Kommentar: Wirre Verschwörungstheorien: Auch Du, mein Sohn Sido?

Ausnahmsweise mit Maske untenrum: Sido beim Auftritt im Autokino in Düsseldorf Ende April. (Bild: Andreas Rentz/Getty Images)

Die Reihe prominenter Verschwörungstheoretiker ist lang. Jetzt kommt offenbar auch noch Sido dazu. Dabei hat er den Quatsch eigentlich gar nicht nötig.

Ein Kommentar von Moritz Piehler

Sido, eigentlich Vorreiter unter den vorbildlichen Maskenträgern, begibt sich jetzt durch ein Interview plötzlich in ganz merkwürdige Gesellschaft. In der Youtube-Sendung “Ali therapiert” von Rap-Kollege Ali Bumaye plaudert der Berliner eigentlich über recht Harmloses, um mit einer lapidar dahin geworfenen Bemerkung plötzlich an die Verschwörungstheorien prominenter Kollegen anzudocken. Okay, an die abgedrehten Theorien von Soulröhre Xavier Naidoo hatte man sich ja schon gewöhnt, da war es nicht weiter verwunderlich, dass der Sänger jetzt auch auf die Corona-Skeptiker-Welle aufsprang und aus seinem Auto heraus wild über das “geplante Massensterben” durch die Regierung und den geheimen Standort von Atlantis salbaderte. Und Vegan-Koch Attila Hildmann ist längst bereit, mit der Waffe in der Hand für seine Überzeugung zu sterben, wie er auf einer Corona-Demo in Berlin verkündete. Alle zusammen feiern natürlich Ken Jebsen, der mit seinen Verschwörungstheorien über Youtube hunderttausende Menschen erreicht.

Und ratzfatz ist man in den Abgründen der QAnon-Verschwörer. Die Skinnyjeans unter den Verschwörungstheorien: Jeder hat sie, bei keinem sieht sie wirklich gut aus. Es ist eine krude Mischung aus Schattenregierung, Antisemitismus und dem Glauben, dass eine Gruppe gerade opportuner Machtmenschen wie Hillary Clinton und Bill Gates Kindern Blut absaugt, um daraus einen Verjüngungstrank zu gewinnen.

Sido und das “Kinderblut”

Jetzt also auch noch Sido, der sich erfolgreich von seinem immer etwas angestrengt wirkenden Gangsterrap-Image befreit hatte und mittlerweile irgendwie im gemütlichen Mainstream angekommen war, ohne dabei unauthentisch zu werden. Wer weiß schon, was so ein paar Wochen in Quarantäne auslösen? Da kann man offensichtlich schon mal in einen Youtube-Strudel gezogen werden, der in den dunklen Untiefen des Internets endet. In dem Interview mit Ali Bumaye geht es jedenfalls eigentlich um Harald Juhnke als Idol und dann sagt Sido diesen Satz: “Vielleicht hat er Kinderblut getrunken.” Flapsig, na klar, aber er legt nach: “Dass Kinder auf unerklärliche Weise verschwinden und man die nicht wiederfinden kann (…), da sind so Dinge und sehr reiche, sehr mächtige Leute, die sich daran irgendwie, keine Ahnung, was sie damit machen, aber ich glaube schon daran, dass so was sein kann.“

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Auch als Bumaye ihn direkt auf Naidoo anspricht, sagt Sido: „Xavier ist ja aus der Frankfurt-Ecke. Ich kenne andere Rapper aus Frankfurt und aus der Ecke, die mir erzählt haben, dass sie auch schon Kontakt mit so Leuten hatten und komische Fragen gestellt bekommen haben, die denen klargemacht haben, es gibt sowas. Besonders in Frankfurt. Rotschild hat früher einen Sohn nach Frankfurt geschickt, einen nach Wien geschickt und die haben angefangen, da ihr Geschäft zu machen. Deswegen ist Frankfurt auch eine Börsenstadt.“ Und da ist sie, diese verquere Gemengelage, die alte antisemitische Vorurteile mit absurdesten Theorien zu einem Gesamtkonzept heraufbeschwört, das offensichtlich für manche Menschen gerade die plausibelste Flucht vor der Realität darstellt. Und Sido mittendrin.

Gefährliche, krude Theorien

Immerhin versuchte er sich danach an einer Richtigstellung auf seinem Instagram-Account. Dort postete er, dass er sich "vielleicht ein bisschen differenzierter ausdrücken muss, damit auch alle immer alles richtig verstehen." Nur, um dann gleich wieder zu relativieren: "Ich sage es so wie es ist: Ich glaube niemandem. Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehe. Ich glaube nicht der einen Seite. Ich glaube nicht der anderen Seite." Das ist ebendie Argumentation, mit der Medien und Politik auf eine Stufe mit Verschwörungstheorien gestellt werden, als wäre beides ähnlich wahrheitsgemäß.

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Witzig ist das alles schon lange nicht mehr. Wenn ein Prominenter wie Hildmann oder Naidoo zum bewaffneten Widerstand aufruft, reicht es schon, wenn ein labiler Mensch ihm Folge leistet. Und wenn ein scheinbar stabiler Mensch wie Sido diese kruden Theorien - und sei es auch nur ironisch - befeuert, dann legitimiert sie das ein Stück weit. Diese Verantwortung hat auch ein Rapper, Gangster oder nicht. Die Corona-Pandemie bringt für viele Menschen Instabilität und Unsicherheiten mit sich, wer ein weitreichendes Sprachrohr hat, sollte es tunlichst nicht dafür verwenden, himmelschreienden Unsinn zu verbreiten.

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