Was es bedeutet „bi-curious“ zu sein

Erika W. Smith

Den Begriff „Bi-curious“ kannst du eigentlich in einem Satz schnell erklären: Eine Person, die neugierig ist, Beziehungen und Sex mit Menschen unterschiedlicher geschlechtlicher Identitäten auszuprobieren, sich selbst aber nicht als bisexuell beschreibt. Wie lange der Begriff schon in Umlauf ist, ist dagegen nicht ganz klar. Viele Quellen vermuten jedoch, dass er im Laufe der 90er entstand. Fakt ist, dass er bis heute ein großes Problem für die bisexuelle Community darstellt. Wie die Gründerin des Bi Girls Club, Gabrielle Alexa, erklärt, impliziert das Wort nämlich, dass jemand eine gewisse sexuelle Erfahrung haben muss, bevor er oder sie sich als bisexuell identifizieren kann. Noch dazu kommt die Komponente, dass aus Neugier oft auch Fetische entstehen, und während diese in sexuellen Praktiken durchaus erwünscht sein können, ist die Fetischisierung von Menschen hochgradig schwierig.

„Für mich spiegelt das Label bi-curious die Überzeugung wider, dass man sich zuerst sexuell und romantisch mit der Orientierung auseinandersetzen muss, bevor sie real ist. Und das ist meiner Meinung nach falsch“, meint Alexa. „Gerade Jugendliche, die sich nicht als heterosexuell identifizieren, bekommen oft zu hören, sie seien noch zu jung und müssten erst einmal Erfahrungen sammeln, bevor sie etwas über ihre Sexualität sagen könnten.“

„Ich glaube, für viele bedeutet das, sie könnten sich erst als bisexuell outen, wenn sie genug Beweise (in Form von Beziehungen und Sexualpartner*innen) für ihre Bisexualität gesammelt haben. Und deshalb weichen sie auf ein anderes, weniger endgültiges Label aus. Für mich ist das schlichtweg Biphobie. Denn sind wir mal ehrlich: Von heterosexuellen Menschen verlangt niemand einen Beweis für ihre Sexualität. Tatsächlich könnten sie bis zur Ehe enthaltsam leben und trotzdem würde niemand ihre Heterosexualität hinterfragen.“ Außerdem impliziert das Wort „bi-curious“, dass die Bisexualität an sich nicht akzeptabel ist und das spielt vor allem den Leugner*innen der Sexualität in die Karten. Noch zu oft bleibt die richtige Zuordnung der Sexualität bei bisexuellen Menschen in einer Beziehung mit heterosexuellen Partner*innen außen vor.

Aus diesem Grund empfiehlt Alexa, dass diejenigen, die sich nicht nur zu Menschen einer geschlechtlichen Identität hingezogen fühlen, einen anderen Begriff für ihre Orientierung nutzen sollten: bisexuell. „Bisexualität bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass du Interesse am gleichen Geschlecht, aber auch an anderen Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten hast. Diese Definition schließt folglich auch eine gewisse Neugierde mit ein“, erklärt sie. „Wenn mir jemand sagt, sie oder er ist bicurious, ist es natürlich nicht mein Recht zu sagen, das gewählte Label sei falsch. Aber ich möchte, dass sie wissen, dass es noch eine andere Definitionsmöglichkeit gibt.“

Niemand sollte sich genötigt fühlen ein Label anzunehmen, deshalb rät Alexa davon ab, Menschen zu kritisieren, die sich als bicurious sehen. „Labels sind soziale Konstrukte, die eine gewisse Zugehörigkeit vermitteln. Und jede*r sollte die Chance haben, sich aufgehoben zu fühlen. Außerdem kann man nicht von jeder Person erwarten, dass sie sich mit dem gesamten LGBTQ+-Vokabular vollkommen auskennt. Wahrscheinlich wissen die meisten nur das, was sie über die Medien gelernt haben.“

Stattdessen findet sie, wir sollten uns darauf konzentrieren, Bisexuelle im Alltag, in Film und Fernsehen besser zu repräsentieren und uns aktiv gegen Biphobie einzusetzen. „Wir müssen anfangen, bisexuelle Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und können dann vielleicht auch Missverständnisse aus dem Weg räumen“, erklärt sie. „Wenn die Medien uns richtig darstellen, verschwindet das Wort vielleicht irgendwann von der Bildfläche.“

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