“Sie lassen sich durch nichts wachrütteln”

Amelie Amders

Die Nachricht vom Tod der Sängerin Amy Winehouse schockiert die Welt - und entfacht eine neue Diskussion um den mysteriösen "Forever 27 Club". Professor Borwin Bandelow wagt einen Erklärungsversuch.

Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain, Amy Winehouse.
Mit der Soul-Sängerin reiht sich ein neuer Name in die Liste der hochtalentierten Musiker, die im jungen Alter von 27 Jahren verstorben sind. Und die Diskussionen um den sogenannten „Forever 27 Club" sind neu entfacht. Geprägt hatte diesen Begriff Kurt Cobains Mutter, die nach seinem Tod in einen Interview sagte: „Jetzt ist er von uns gegangen und diesem blöden Klub beigetreten. Ich habe ihm noch gesagt, er soll diesem blöden Klub nicht beitreten."

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Daraufhin stürzten sich die Medien auf die Zahl 27 — und tatsächlich kamen sie zu dem überraschenden Schluss, dass in diesem Alter viele Künstler ums Leben gekommen sind, meist aufgrund exzessiver Selbstzerstörung.

Der Tod von Amy Winehouse schockiert die Welt (Bild: splash news)
Der Tod von Amy Winehouse schockiert die Welt (Bild: splash news)

Kein Zufall, wie Professor Borwin Bandelow, Autor von „Celebrities — vom schwierigen Glück, berühmt zu sein", meint. Unkontrollierte Ausbrüche, Selbstverletzungen, Depressionen und Drogensucht: All diese Faktoren sprechen seiner Meinung nach ganz klar für eine Borderline-Störung.

Das Verlangen nach exzessiver Selbstzerstörung ist bei Borderline-Patienten besonders groß

„Borderline-Störungen haben im Alter von 26,9 Jahren durchschnittlich ihre schwerste Ausprägung", erklärt der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Demnach sei der Grad der Selbstzerstörung in diesem Alter besonders hoch.

Bereits im Jahre 2008 hatte Bandelow der Sängerin Amy Winehouse in einem Interview mit Vanity Fair Online nur geringe Chancen auf Genesung vorausgesagt. Seine damalige Diagnose: „Sie leidet an einer Borderline-Störung mit einer so genannten Polytoxikomanie (Abhängigkeit von Heroin, Kokain, Ecstasy, Ketamin und Alkohol) und Magersucht." Zu diesem Zeitpunkt hätte sich die Sängerin sofort in die Hände eines Facharztes begeben müssen, um den Teufelskreis zu entfliehen.

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Warum konnte Amy Winehouse niemand helfen?

„Menschen, die unter emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen leiden, lassen sich durch nichts wachrütteln. Nicht durch medizinische Notfälle, enge Freunde, die sie an Drogen verloren haben, Gefängnisstrafen, peinliche Medienberichte oder abgesagten Tourneen. Der Suchtdruck bei einer Abhängigkeit von mehreren Drogen ist so stark, dass sie ihm nicht standhalten können", so Bandelow weiter. Vielleicht wäre die Entmündigung von Amy Winehouse ein bedeutender Schritt gewesen, die Hilfe eines Psychologen dann der entscheidende.

Was versteht man unter einer Borderline-Störung?

Borderline-Störung ist eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung sämtlicher Konsequenzen auszuleben. Damit verbunden sind unvorhersehbare und launenhafte Stimmungen. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulsives Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden.

Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle. Und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.*

Therapiemöglichkeiten

Als wichtigste Stütze einer Bordlerine-Störung gilt eine Therapie. Allerdings eignen sich Kurzzeit-Therapien nicht, weil Persönlichkeitsstörungen langanhaltende, tiefgreifende Muster sind, die sich auch in der Therapie nicht so schnell umlernen lassen. Wer regelmäßig einen Psychologen aufsucht, hat aber sehr gute Chancen auf Heilung: „Wenn alles klappt, kann man nach einem Jahr Einzeltherapie plus Training seiner Fertigkeiten sicher eine deutliche Stabilisierung und Verbesserung der Lebensqualität erreichen", so Dr. Judith Steininger, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg Linz. Bei besonders schweren depressiven Zuständen wird eine Therapie meist durch die Verabreichung von Antidepressiva ergänzt.

*Quelle: borderline-plattform.de