Corona-Pandemie: Werden die 20er die neuen 30er?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Massenarbeitslosigkeit in Cleveland, Ohio, in den 30er-Jahren: Steht die Rückkehr der Großen Depression unmittelbar bevor? (AP Photo)

Die Weltkrise ist da. In noch nie dagewesener Geschwindigkeit kapitulieren die Weltbörsen. Grund für die hemmungslosen Abverkäufe ist ein unsichtbarer Feind: das Coronavirus. Weil niemand ermessen kann, wie schwer die Folgen der kommenden Rezession werden, stürzen die Märkte ins Bodenlose. Droht eine neue Depression?

Das Worstcase wiederholt sich im Stundenrhythmus. 15.000 Corona-Infizierte in Deutschland. 20.000. 25.000 Die Macht der großen Zahlen schlägt gnadenlos zu. Die Bundesrepublik weist damit weltweit bereits die fünfthöchsten Zahlen an Corona-Infizierten aus.

Das exponentielle Wachstum hat Folgen: Seit heute gilt in öffentlichen Räumen ein Kontaktverbot ab zwei Personen – eine Ausgangssperre, die seit Tagen als mögliche Ultima Ratio bleiern über der Republik liegt, wurde von Bundeskanzlerin Merkel weiterhin vermieden. 

Weltbörsen verlieren so schnell wie noch nie 

Wie die Märkte darauf reagieren, bleibt abzuwarten. Auch in der vergangenen Woche ging der freie Fall nicht nur ungebremst weiter, er beschleunigte vor allem an der Wall Street abermals die Dynamik. Mit einem Minus von 17 Prozent verbuchte der Dow Jones den schwersten Wochenverlust seit der Finanzkrise 2008.

Allesamt sind die Weltbörsen in den vergangenen Handelstagen tiefer in den Bärenmarkt geschlittert. Die Verluste der Technologiebörse Nasdaq belaufen sich mittlerweile auf 30 Prozent, während der marktbreite S&P 500 per Schlusskurs am Freitag bereits 33 Prozent an Wert eingebüßt hat. 

Dow Jones und Dax haben bereits 35 Prozent an Wert verloren   

Der Leitindex Dow Jones ist unterdessen vom Ausverkauf in der Corona-Krise am schwersten betroffen und hat gegenüber seinen Höchstkursen bereits Verluste von 35 Prozent zu beklagen – und damit genauso viel wie der Dax, der in der vergangenen Handelswoche erstmals seit Ausbruch der Pandemie Stabilisierungsversuche machte.


Die Kursverluste in ihrem Ausmaß sind historisch – die erdrutschartigen Verluste haben sich schließlich in gerade einmal vier Wochen ereignet. So massiv haben die Weltbörsen noch nie in ihrer Geschichte verloren – weder in der Finanzkrise 2008 noch nach dem Platzen der Internetblase 2000 noch nach dem Schwarzen Montag von 1987. 

Sorge vor neuer Großer Depression 

Auf Monatssicht befindet sich der Dow Jones mit einem Minus von bisher 24,5 Prozent tatsächlich auf Kurs der schlechtesten Entwicklung seit September 1931, als der US-Leitindex in der Großen Depression um 30,7 Prozent kollabierte. Die Parallelen zur schlimmsten Wirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts wurden in den vergangenen Tagen immer häufiger zitiert.

Am Sonntagabend schockte der Chef der Notenbank in St. Louis mit der Horrorprognose, dass die Arbeitslosenquote in den USA, die Ende 2019 noch bei 3,6 Prozent lag, wegen des Shutdowns in vielen Teilen der größten Volkswirtschaft der Welt im zweiten Quartal auf astronomische 30 Prozent steigen und das Bruttosozialprodukt dabei um nie dagewesene 50 Prozent einbrechen könnte. 

Depression der 30er-Jahre: Kursverluste von bis zu 90 Prozent 

Angesichts dieser alarmierenden Worstcase-Szenarien sollten Anleger nicht außer Acht lassen, wie brutal die Kapitalmärkte in der Folge des großen Börsenkrachs von 1929 in die Knie gingen. Vom Top im September 1929 bei seinerzeit 381 Punkten hat der Dow Jones Industrial Average bis zum bitteren Ende in der Großen Depression bei 41 Zählern im Sommer 1932 in knapp drei Jahren 89 Prozent an Wert verloren.    


Sollte sich die Geschichte wiederholen, würde der Dow Jones am Ende bis auf 3200 Punkte abstürzen – und der Dax auf 1500 Zähler. Während die Szenario aktuell kaum vorstellbar erscheinen, tut nach dem jüngsten Crash zumindest eine gesunde Portion Skepsis gut, ob aktuell schon wieder Kaufkurse winken, wie erste Börsenmedien frohlocken

Lehre vergangener Börsenkrise: Der Boden dauert

Vor allem lehrt das Vorbild vergangener Börsenkrisen, dass der Spuk nach einem Totalabsturz nie binnen Wochen wieder vorbei war. In der Großen Depression wie nach dem Platzen der Internetblase dauerte es drei Jahre, bis der Boden tatsächlich erreicht war.

Nach dem Systemschock der Finanzkrise 2008/09 wurde ein finales Tief zwar deutlich schneller ausgebildet, doch selbst dieser Prozess dauerte bis zum Frühjahr 2009 — und dauerte damit ein halbes Jahr. In der Nacht zum Montag sah es zumindest nicht nach einer schnellen Trendwende aus: Die Futures an der Wall Street brachen so massiv ein, dass der Handel erneut ausgesetzt werden musste.