Wie ich durch eine Brustverkleinerung meinen Körper zurückbekam

·Lesedauer: 12 Min.

Das erste Mal, dass mir klar wurde, dass ich große Brüste hatte, war in der sechsten Klasse. Ich hatte gerade die Schule gewechselt, und meine neueste Schulfreundin erinnerte sich laut an den Tag zurück, als ich der Klasse einen Monat zuvor mit meinen Eltern einen ersten Besuch abgestattet hatte. Scheinbar hatte ich bei allen meiner neuen Mitschüler:innen einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Ich hatte nett und clever gewirkt und – laut der Jungs in der Klasse – war scheinbar deutlich „reifer“ als alle anderen. Ich war damals 11.

Ich würde nicht sagen, dass ich meine Brüste damals hasste. Trotzdem entwickelte sich in mir schnell ein konkreter Wunsch: eine kleinere Oberweite. Ich wollte mir einfach in dem Wissen einen Bikini kaufen können, dass mir das Oberteil genauso gut passen würde wie die Hose. Ich wollte mit meiner Mutter shoppen gehen können, ohne dabei dauernd in den Spiegel zu starren und meine Brüste mit meinen Händen enger an meine Rippen zu pressen. Ich fühlte mich immer angeglotzt und beobachtet, beginnend in der sechsten Klasse, als man mich noch nicht als „Sam“ kannte – sondern als „die Neue mit dem großen Busen“.

Als ich 18 wurde, war ich knapp 1,55 Meter groß und trug offiziell Körbchengröße 60I, besaß aber tatsächlich nur selten einen BH, der genau diese Größe hatte. Die meisten Unterwäsche-Labels boten in der Größe kaum noch etwas an, also fand ich Alternativen – oder entschied mich von vornherein gegen einen BH, was genauso unangenehm war, wie es sich anhört. Als ich irgendwann enorme Schmerzen im unteren Rücken entwickelte, ging ich zum Chiropraktiker. Der teilte mir mit, dass ich unter Skoliose litt, einer abnormen Krümmung der Wirbelsäule, und meine Körbchengröße machte alles nur noch schlimmer.

Ich fühlte mich aber endlich bestätigt: Meine Brüste waren für meinen Körper eine so große Belastung, wie ich immer vermutet hatte. Vier Jahre nach diesem Arzttermin beschloss ich dann, mich einer Brustverkleinerung zu unterziehen. Meine Mutter war die Erste, der ich von diesem Wunsch erzählte. Ein Jahr, eine Vollnarkose, rund 220 Euro für postoperative BHs und zwei neue Nippel später war dieser Wunsch endlich Realität.

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Ich liebe meine Ärztin. Dr. Tracy Brennan betreut mich schon, seit ich meine Mutter mit 15 fragte, ob ich die Pille bekommen könnte. Ich kenne sie demnach schon lange, und sie kennt meine Familie sogar schon länger. Sie war die Ärztin, die meiner Mutter Brustkrebs diagnostizierte. Und nach meinem jährlichen Check-up im letzten April stimmte mir Dr. Brennan zu: Wenn ich mir die Brüste verkleinern lassen wollte, sollte ich das tun. Trotzdem unterstützte sie meine Entscheidung nur zögerlich. Schließlich lassen die meisten Frauen eine solche Verkleinerung erst vornehmen, nachdem ihre fruchtbaren Jahre hinter ihnen liegen – ich war hingegen erst 24, aber fest von meiner Entscheidung überzeugt.

Ich dachte, die Suche nach dem:der richtigen plastischen Chirurg:in sei der leichteste Teil des ganzen Prozesses, aber schon nach wenigen Anrufen in Praxen, um ein Beratungsgespräch zu vereinbaren, wurde mir klar: Die meisten Chirurg:innen waren mindestens für die nächsten sechs Monate ausgebucht. Nach zahllosen Anrufen erwischte ich endlich eine Praxis, die mir einen Beratungstermin in zwei Wochen zusicherte.

Diese kürzere Wartezeit war die furchtbare Erfahrung allerdings überhaupt nicht wert. Der Chirurg verbrachte den Großteil des Gesprächs damit, mir lauter Linien quer über die Brust zu zeichnen, die weder besonders gerade noch symmetrisch aussahen; noch dazu hörte er überhaupt nicht darauf, dass ich ihn mindestens zweimal darauf hinwies, dass sein Zwicken und Ziepen an meinen Nippeln sehr unangenehm war. Es wurde alles nur noch schlimmer, als er mich fragte, welche Körbchengröße ich denn gern hätte. „Am liebsten eine D“, antwortete ich. „So klein wie möglich.“ Er runzelte die Stirn und erwiderte: „Wer würde denn auch noch kleinere Brüste wollen?“ Eine:r von uns beiden hatte offensichtlich vergessen, dass das hier gerade ein Beratungstermin für eine Brustverkleinerung war – und ich war’s nicht.

Ich zahlte die Beratungsgebühr und brach in Tränen aus, weil ich plötzlich Angst davor hatte, alle Chirurg:innen würden sich so verhalten wie dieser Typ. Die Angst war unbegründet – doch traf ich dennoch keine:n, der:die wirklich zu mir passte. Nach monatelanger Suche fühlte ich mich hoffnungslos. Ich hatte schon fast aufgegeben, als ich per E-Mail zu einem Beratungsgespräch mit der plastischen Chirurgin Dr. Melissa Doft eingeladen wurde, um über Filler zu sprechen. Wir trafen uns etwa eine Woche später, und unser Gespräch verlagerte sich schnell von den Fillern zu Brust-OPs.

Ich erzählte Dr. Doft von meiner Albtraumerfahrung mit dem Chirurgen. Sie meinte, dass sie ihre männlichen Kollegen zwar respektiere, die aber wohl nie meine Gefühle würden nachvollziehen können, weil sie eben keine Brüste hatten. Ich hatte aber noch ganz andere Problem: Selbst wenn ich den:die richtige:n Chirurg:in fand, war ich mir nicht sicher, ob meine Versicherung die vollen Kosten für die OP übernehmen würde. Mehrere Praxen hatten mir schon diverse Guidelines geschickt, was auf mich zukommen würde, um eine „medizinische Notwendigkeit“ meiner Verkleinerung nachzuweisen. In einer Praxis sagte man mir, ich müsse vorher eine monatelange Physiotherapie machen. Das würde dann als „Beweis“ dafür gelten, dass ich absolut alles in meiner Kraft Stehende getan hatte, um meine körperlichen Beschwerden erträglich(-er) zu gestalten.

Aber das ist ja genau der Punkt: Ja, klar, ich konnte mich aktiv darum bemühen, meine Bauchmuskeln zu trainieren und meinen Rücken zu stärken. Nichts würde das Gewicht meiner Brüste allerdings verringern können – abgesehen von einer Operation. Für mich war das die einzige Option.

Als ich dann endlich meinen offiziellen Beratungstermin bei Dr. Doft hatte, fühlte ich mich zum ersten Mal hoffnungsvoll. Dr. Doft erzählte mir, dass kleine Frauen wie ich häufig Schwierigkeiten haben, Chirurg:innen und Versicherungen von der Notwendigkeit der Operation zu überzeugen, weil sie wirken, als wollten sie bloß eine – nicht, als würden sie sie tatsächlich brauchen. Also stellte sie mir jede Frage, die meine Versicherung interessieren könnte, um sicherzugehen, dass das klappen würde. Ich betonte, dass ich regelmäßig Sporte machte (mindestens drei-, viermal pro Woche), aufgrund meiner schweren Brüste aber Probleme mit Sport-BHs und selbst dem schlichtesten Cardio-Training hatte. Außerdem wachte ich jeden Tag mit Rückenschmerzen auf, litt an Skoliose und hatte eine furchtbare Körperhaltung. Gerade zu sitzen, war quasi ein Ding der Unmöglichkeit, weil der Großteil meines Körpergewichts im Oberkörper ruhte.

In diesem Gespräch mit Dr. Doft fing ich immer wieder an zu weinen. Ich fühlte mich nicht nur körperlich unwohl mit meiner übergroßen Oberweite – sie löste auch so viele Emotionen in mir aus, dass ich sie nicht mal mehr richtig in Worte fassen konnte.

„Möchten Sie, dass ich diese Operation an Ihnen durchführe?“, fragte mich Dr. Doft am Ende meines Termins. „Wenn Sie sich die OP wünschen, verdienen Sie sie auch.“ Ich stimmte zu. Nach einem kurzen Blick in den Spiegel und ein paar „Vorher“-Fotos fragte mich Dr. Doft sanft, welche Körbchengröße ich mir denn wünschte. Ich erzählte ihr – wie allen Chirurg:innen vor ihr –, dass ich gern D-Körbchen hätte, je kleiner, desto besser. Sie versicherte mir, ihr Bestes zu tun.

Nichts würde das Gewicht meiner Brüste verringern können – abgesehen von einer Operation. Für mich war das die einzige Option.

Während Dr. Dofts Praxis mit meiner Versicherung sprach, hörte ich zwei Monate lang nichts von ihr. Als sie mich dann anrief, teilte sie mir mit, dass meine Versicherung die OP und alle damit verknüpften medizinischen Kosten übernehmen würde. Und plötzlich hatte ich einen OP-Termin, nur fünf Wochen später.

Abgesehen davon, dass ich nach Mitternacht am Tag des Termins nichts essen oder trinken sollte, hatte ich bloß eine weitere große Aufgabe vor der OP: Ich sollte jemanden mitbringen, der:die mich nach dem Eingriff nach Hause begleiten würde. In meinem Fall war das meine Mutter. Ich bin zwar schon Mitte 20, doch zeigt dir nichts so deutlich, wer deine Eltern wirklich sind, als eine große Operation an ihrem Kind: Mein Vater, der den Knoten in der Brust meiner Mutter zuerst entdeckt hatte, als sie 31 war, war jetzt genauso nervös wie ich. Am anderen Extrem dieses Spektrums war meine Mutter, eine von Natur aus liebevolle, fürsorgliche Frau, die eine Krebserkrankung überlebt hat und davon überzeugt war, dass mein Heilungsprozess im Vergleich damit ein Kinderspiel werden würde – worüber wir uns stritten. Trotzdem: Sie ist meine Mom, und ihre Anwesenheit war genau das, was ich brauchte, als ich 45 Minuten vor meiner OP im kalten, sterilen Wartezimmer saß.

An den Eingriff selbst kann ich mich gar nicht mehr erinnern; nicht daran, wie viele Leute im Raum waren, als ich mich auf den OP-Tisch legte, oder wie oft ich nach dem Aufwachen um Schmerzmittel bat. Alles, was ich noch weiß, ist, wie sich meine Mom nach unserem Abschied verwirrt nach dem Aufzug umsah, bevor ich narkotisiert wurde.

Nach der OP wachte ich mit einer ausgewachsenen Panikattacke auf. Ich erinnere mich noch daran, dass ich nach Luft schnappte, während sich zahlreiche Stimmen um mich herum gegenseitig fragten, wieso ich mich denn so verhielt, als versagte hier gerade meine Lunge, obwohl mein Sauerstofflevel bei 100 Prozent war. „Sie hat eine Panikattacke“, bestätigte irgendjemand. Und obwohl ich gerade damit beschäftigt war, meine körperliche Angstreaktion zu unterdrücken, war mir das unheimlich peinlich.

Nachdem ich in den Aufwachraum gebracht wurde, schlief ich erstmal gefühlt stundenlang. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich mich benommen fühlte – nur noch, dass irgendwann eine Pflegekraft ins Zimmer kam, um mich in einen kleineren Raum zu schieben, wo ich ein bisschen Wackelpudding und ein paar Pillen bekam, mich dann anzog und nach Hause konnte.

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In den ersten zwei Wochen nach der Operation verbrachte ich viel Zeit im Bett. Meine gesamte Brust war in einen riesigen Klettverschluss-BH gewickelt. Der Schmerz war erträglich, aber überhaupt nicht so, wie ich erwartet hatte: Alles pochte und brannte, bis ich mehr Schmerzmittel einnahm. Ich durfte nirgendwo hingehen, wo viel los war und mich potenziell jemand anrempeln könnte. Wohin es auch ging, fuhr ich mit einem Uber – selbst wenn das bedeutete, dass ich horizontal auf dem Rücksitz liegen und meine Brüste von unten stützen musste, wann immer das Auto über ein Schlagloch fuhr. Die überfüllte U- und S-Bahn war völlig tabu.

Das Schwierigste am ganzen Heilungsprozess war allerdings das Schlafen. Weil ich viel Zeit im Liegen verbrachte, war ich nie müde. Ich musste jeden Abend Schmerzmittel nehmen, um überhaupt einschlafen zu können. Obwohl ich flexibel von zu Hause aus arbeiten konnte, musste ich aber früher oder später zu meiner normalen Office-Routine zurückkehren – und spürte an diesen Tagen regelmäßig gegen 14 Uhr Schmerzen, die sich anfühlten wie Verbrennungen dritten Grades. Bis sich die Nähte völlig aufgelöst hatten, vergingen ganze Wochen, und sie erinnerten mich jeden Tag daran, dass ich immer noch mitten im Heilungsprozess steckte.

Erst als ich damit anfing, nachmittags CBD-Pillen zu nehmen, ließ der Schmerz wirklich nach. Ich konnte mich endlich in die Bahn trauen, ohne Angst davor haben zu müssen, dass mich jemand versehentlich mit dem Torso gegen eine Stange drückte. Mit der Zeit konnte ich endlich wieder normale Sachen machen – wie zum Beispiel, nach der Tupperware im obersten Regal zu greifen – und begriff: Ich hatte es schon sehr weit gebracht.

Zwei Tage nach meiner OP war ich bei Dr. Doft zur Nachkontrolle. Als sie mir den chirurgischen BH abnahm, in den sie mich zwei Tage zuvor gewickelt hatte, fragte sie mich, ob ich meine neuen Brüste sehen wollte. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht.“ Instinktiv schaute ich aber doch nach unten und erfasste alles in wenigen Sekundenbruchteilen: die Nähte, die Blutflecken, meine geschwollenen Nippel. Ich schreckte sofort zurück und war mir sicher, mich entweder gleich zu übergeben oder in Ohnmacht zu fallen. Dr. Doft griff nach meinem Arm, bat mich, einmal tief durchzuatmen, und überließ mich eine Minute meinen Tränen. „Sie sehen toll aus. Sie sehen so gut aus!“, versicherte sie mir.

Jetzt, da ich die OP offiziell hinter mir hatte, wusste ich, dass es vermutlich an der Zeit war, allen davon zu erzählen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur diejenigen eingeweiht, die unbedingt Bescheid wissen mussten – abgesehen von meinen Eltern waren das bloß meine Vorgesetzten, meine Mitbewohner:innen und eine benachbarte Freundin (die sich als sehr gute Wahl herausstellte, als sie mir nach der OP Tiramisu und homöopathische Arnica-Globuli vorbeibrachte). Ansonsten war meine Operation ein Geheimnis. Ich wusste: Je mehr Leuten ich davon erzählte, desto mehr ungebetene Meinungen würden mir entgegenschallen.

Nach der OP wurde mir schnell klar, dass sich viele Leute, die du einweihst, dazu bewogen fühlen, dir von der Schwester des Mitbewohners ihrer Cousine zu erzählen, die den gleichen Eingriff hatte und sich scheinbar nach 24 Stunden schon wieder super fühlte. Je mehr Menschen ich von meiner OP erzählte, desto einsamer fühlte ich mich, weil es vielen schwerfiel, meine Situation nachzuvollziehen. Wenn mich jemand fragte, ob ich Schmerzen hätte, war es nicht so leicht zu erklären, dass ich zwar nicht unerträgliche Qualen durchmachte, meine Nippel aber unangenehm brannten, sich jede Dusche wie eine Olympiadisziplin anfühlte und ich seit Wochen unter Verstopfung litt.

Meine OP ist jetzt ein Jahr und fünf Monate her. Ich muss nicht mehr 24/7 einen BH tragen, kann wieder auf der Seite schlafen, habe keine geschwollenen Nippel mehr, fühle mich nicht mehr wie eine Masochistin, wann immer ich ein Laufband betrete – und wow, ich liebe es, nackt zu sein. Was ich heute im Spiegel sehe, entspricht endlich dem, was ich immer von meinem Spiegelbild erwartet hatte. Über ein Jahrzehnt lang hatte ich nie das Gefühl, mein Körper gehörte wirklich mir. Heute weiß ich: Doch – das ist meiner.

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