Comeback des Jahres: "Andy Murray - unkaputtbarer Braveheart"

Im Januar 2019 kündigte Andy Murray seinen Abschied aus dem Tennis an. Der Schotte überwand seine Schmerzen allerdings, auch zu seiner eigenen Überraschung, und kehrte spätestens in Antwerpen an die Spitze zurück. Für Yahoo Sport das Comeback des Jahres.

Andy Murray besiegte Stan Wawrinka in Antwerpen und jubelte emotional. (Bild: Getty Images)

Seit Ende November ist auf der Streaming-Plattform Amazon Prime eine Dokumentation abrufbar, die den Namen „Andy Murray – Resurfacing“ trägt. Die Macher des wirklich sehenswerten Films haben das mit dem Titel clever gemacht. „Resurfacing“ würde man ins Deutsche, zugegeben etwas frei, mit „Auferstehung“ übersetzen. Damit ist ein Handlungsstrang schon mal abgedeckt: Andy Murray, zweifache Wimbledon-Sieger, US-Open-Champion, zweifacher Olympischer Goldmedaillen-Gewinner, ist also wieder da. Andererseits wird das Wort „Resurfacing“ gerne im medizinischen Kontext benutzt, etwa der Terminus „Hip Resurfacing“, was gleichbedeutend mit der deutschen „Hüfterneuerung“ ist. Und jetzt ahnen Sie schon, was der zweite Teil der Doku bringt. Murray, mittlerweile 32, hat eine unfassbare Leidenszeit hinter sich. 

Immer und immer wieder ist es die Hüfte, die dem berühmtesten Sohn Schottlands zu Schaffen macht. Und die ihn im Januar 2019 kurz vor den Australian Open zu einem Statement zwingt, das sich in der Folge wie ein Lauffeuer quer über den Sportglobus verbreitet. „Andy Murray beendet Karriere“, mit dieser Zeile machen nicht wenige Zeitungen, ja sogar auf der Seite 1, am Folgetag auf.

Die Hüfte schmerze so sehr, dass selbst das Gehen Probleme bereite, so Murray, der schweren Herzens und mit stockender Stimme damals ankündigt, seine Tenniskarriere „bald“ beenden zu wollen. Schluss, Aus, vorbei. Der Körper kann nicht mehr, Murray selbst will nicht mehr. Als letztes Ziel gibt Murray noch den Start in Wimbledon aus – aber nicht im Einzel, sondern lediglich im Doppel und Mixed. Große Show statt großer Sport.

Murray scheiterte bei Australian Open in Runde eins

Bei den Australian Open, so dachten jedenfalls viele, würde Murray zum letzten Mal auf der Tour und in einem Einzelwettbewerb aufschlagen. Auf den Leinwänden der großen Courts in Melbourne wird ein „Farewell-Andy“-Video gezeigt, das Gruß- und Abschiedsbotschaften der Kollegen von Federer bis Djokovic beinhaltet. Schon in der ersten Runde ist damals übrigens Schluss.

Gegen den Spanier Roberto Bautista Agut gibt es noch einmal ein großes Murray-Match mit viel Gezweifel und Geschimpfe: fünf Sätze, unfassbare Ballwechsel, abgewehrte Matchbälle, Standing Ovations im laufenden Spiel und immer wieder Tränen beim Schotten, der im Angesicht des nahenden Karriereendes seinen Emotionen mehrfach freien Lauf lässt. "Wenn ich noch einmal zurückkommen wollte, dann bräuchte ich ein große Operation, bei der niemand weiß, was danach passiert", erläutert Murray nach dem Spiel. Jetzt weiß man es, Murray ist zurück und sein Comeback gehört zu den schönsten Geschichten aus dem Sportjahr 2019.

Dreistündige OP, tägliche Qualen in der Therapie

Über drei Stunden dauert die Operation, bei der Murray Ende Januar ein künstliches Hüftgelenk aus Stahl eingepflanzt wird. Und dann die übliche Quälerei: täglich fünf Stunden Schwimmen, Laufband, Krafttraining, Mobilisationsübungen, Physiotherapie. Schnell merkt Murray, dass es dieses Mal besser laufen könnte. Die Schmerzen lassen allmählich nach, erste „Gehversuche“ mit dem Schläger verlaufen positiv, die Kondition ist zurück.

Ausgerechnet und nicht ganz unabsichtlich sucht sich der Kauz aus Glasgow das legendäre ATP-Turnier im Londoner Queens-Club als Bühne für sein Comeback aus. Jenes Turnier, welches Rekordsieger Murray gleich fünf Mal gewinnen konnte. Im Juni 2019 schlägt er in Queens an der Seite des Spaniers Feliciano López lediglich im Doppel auf. Aber was heißt eigentlich lediglich? Es ist Wettbewerb, es ist das Messen mit anderen Weltklasse-Athleten. Murray traut sich wieder – und gewinnt tatsächlich die Doppelkonkurrenz von Queens. 

Murray und Serena werden zur Zweckgemeinschaft

Rückblick: Wimbledon 2019, wenige Wochen später: An einem heißen Sommertag kleben die Tennisfans im All England Lawn Tennis and Croquet Club wie die Fliegen am Sichtschutz des nur schwer einsehbaren Trainingsplatzes. Federer? Nadal? Djokovic? Nein, es ist Murray, der hier die Bälle über das Netz prügelt, sichtlich Spaß hat, Scherze macht und ja, wirklich auch fit wirkt. Das Traditionsturnier fällt dieses Jahr unter die Bezeichnung „Murray Festspiele“.

Der Start von „Muzza“ ist die Sensation des Sommers im Vereinigten Königreich. Er spielt kein Einzel, aber er spielt wieder Doppel. Aber vor allem spielt er Mixed – an der Seite von Serena Williams, der Göttin. Wer immer sich das Zustandekommen dieser Kombination auf die Fahne schreiben darf, es ist ein genialer Marketing-Schachzug. Zwei Runden übersteht die sportliche Zweck- und PR-Gemeinschaft Williams/Murray. Und wer live dabei sein durfte, wird diese zwei Matches im Leben wohl nicht mehr vergessen. Das Interesse ist riesengroß, die Atmosphäre während der Partien gleicht der einer tosenden Fußball-Arena. 

Andy Murray erlebte ein 2019 mit vielen Hochs und Tiefs. (Bild: Reuters)

Neue Rücktrittsgedanken nach sportlichem Misserfolg

Der sportliche Wert? Ist hoch! Der dreifache Familienvater macht weiter Fortschritte. Die Wettkampfhärte ist endgültig zurück. Aber noch traut sich Murray nicht vollends zurück auf die Bühne. Zumindest nicht im Einzel, das streng genommen im Vergleich zum Tennis-Doppel eine andere Sportart ist. So schlägt er denn auch eine Wildcard für das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres in New York bei den US Open aus.

Stattdessen geht die Schufterei weiter. Murray entscheidet sich schließlich, so wie der gesamte Tennis-Zirkus, im Herbst nach Asien zu gehen und weiter Matchpraxis zu bekommen. Beim ATP-500-Turnier von Peking erreicht er schon das Viertelfinale. Dort unterliegt er Dominic Thiem. Beim Masters von Shanghai schlägt Murray Juan Ignacio Londero, ehe er an Fabio Fognini scheitert. Und doch bleiben Zweifel.

„Asien war der Knackpunkt, an dem ich realisierte, dass ich es schaffen könnte“, sagt Murray nach der Rückkehr nach Europa. Im Training setzt er sich ein Ultimatum. Sollte er bis zum Ende des Jahres keine nennenswerten Siege einfahren, würde er „nicht weitermachen wollen“. Schon wieder Rücktrittsgedanken. Dann folgt das Turnier von Antwerpen …..

Rückkehr an die Spitze in Antwerpen

Ein Dreivierteljahr nach seiner halben Rücktrittsankündigung am Rande der Australian Open sitzt Murray Ende Oktober oben auf dem Podium des kleines Pressekonferenzraums beim vergleichsweise kleinen Event in Belgien und ihm versagt erneut die Stimme. Jetzt aber vor Freude und Rührung. Denn was niemand, am wenigsten er selbst für möglich gehalten hat, wird in Antwerpen wahr. Durch einen Dreisatzerfolg über den Schweizer Stan Wawrinka holt sich Murray seinen ersten Turniersieg seit zwei Jahren und krönt damit sein Comeback. „Das ist einer der größten Siege, die ich je hatte“, sagt Murray noch. „Nach all dem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, bin ich einfach nur stolz.“

Wie die wundersame Reise des Sir Andrew Barron Murray weitergeht, steht in den Sternen. Ja, er plant an den Australian Open 2020 teilzunehmen. Auch im Einzelwettbewerb. Er wolle Spaß haben, das Training genießen und wettbewerbsfähig sein, egal ob als Nummer 30 oder Nummer 70 der Weltrangliste, so Murray vor kurzem bei einer Veranstaltung seines Bekleidungssponsors in London. Dass ihm das gelingt, dafür spricht momentan vieles. Und wenn Murray doch scheitert? Vergessen Sie's. Seine Geschichte ist schon geschrieben. Im Jahr 2019.