Bitte hört auf, vaginale Geburten „natürlich“ zu nennen

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Gestern war ich in der 36. Schwangerschaftswoche zur Kontrolle bei meiner Frauenärztin. Sie fing an, mich ganz regulär zu untersuchen – musste aber abbrechen, als ich vor Schmerzen beim Einführen des Spekulums und dann ihrer Finger laut aufschrie. „Ich schätze, Sie sind wohl doch keine gute Kandidatin für eine vaginale Geburt“, kommentierte sie schmunzelnd und beendete die Untersuchung, weil ich scheinbar „keine Schmerzen ertragen“ bzw. zumindest nicht so tun konnte.

Weil wir schon vorher darüber gesprochen hatten, dass ich wegen der Größe meines Babys wohl einen Kaiserschnitt brauchen würde, fühlte ich mich durch diesen vermutlich beiläufigen Kommentar nicht groß beleidigt. Dass sie es aber scheinbar außergewöhnlich fand, dass ich intensive Schmerzen direkt ablehnte, anstatt sie still über mich ergehen zu lassen, stimmte mich nachdenklich. Wer ein Kind zur Welt bringt, bekommt davor oft vermittelt, das stumme Ertragen enormer Schmerzen sei nicht nur ein Zeichen körperlicher Stärke, sondern auch moralischer Überlegenheit. Das nun am eigenen Leib zu erfahren, war für mich ein Vorgeschmack auf das, was mich als baldige Mutter wohl erwartet: (Zukünftigen) Müttern wird rund ums Thema Kind so viel Scham eingeredet, inklusive zur Geburt selbst. Wer sich einem Kaiserschnitt unterzieht oder sich während der Geburt wegen der Schmerzen betäuben lässt, muss dafür mit unterschwelligen, manchmal auch expliziten Beschämungen rechnen. Eine subtile Form dieser Beschämung ist der Begriff „natürliche Geburt“.

Wie jede schwangere Person weiß, die online ein bisschen recherchiert, stößt man in Schwangerschafts-Foren und sozialen Netzwerken überall auf Aussagen wie: „Unsere Körper wurden dafür geschaffen!“ Unheimlich viele Leute empfehlen (wenn nicht gar „bestehen auf“) eine „natürliche“ Geburt – was für sie bedeutet: eine vaginale Geburt ohne Medikamente. Von allem anderen raten sie oft energisch ab. Wer einen Kaiserschnitt oder eine Anästhesie hat(-te), bekommt da schnell das Gefühl, auf nicht ganz greifbare, aber doch tiefgründige Art irgendwie „versagt“ zu haben.

„Unsere Gesellschaft misst dem mütterlichen Opfer viel Bedeutung bei. Muttersein heißt zu gewissem Grad auch Märtyrertum“, sagt die Philosophie-Professorin Anna Smajdor von der Universität Oslo gegenüber VICE. „Das ist wie ein Ehrenabzeichen, das beweist, dass du leidest – dass du dich als Mutter opferst.“

Vorausgesetzt, alle Beteiligten sind dabei sicher, sollte die Geburt natürlich genauso stattfinden, wie du es möchtest. Sowohl vaginale Geburt als auch Kaiserschnitt haben eigene Vor- und Nachteile; dasselbe gilt für die Betäubung bzw. auf den Verzicht darauf, und auch für die zahlreichen anderen persönlichen Entscheidungen, die zwischen gebärender Person und Arzt oder Ärztin getroffen werden. Viele Leute machen wunderschöne Erfahrungen mit medikamentfreien Hausgeburten (rund 1,5 Prozent der Geburten fanden 2019 zu Hause statt); viele fühlen sich mit einem geplanten Kaiserschnitt total wohl. Wie jemand ein Kind zur Welt bringt, ist also eigentlich eine moralisch neutrale Frage – weswegen die schädliche, verletzende, veraltete Rhetorik und Begrifflichkeit rund ums Thema Geburt dringend abgeschafft werden muss.

Die Gynäkologin Dr. Somi Javaid, Gründerin von HerMD, erzählt gegenüber Refinery29, dass sie häufig Patient:innen hat, die sich selbst Vorwürfe machen, weil sie nicht die Entbindung bekamen, die sie sich vorgestellt hatten – viele rechnen mit einer vaginalen Geburt –, und danach das Gefühl hatten, ihre Familien und Freund:innen seien dafür von ihnen enttäuscht. „Ich erinnere mich noch an eine Patientin, die notfallbedingt einen Kaiserschnitt brauchte“, sagt Dr. Javaid. „Der Mutter und dem Kind ging es danach gut; das war so eine Erleichterung und ein toller Moment. Als ich aber danach mit der Mutter darüber sprach, fiel mir auf, dass ihre Familie vor Freude lachte, während sie selbst weinte. Später erzählte sie mir, dass sie sich wie eine Versagerin gefühlt habe, weil sie durch den Kaiserschnitt wohl nicht so schnell auf den Beinen sein würde wie ihre befreundeten Mütter, die eine vaginale Geburt hinter sich hatten. Sie hatte das Gefühl, durch den Kaiserschnitt die Regeln gebrochen zu haben.“ Als Chirurgin und dreifache Mutter, die zwei Kaiserschnitte erlebt hat, fand Dr. Javaid das Leid ihrer Patientin herzzerreißend: Sie wünschte sich, die Frau könnte dieses neue Leben feiern, anstatt sich für die Art der Geburt ihres Babys zu schämen.

Zum Glück erkennen immer mehr Firmen und Ärzt:innen, dass viele der Diskussionen rund um Schwangerschaft, Geburt und Erziehung nicht bloß veraltet, sondern potentiell sogar psychologisch schädlich sein könnten – und dazu gehören eben auch die verwendeten Begriffe. Dr. Javaid setzt sich zum Beispiel für eine Abschaffung der stigmatisierten „natürlichen Geburt“ ein und schlägt zum Beispiel „vaginale Geburt“ (bzw. „chirurgische Geburt“ für einen Kaiserschnitt) vor.

Diese sensible Zeit im Leben einer Frau ist wirklich die letzte, während der wir ihr wegen ihrer Entscheidungen oder Umstände Schuld- oder Schamgefühle einreden sollten.

Dr. Somi Javaid

„Ich finde nicht, dass wir Frauen, die bei der Geburt auf chirurgische oder anästhetische Eingriffe setzen, als ‚unnatürlich‘ bezeichnen sollten“, meint Dr. Javaid. „Wenn wir bei vaginalen Geburten von ‚natürlich‘ sprechen, implizieren wir damit aber genau das – dass Frauen, die sich für Schmerzmittel oder einen Kaiserschnitt entscheiden bzw. dazu gezwungen sind, eine ‚unnatürliche‘ Option für sich und ihr ungeborenes Kind wählen. Diese sensible Zeit im Leben einer Frau ist wirklich die letzte, während der wir ihr wegen ihrer Entscheidungen oder Umstände Schuld- oder Schamgefühle einreden sollten. Ich finde, es ist an der Zeit, realistische, bestärkende medizinische Begriffe zu verwenden.“

„Viele von uns bekommen im Medizinstudium und während der Assistenzzeit leider kein Einfühlsamkeits-Training. Dabei sind Worte so wichtig“, sagt Dr. Javaid abschließend. Ich hoffe, jemand leitet das hier an meine Frauenärztin weiter.

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