„Clean Meat“: So sieht die Zukunft ohne Fleisch aus

Moritz Piehler
Freier Autor
So sieht der fleischlose Burger von "Beyond Meat" aus. Die Fleischersatz-Firma aus Los Angeles machte im Frühjahr mit ihrem spektakulären Börseneinstieg Schlagzeilen (Bild: Drew Angerer/Getty Images)

Experten sind sich einig: Künstliches Fleisch, im Labor hergestellt, wird die Nahrungsindustrie der Zukunft revolutionieren. Doch wie weit ist die Entwicklung noch entfernt von einer Markteinführung? Und was sind die Risiken und Vorteile von Fleischersatzprodukten?

Vor gut sechs Jahren stellte das niederländische Startup Unternehmen „Mosa Meat“ den ersten Burger aus dem Reagenzglas vor. Es war eine kleine Sensation, das Fleisch kam aus dem Labor und war dort aus Tier-Zellen gezüchtet worden, ohne das ein Lebewesen darunter leiden musste. Doch der Burger von 2013 hatte ein riesiges Problem: Er war noch etwas kostspielig für den Normalkunden. Schlanke 250.000 Euro kostete die Produktion des Burgerpaddys. Seitdem hat sich in der Entwicklung einiges getan. Weltweit arbeiten zahlreiche Unternehmen mit Hochdruck an den Fleischalternativen aus dem Labor. Mehr als zwei Dutzend Startups sind mit dem Thema beschäftigt. Und das ist nicht verwunderlich. Spätestens seitdem die Klimakrise ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist, ist auch eine fleischlose Ernährung längst nicht mehr nur Sache einer kleinen veganen Minderheit. Zum einen ist Wasserverbrauch und CO2-Ausstoß für den weltweiten Fleischbedarf enorm, zum anderen wächst aber auch das Bewusstsein über die Bedingungen, die oft in der Massentierhaltung vorliegen.

Die Nahrungsrevolution

Die beiden Startups „Mosa Meat“ und „Biotech Foods“ hoffen, schon in zwei Jahren mit ihren Fleischersatzprodukten auf den europäischen Markt zu kommen. Scheitern könnte das allerdings nicht nur an der massentauglichen Produktion. Auch das „Go“ der EU wird mitentscheidend darüber sein, ob eine Markteinführung schon 2022 möglich sein wird. Geht es nach „Mosa Meat“, würde der Burger dann zu einem akzeptablen Preis von neun Euro zu haben sein. Der Grund für den Megapreis von einer Viertelmillionen war die Entwicklungsstufe, in der sich die Forschung damals noch befunden haben. Inzwischen investierten zahlreiche Geldgeber wie Bill Gates, Google-Mitgründer Sergey Brin oder der deutsche Pharmakonzern Merck in die Branche. So beziffert das spanische Unternehmen „Biotech Foods“ den Preis für ein Kilogramm künstliches Fleisch auf etwa 100 Euro. Noch 2018 hatte das israelische Startup „Future Meat Technologies“ noch mit dem achtfachen Preis gerechnet. Ein entscheidender Kostenfaktor ist das Medium zur Zellkultur, in dem das Laborfleisch kultiviert wird und das momentan noch relativ teuer ist. Es wird heute noch aus fötalem Kälberserum gewonnen, ist also noch um einiges vom Gedanken der gewaltfreien Fleischherstellung entfernt. Mikroorganismen und Algen könnten hier Ersatz schaffen. Die Herstellerfirmen rechnen aber damit, dass bei größerem Bedarf und einer rasch voranschreitenden Weiterentwicklung auch dieser wichtige Bestandteil bald deutlich im Preis sinken wird. Firmen wie „New Harvest“ und „Just Meat“ arbeiten bereits an einem tierfreien pflanzlichen Nährmedium. Auch „Mosa Meat“ hat laut eigenen Angaben bereits ein Medium ohne Kälberserum entwickelt. Es würde eines der Hauptargumente gegen die künstliche Fleischproduktion entkräften, die momentan noch von Tierschutzorganisationen wie „Peta“ kommen.

Wie hier an der Universität von Maastricht sieht die Produktion von "in vitro" Fleisch im Labor aus. (Bild: Francois Lenoir /Reuters)

Die große Alternative zu den künstlichen Labor-Burgern ist der Markt der vegetarischen Fleischalternativen. Auch sie setzen vor allem auf eine Abkehr von der Massentierhaltung als Basis der Nahrungsproduktion. Gerade im Mai diesen Jahres ist die US-Firma „Beyond Meat“ an die Börse gegangen. Die Aktie schnellte sofort nach oben. Es war der erfolgreichste Börsengang seit der Jahrtausendwende. Die Veggie-Burger bestehen aus Erbsenprotein, auch dieses ein weitaus klimaschonenderes und tierfreundlicheres Produktionsverfahren.

Die Branche entwickelt sich jedenfalls im Flug und die Riege der Investoren zeigt deutlich, dass vielerorts auf den Trend zum Fleischersatz gesetzt wird. Selbst Fleischgiganten wie die deutsche Firma „Wiesenhof“ haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie investieren in den israelischen Startup „Supermeat“, das sich zum langfristigen Ziel gesetzt hat, dass Verbraucher künftig ihr eigenes Hähnchenfleisch zuhause züchten könnten. Noch weltweit werden im Jahr aktuell 50 Milliarden Hühner für den Fleischmarkt getötet. Das US-Unternehmen „Memphis Meats“ ist Vorreiter im Bereich des künstlichen Geflügelfleisches. Auch sie hoffen auf eine zeitnahen Einstieg ihrer Produkte am Nahrungsmarkt. Es gibt allerdings auch Forscher, die etwas zurückhaltender in der Prognose sind und eher mit zehn Jahren rechnen, bevor künstliches Fleisch wirklich im großen Stil marktfähig sein wird. Das liegt unter anderem an den ungeklärten Zulassungsfragen aber auch an den Nebenwirkungen der Großproduktion, die bisher noch unzulänglich erforscht sind.

Oxford-Studie zur Nachhaltigkeit

Laborfleisch könnte zukünftig im Vergleich zur herkömmlichen Fleischproduktion bis zu zehn Prozent der Treibhausgas-Emissionen einsparen, glauben Klimaforscher. John Lynch von der University of Oxford und Raymond Pierrehumbert von der University of Oxford kommen allerdings zu einem etwas komplexeren Ergebnis. In ihrer Studie, die sich auf einen errechneten Zeitraum von 1000 Jahren bezieht, könnte die Rinderhaltung sogar etwas besser dastehen, was den CO2-Ausstoß angeht. Der Grund dafür ist die hohe Energiemenge, die durch die Herstellung von Fleisch in Bioreaktoren verbraucht wird. Das Methan, das durch die Rinder freigesetzt wird, hat zwar größere Auswirkungen auf das Klima, bleibt im Vergleich zu CO2 aber nur sehr kurz, nämlich bis zu zwölf Jahre in der Atmosphäre. Allerdings gibt es viele variable Faktoren in der Studie, beispielsweise die Veränderung in der Energiegewinnung sowie den schwindenden Fleischbedarf. Sollte immer mehr Energie aus erneuerbaren Quellen kommen, sinkt damit auch der CO2 Ausstoß der Fleischgewinnung. Zudem schränken die beiden Oxford-Forscher ein, dass sie in ihrer Studie andere Auswirkungen der Rinderhaltung nicht mit einberechnet hätten. So etwa die Wasserverschmutzung und die Versauerung von Böden, die bei Laborfleisch keine Rollen spielen.

Die Frage nach der Akzeptanz bei den Konsumenten lässt sich noch schwerer prognostizieren. Zwar kann man im veganen Lebensmittelmarkt beobachten, wie in den letzten Jahrzehnten vermehrt ein Umdenken auch bei großen Supermarktketten stattgefunden hat. Jedoch sind auch diese noch weit davon entfernt, tatsächlich herkömmliche Lebensmittel zu ersetzen. Eine Studie der Bank UBS prognostiziert für die nächsten fünf Jahre ein Wachstum des pflanzenbasierten Fleischmarktes um 30 Prozent. In Deutschland, internationale Spitze, was den veganen Markt angeht, ist der Anteil neueingeführter veganer Lebensmittel 2018 immerhin auf dreizehn Prozent angestiegen. Im Vergleich sind es weltweit noch nur etwa fünf Prozent aller Produkte. Unbestritten ist aber bei nahezu allen Experten, dass Fleischersatzprodukte in Zukunft eine immer wichtigere Rolle in der Nahrungsmittelindustrie einnehmen wird.