Kommentar: Bundesliga darf wieder starten - fernab der Realität

Ben Barthmann
Sports Editor

Immerhin diese Fans werden vorbildlich bleiben. (Bild: AFP)

Die Bundesliga darf nach einer Einigung von Bund und Ländern ab Mitte Mai wieder den Spielbetrieb aufnehmen. Das ist politisch richtig, allerdings in der Praxis weit von der Realität entfernt.

Ein Kommentar von Ben Barthmann

Sind wir doch zum Start ehrlich miteinander: Wir wünschen uns alle, dass die Bundesliga bald weiterläuft. Es werden Arbeitsplätze gesichert, Klubs vor finanziellen Katastrophen gerettet und am Wochenende gibt es endlich wieder Diskussionsstoff, der sich nicht um das böse C-Wort dreht.

Dieser Wunsch hat in den letzten Wochen immer mehr Überhand genommen und unsere vorsichtige Stimme überwunden. Denn weiterlaufen sollte die Bundesliga nicht. Für diese Erkenntnis hat es Salomon Kalous Video aus der Hertha-Kabine eigentlich gar nicht gebraucht, “schön” aber, dass er die folgende Argumentation mit einem dicken Rotstift noch unterstrich.

Wenige Fehler reichen schon für den Einsturz aus

Was wir in den kommenden Wochen sehen werden (bzw. eigentlich nicht direkt sehen, sondern nur erahnen werden), ist eine drastische Schere zwischen Theorie und Praxis.

Das Hygienekonzept der DFL ist nett und hat die Politiker überzeugt. Aber die Umsetzung wird an der täglichen Handhabe scheitern, bzw. vielmehr scheitern müssen.

Wie weit die Aufklärung der Betroffenen gekommen ist, haben wir gesehen. Bei manchen Spielern wird ein Bewusstsein eintreten, bei anderen nicht. Wenige reichen aber schon aus, um alles zum Einsturz zu bringen.

Das gilt übrigens ebenso für das Geschehen in der Kabine wie für die Quarantäne außerhalb des Sports für die Fußballer. Mancher wird das nicht so ernst nehmen, wie es eigentlich genommen werden müsste.

Viele Details werden mit Woche zu Woche und mit mehr Gewöhnung unter den Tisch fallen: Training an Geräten mit Einmalhandschuhen, regelmäßiges Desinfizieren, zwei Meter Abstand in Kabine und Dusche, das Tragen einer Maske in diversen Situationen.

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Spieler können viele Wochen ausfallen - und ansteckend sein?

Hier liegt das Problem der Politik im Kampf gegen das Coronavirus. Unsere Politiker entscheiden, was theoretisch stattfinden muss und nicht, was die einzelnen Bürger wirklich umsetzen. Das DFL-Konzept ist auf dem Papier somit eine runde Geschichte, im Kern der einzelnen Mannschaften aber nicht mehr als heiße Luft.

Fälle aus Italien, Juventus-Spieler Paulo Dybala ist in sechs Wochen immer wieder positiv getestet worden, zeigen zudem, wie langfristig eine Corona-Erkrankung auch gesunde Sportler treffen kann. Wann ein erkrankter Spieler wieder das Training und eventuell den Spielbetrieb aufnehmen kann, ist aufgrund aktueller Wissensdefizite nicht pauschal zu sagen. Ebenso wenig wissen wir über Langzeiteffekte der Erkrankung - was wir wissen, ist nicht gerade positiv.

Es drohen im Verlauf der restlichen Saison die Ausfälle einzelner Spieler, aber auch die Ausfälle von Kleingruppen, die mit dem betroffenen Spieler trainiert haben. Die DFL hat das mit dem Hinweis, die Vereine mögen für ausreichende Kadergrößen sorgen, sogar lapidar eingeplant. Richtig komplex wird es, wenn die Infektion über andere Wege oder direkt am Spieltag, dann landen ja doch alle Spieler gemeinsam in der Kabine, weitergegeben wird.

Konzept ist nicht gleich Praxis

Das DFL-Hygienekonzept ist gut und ginge es danach, würde es wohl nur sehr wenige positive Fälle in der Bundesliga geben. Wirtschaftlich ist es richtig, den Ligabetrieb wieder aufzunehmen und die Geisterspiele wird der Sport auch verkraften können.

Das beste Konzept bleibt aber auch nur ein Konzept. Die Umsetzung ist letztlich entscheidend für Erfolg oder Misserfolg. Die Bundesliga verlangt von allen Beteiligten für die Fortsetzung der Saison Perfektion, die einfach nicht umsetzbar ist.

Denn, sind wir auch zum Ende ganz ehrlich miteinander, das hat in unserem Alltag bisher ebenfalls nicht top funktioniert. Wie oft haben Sie sich in den letzten Wochen gedacht: “Ach, dieses eine Mal passt das schon”? Bundesliga-Spieler denken auch nicht anders.

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