Botox gegen Migräne: Ich habe es ausprobiert & das ist passiert

Cory Stieg

In Deutschland wurdeBotulinumneurotoxin A 2011 zur Behandlung von chronischer Migräne zugelassen. Damit die Krankenkasse die Behandlungskosten (etwa 200 bis 400 Euro pro Sitzung) jedoch übernimmt, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. So muss die oder der Betroffene mehr als 15 Tage im Monat Kopfschmerzen haben – und mindestens 8 davon Migräne. Außerdem muss nachgewiesen werden, dass andere Medikamente nicht gewirkt haben. Der folgende Artikel bezieht sich auf die Erfahrungen einer Betroffenen aus den USA.

Vor etwa einem Jahr stieß ich mit meiner Migränebehandlung an eine Grenze. Fünf Jahre lang hatte ich zusammen mit einem Neurologen versucht, gegen sie anzukämpfen. Dann gab ich langsam aber sicher auf. Ich hatte alles versucht – von kognitiver Verhaltenstherapie bis hin zu krampflösenden Mitteln; mögliche Trigger vermied ich wie die Pest. Aber nichts hat wirklich geholfen. Mein Neurologe riet mir, meinen Fokus darauf zu richten, Stress abzubauen – was in etwa so ist, als würdest du Wasser sagen, es soll versuchen weniger nass zu sein.

Es gab allerdings eine Methode, die mich schon vor einer Weile neugierig gemacht hatte: Eine Behandlung mit Botox – dem wirksamsten Nervengift der Welt, das sonst vor allem genutzt wird, um Falten zu reduzieren. Eine Bekannte, die auch unter Migräne leidet, hat es kürzlich ausprobiert und mir anschließend empfohlen, den Arzt zu wechseln und es selbst zu testen. Weil ich nichts zu verlieren hatte, beschloss ich, mich an Dr. Risa Ravitz, eine Neurologin der Downtown Neurology in New York City, zu wenden. Sie wurde sowohl von der American Academy of Psychiatry and Neurology als auch der American Board of Pain Medicine ausgezeichnet.

Wie entsteht eine Migräne & wieso hilft Botox?

Wie genau Botox bei Migränen wirkt, ist kompliziert zu erklären – auch weil wir immer noch nicht so viel über diese Art der Kopfschmerzen wissen. Sicher ist aber, dass die Betroffenen ein sehr „leicht reizbares“ Gehirn haben, weshalb bereits ein kleiner, unscheinbar wirkender Trigger (wie Luftdruckveränderungen, Dehydrierung oder Hormonlevelveränderungen), eine Migräne auslösen kann, erklärt Dr. Ravitz. „Die Patient*innen sind immer an der Schwelle zu mehrstufigen chemischen und elektrischen Prozessen, die im Körper stattfinden“, so Dr. Ravitz. 25 bis 30 Prozent der Betroffenen durchlaufen vier handlungsunfähig machende Stufen während einer Migräne: Es beginnt mit der visuellen Aura, dann folgen stechende Kopfschmerzen sowie Übelkeit und Erbrechen. Die letzte Phase fühlt sich dann wie ein sehr heftiger Kater an.

Expert*innen glauben, Botox würde eine spezielle Art der Neurotransmission (Übertragung von Informationen zwischen Zellen) blockieren. Vereinfach gesagt sorgt das dafür, dass das Schmerzsignal nicht weitergeleitet wird. „Botox bringt den gesamten Prozess zum Erliegen, so dass die Neuronen nicht mit den Muskeln kommunizieren können“, so Dr. Ravitz. Wenn das Nervengift regelmäßig in Kopfhaut, Nacken, Schultern, Schläfen und Stirn injiziert wird, kann es die Anzahl der Migränen, die Betroffene erleiden um bis zu 50 Prozent senken. Soweit die Theorie.

Selbst Menschen wie ich, die nicht unter chronischer Migräne leiden, sondern „nur“ ein paar (dafür aber entsetzliche) Attacken pro Monat haben, können von Botoxbehandlungen profitieren. Dr. Ravitz behandelt zum Beispiel auch Patient*innen mit hemiplegischer Migräne – einer Ausprägung, bei der es zu sensorischen und motorischen Störungen kommen kann, die sich unter anderem in einem zeitweisen Taubheitsgefühl oder der Lähmung einer Körperseite äußern können. Aber auch Personen, die jeden Monat ins Krankenhaus fahren, weil ihre Migräne ihnen Angst macht, besuchen Dr. Ravitz. Ihr Ziel ist es, über die Verwendung von Botox aufzuklären und Patient*innen mit unterschiedlichen Ausprägungen der Krankheit zu helfen. Niemand sollte mit diesen Schmerzen und Begleiterscheinungen leben müssen.

Meine persönlichen Erfahrungen mit Botox bei Migräne

Nach einem ausführlichen Beratungsgespräch und dem Test von zwei weiteren präventiven Medikamenten (um zu beweisen, dass ich wirklich alles versucht habe), genehmigte meine Krankenkasse die Botox-Behandlung. Mein Eigenanteil belief sich auch 50 Dollar (entspricht ca. 45 Euro) pro Sitzung.

Als es dann endlich soweit war, war ich sehr nervös. Ich wünschte mir so sehr, dass es funktioniert und machte mir gleichzeitig Sorgen darüber, was passieren würde, wenn dem nicht so ist. Die Aussicht darauf, 26 Mal in meinen Kopf und in mein Gesicht gespritzt zu werden, machte die ganze Sache auch nicht gerade besser. Weil ich ziemlich viel Reality-TV schaue, weiß ich, welche sichtbaren Folgen eine Botoxbehandlung haben kann. Dazu kommt, dass ich mit einer Mutter aufgewachsen bin, die alles, was auch nur im Entferntesten mit Eitelkeit zu tun hat komplett ablehnt. Sie lackiert sich noch nicht die Nägel. Außerdem hatte ich Angst vor eine Stigmatisierung. Davor, wie die Leute darauf reagieren würden, wenn ich erzählen würde, mir Botox spritzen lassen zu haben. Und das, obwohl ich einen „legitimen“ medizinischen Grund dafür habe. Last, but not least habe ich so schon „Resting Bitch Face“ und machte mir sorgen, nach der Behandlung gar keine Emotionen mehr ausdrücken zu können. Doch Dr. Ravitz versicherte mir, dass ich mir keine Sorgen deswegen machen müsste.

Überraschenderweise tat es überhaupt nicht weh! Laut Dr. Ravitz geht es den meisten Migränepatient*innen so, denn sie haben meiste eine höhere Schmerzgrenze. Durch die Injektionen in die Schultern entspannte sich meine ständig angespannte Rückenmuskulatur sofort, was fantastisch was. Direkt nach der Behandlung sah ich zwar ein paar rote Punkte auf meiner Stirn, aber nach dem Duschen waren sie schon wieder verschwunden. Noch am gleichen Abend habe ich gefühlt eine Million Selfies gemacht, um meine Mimik zu testen. Aber erste ein paar Tage nach der Behandlung wurde meine Stirn starr. Was alle ziemlich lustig fanden – auch meine Mama. Ich muss zugeben: Auch, wenn ich mir sonst nicht viel aus Anti-Falten-Cremes und Co. gemacht habe, finde ich es schon cool, auf einmal gar keine Fältchen mehr zu haben. Meine Stirn ist so glatt und gleichmäßig wie eine mit Fondant eingedeckte Hochzeitstorte. Und ich liebe es.

Aber ich habe die Behandlung ja nicht durchführen lassen, weil ich mir eine reglose Stirn gewünscht habe, sondern wegen meiner Migräne. Und ich muss sagen: Einen Monat nach dem ich mich spritzen lassen hatte, waren sie wie weggeblasen. Eine Weile hatte keine einzige und als dann doch eine kam – bedingt durch einen krassen Wetterumschwung – war sie bei weitem nicht so schlimm wie früher. Damals musste ich alle Termine absagen, sobald es losging, aber jetzt war der Schmerz erträglich und ich überstand sie ganz gut. Meine Rescue-Medizin und drei Kopfschmerztabletten musste ich zwar trotzdem nehmen. Doch zu wissen, dass sich das Botox wie ein Schutzschild vor mich stellt und mich vor überflüssiger elektronischer Aktivität bewahrt, beruhigte mich. Es gab mir das Gefühl, mehr Kontrolle über die Migräne zu haben, was für mich eine ganz neue Erfahrung war.

Mein Fazit: Bei mir hat Botox auf jeden Fall geholfen, aber die Wirkung kann von Person zu Person verschieden sein – Migränen sind so individuell wie die Menschen, die unter ihnen leiden. Es liegt an deiner Ärztin oder deinem Arzt, welche Behandlungsmethode sie oder er am sinnvollsten für dich erachtet. Ich würde dir auf jeden Fall raten, eine Kopfschmerzspezialistin oder einen Kopfschmerzspezialisten zu konsultieren, wenn du unter Migräne leidest.

Übrigens gibt es abgesehen von Botox mittlerweile auch noch ein anderes Präparat, das zur Prophylaxe bei erwachsenen Patient*innen verwendet, die mindestens vier Tage im Monat Migräne haben. Es heißt Fremanezumab, wurde von der europäischen Kommission zugelassen und muss einmal monatlich gespritzt werden.

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