es ein gigantischer Absatzmarkt ist – Nummer acht unter den Ländern weltweit. Andererseits, weil sich die Beauty-Trends aus Südkorea vermarkten und exportieren lassen. Mit „K-Beauty“, also Schönheit aus Korea, versprechen Magazine wie “Nylon” oder “Vogue” der restlichen Welt eine ganz neue „Schönheits-Philosophie“.

Bis zu zwölf Schönheitsprodukte – bevor es mit dem Schminken losgeht

Denn das Land ist berühmt für seine besonders vielschichtige, im doppelten Sinne, Schönheitsroutine: Südkoreanerinnen legen bis zu zwölf Schönheitsprodukte auf, bevor sie überhaupt anfangen, sich zu schminken. Das Ganze mitunter zweimal täglich. Das ist nicht nur zeitraubend – die Prozedur dauert bis zu zwei Stunden – sondern auch teuer. Viele Koreanerinnen geben hunderte Dollar monatlich aus, um dem Ideal zu entsprechend.

Doch das ist nicht überraschend in einem Land, in dem es normal ist, zum Schulabschluss einen schönheitschirurgischen Eingriff vornehmen zu lassen. Das Gesellschaftsmagazin „Atlantic“ etwa schreibt, besonders beliebt sei eine Operation, bei der die Kiefer gebrochen werden, um die Kinnlinie gerade zu ziehen. Insgesamt lassen sich, prozentual an der Einwohnerzahl gemessen, die meisten Menschen überhaupt in Südkorea operieren – so berichtet es die New York Times. Alles im Namen der Schönheit.


In der Subway von Seoul steht geschrieben: „Du wurdest schön geboren? Das ist eine riesige Lüge.“ Die Schönheitsindustrie spielt in der Werbung eine prägende Rolle, zwar nehmen auch die Angebote für Männer zu, hauptsächlich richtet sich die Ansprache, wie die in der Subway, aber an Frauen. So gibt es in Südkorea selbst Regeln, die den „korrekten“ Hautton für Schülerinnen vorgeben. Also passen Mädchen bereits in jungen Jahren ihr Äußeres an, sonst droht ihnen eine Strafe. Das schreibt der Guardian.

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Doch seit einiger Zeit sträubt sich Widerstand gegen die strikten Regeln der Schönheitsindustrie. Dafür versammeln sich südkoreanische Frauen hinter einem gemeinsamen Hashtag: #EscapetheCorset (etwa: „sprenge das Korsett“), er ist inspiriert von der #MeToo-Bewegung des vergangenen Sommers. Die Bewegung zielt gegen die Erwartung, die an Frauen in Südkorea gerichtet wird, immer perfekt auszusehen. Und dazu noch uniform, so wie es die Schönheitsindustrie gerne hätte.


Protest regt sich

Ideal soll sein: bleiche Haut, dazu große Augen, eine gerade Nase, schmale Beine, kirschrote Lippen, ein kleines Gesicht und eine Körperproportionen von neun-zu-eins. Der Körper soll neunmal so lang sein, wie das Gesicht. Gegen diese Regeln rebellieren südkoreanischen Frauen. Um auszubrechen, zerbrechen sie Schönheitsideale – und das nicht im übertragenen Sinn: Sie zerstören ihre Schönheitsprodukte, zerbrechen Lippenstifte, zerbröseln Make-Up oder pressen Cremes und Puder aus Tuben. Sie veröffentlichen Bilder von den Überresten auf den sozialen Medien. Ihr Ziel: Auch andere Frauen zu ermutigen, ihrem Beispiel zu folgen.


Die Frauen von „Escape the Corset“ wollen aber nicht beim Make-Up aufhören, sie demonstrieren mit ihrer Natürlichkeit für mehr Freiheit, für mehr Gleichberechtigung. Das gilt auch für die Bezahlung oder das gesellschaftliche Ansehen. Denn die Maßgabe: „Perfektes Äußeres führt zum Erfolg“ ist nur ein Ausdruck der zutiefst patriarchalisch geprägten Gesellschaft – denn er gilt nur für Frauen.

Der Weg ist noch weit…

Wie weit der Weg ist, zeigt das Beispiel von Lim Hyeon-ju, einer Nachrichtensprecherin des Senders MBC. Sie trug vergangenes Jahr als erste Frau während der Sendung eine Lesebrille. Was für Männer im südkoreanischen Fernsehen normal ist, entspricht nicht dem Schönheitsideal einer Frau. Und dabei haben Frauen in Südkorea noch weitaus größere Herausforderungen vor sich: Sexuelle Übergriffe oder illegales Filmen, beides zählt für viele Frauen zum Alltag.

Umso wichtiger ist, dass die Bewegung Anführerinnen hat. Eine davon ist Bae Eun-jeong, sie wurde unter dem Namen Lina Bae auf Youtube zum Star. Die 22-jährige Frau sagte im Gespräch mit der New York Times: „Mir wurde klar, dass etwas gehörig schiefläuft. Ich wollte ein Video veröffentlichen, das zeigt, es ist OK, sich selbst nicht zu maskieren.“

Also drehte sie ein Video: Ihr Gesicht füllt darin den ganzen Bildschirm aus, während sie sich schminkt. Grundierung, Eyeliner, falsche Wimpern. Dann wischt sie alles weg und sagt: „Mach dir nicht so viele Gedanken darüber, wie dich andere sehen. Du bist besonders und schön, genauso, wie du bist.“ Das Video wurde mittlerweile sieben Millionen Mal angeklickt.

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Viele Fans danken Eun-jeong für die Unterstützung und die Inspiration. Sie hätten sich sonst nie getraut, ihr „wahres Gesicht“ in der Öffentlichkeit zu zeigen. Gleichzeitig reagierten aber auch viele mit Hass – selbst Morddrohungen erhielt Eun-jeong. Das zeigt, jeder Schritt für mehr Freiheit, muss hart erkämpft werden. #Escapethecorset aber weist den Weg.

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