Coronavirus-Chronik: Vom Ursprung bis zur Pandemie

Das Coronavirus hält die Menschheit in Atem, langsam scheinen sich die Maßnahmen aber auszuzahlen. Zeit, um einen Blick zurück auf die Ursprünge des Virus zu werfen.

Aus Wuhan weit hinaus: Das Coronavirus überraschte die globalisierte Welt. (Bild: Getty Images)

März 2019

Im Fachjournal Viruses wird ein Artikel chinesischer Forscher veröffentlicht. Yi Fan, Khai Zhao, Zheng-Li Shi und Peng Zhou prophezeien dabei das Ausbrechen eines neuartigen Coronavirus. Ihr damaliges Fazit: “Deshalb ist es äußerst wahrscheinlich, dass es in der Zukunft einen weiteren Ausbruch eines SARS- oder MERS-artigen Coronavirus geben wird, der auf Fledermäuse zurückzuführen sein wird. Die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, dass dieser in China auftreten wird.”

Später Herbst 2019

Irgendwann zwischen Oktober und Dezember, so schätzen Forscher heute, springt das Coronavirus von einer Fledermaus oder einem Gürteltier auf einen Menschen über. Dieser “Patient 0” ist bis heute nicht entdeckt worden.

Dezember 2019

Nachdem sich in China die Fälle häuften, warnt Zhang Jixian, eine Ärztin aus Hubei, das örtliche Gesundheitsamt vor einem neuartigen Virus. Drei Tage später berichtet der inzwischen verstorbene Li Wenliang gegenüber Kollegen von einem Virus, das das Atemwegssyndrom SARS auslösen würde. Am 31. Dezember schließlich wendet sich China an die WHO und meldete das Vorliegen eines unbekannten Krankheitserregers. Festgestellte Fälle zu dieser Zeit: Deutlich über 180.

Januar 2020

Erste Untersuchungen in China führen zu einem Tiermarkt in Wuhan. Dieser wurde am 1. Januar geschlossen. Inzwischen ist klar geworden, dass dort nicht der Ursprung des Virus lag. Vielmehr war er wohl nur ein Umschlagort für das Coronavirus. Der echte Ursprungsort ist weiterhin unbekannt.

Am 1. Januar erklärt die chinesische Regierung, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch nicht möglich sei. Diese Aussage wird am 20. Januar revidiert. Zuvor war ein erneutes Ausbrechen von MERS-Cov und SARS-Cov ausgeschlossen worden. Lange bestritt die Regierung, dass es Neuinfizierte geben würde, muss diese Behauptung aber ebenfalls widerrufen.

Bis zum 22. Januar melden Japan, Taiwan, die USA, Thailand und Südkorea erste Infektionen. Am 24. Januar folgt Frankreich, am 27. Januar wird in einem Unternehmen aus dem Münchner Umkreis der erste Fall festgestellt und in die Uniklinik Schwabing gebracht. Am 31. Januar folgen Großbritannien und Italien.

Am 23. Januar wird eine Ausreisesperre für Wuhan verhängt. Die Ankündigung dieser sorgte für eine regelrechte Massenabwanderung der Einwohner. Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping meldet sich am 26. Januar zu Wort: Er nennt die Situation “ernst” und sagte alle Feierlichkeiten zum Chinesischen Neujahr ab. Viele Menschen reisen dennoch. In Deutschland müssen chinesische Reisende ab dem 29. Januar “ entsprechende Formulare” (Gesundheitsminister Jens Spahn) ausfüllen, um während ihres Aufenthalts ansprechbar zu bleiben. Spahn ordnet die jährliche Grippe als gefährlicher ein.

Am 30. Januar ruft die WHO den internationalen Gesundheitsnotstand aus.

Ende Januar waren in China 9.700 Fälle bestätigt worden, 213 Menschen erlagen dem Virus. Das Robert-Koch-Institut erklärte die Provinz Hubei und die Stadt Wuhan zum Risikogebiet.

Februar 2020

In Wuhan wird der Bau zweier Krankenhäuser nach nur wenigen Tagen abgeschlossen. Die Bilder aus der angeordneten Quarantäne gehen inzwischen auch durch europäische Medien. Die Welt blickt gespannt nach China, sieht die Gefahr aber noch nicht kommen. Amnesty International gibt Bedenken hinsichtlich der Abriegelungen in Sicht auf die Menschenrechte heraus.

Eine Studie aus dem April 2020 deutet daraufhin, dass China den Höhepunkt der Pandemie am 7. Februar erreichte. Harte Maßnahmen, enorme Testkapazitäten und eine schnelle Handy-App stimmten die WHO positiv, dass China das Virus erfolgreich eindämmen würde.

In Europa scheint Stillstand eingetreten zu sein. Bis Mitte Februar gibt es kaum neue Meldungen über Infektionen. Die Länder beginnen dennoch mit vorbereitenden Maßnahmen, richteten Hotlines ein und gaben erste Hygieneanweisungen. Die allgemeine Wahrnehmung: Das Coronavirus ist nicht gefährlich. Aus Schwabing heißt es, dass die Patienten “pumperlgsund” wären - trotz Infektion.

Ende Februar wird die Lage insbesondere in Italien ernst. Erste Geschäfte müssen schließen, manche Gegenden sagen Veranstaltungen ab. Am 23. Februar wird der Karneval in Venedig vorzeitig abgebrochen. Die Lombardei wird nach abgeschwächtem chinesischem Vorbild abgeriegelt. In Deutschland sind immer mehr Bundesländer betroffen, die Gesundheitsämter konzentrieren sich auf Einzelfallverfolgung.

Spahn stellt diese Strategie am 26. Februar in Frage: “Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Epidemie an Deutschland vorbeigeht, wird sich nicht erfüllen.”

März 2020

“Wir befinden uns am Beginn einer Epidemie”, sagt Spahn am 1. März. Das Virus ist da, die Menschen reagieren irrational. Es beginnt das große Hamstern, Desinfektionsmittel, Seifen, Toilettenpapier und diverse Nahrungsmittel verschwinden schneller aus den Supermärkte als sie nachgefüllt werden können.

Erstmals kommen Vorschläge auf, die das alltägliche Leben stark einschränken würden. “Corona-Ferien” wirft Virologe Alexander Kekule in den Raum. Deutlich wird auch langsam die enorme wirtschaftliche Krise, die aufgrund des Virus droht. Am 9. März muss NRW den ersten Todesfall vermelden, inzwischen gibt es über 1.000 Infizierte. Die WHO erklärt am 12. März den Ausbruch einer Pandemie.

Versammlungen werden zur Drehscheibe des Virus. Karneval und Fußball-Spiele werden unter großem Kraftaufwand der Regierung ab dem 13. März Stück für Stück erst eingeschränkt und dann abgesagt. Grenzkontrollen werden eingeführt, Europa schottet sich nach außen und in sich ab. Die Situation in Italien ist besonders kritisch, doch auch Spanien und Frankreich sind immer mehr betroffen.

In Deutschland wird das Händewaschen neu gelernt, der Alltag läuft aber noch weiter. Es ist plötzlich die Rede von “FlattenTheCurve”. Das Gesundheitssystem soll nicht überlastet werden, das Robert-Koch-Institut spricht am 18. März noch von einer Durchseuchung und einem Ausbrennen der Pandemie, sobald genug Menschen das Virus hinter sich gebracht hätten. Angela Merkel fordert in einer Fernsehansprache zur landesweiten Solidarität auf.

Deutschland wird zum Home-Office-Land. Kurzarbeit greift um sich, am 15. März verkündet Olaf Scholz “die Bazooka” aus staatlicher Hand für die deutsche Wirtschaft. Schulen werden geschlossen. Ende März greift die Politik durch. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder geht für sein Bundesland voran und verhängt Ausgangsbeschränkungen ab dem 21. März. Am 22. März folgt bundesweit das Kontaktverbot, die Gastronomie und diverse weitere Leistungen werden geschlossen.

Weltweit verschärft sich die Lage. Die USA, insbesondere in Person von Präsident Donald Trump, verharmlosen das Virus lange Zeit. Die Fälle schnellen in die Höhe, am 13. März folgt der nationale Notstand. Es zeigt sich ein massiver Rückstand bei Testmöglichkeiten, der schnell aufgearbeitet werden soll und wird. Am 27. März vermelden die USA über 100.000 Fälle - sie sind das neue Sorgenkind der Welt.

In China ist die Lage derweil vergleichsweise normalisiert. Die Krankenhäuser leeren sich, die Infektionen gehen nach Staatsangaben stark zurück. Der strikte Lockdown zeigt Ergebnisse und wird Stück für Stück wieder aufgehoben. Andere Länder rücken in den Mittelpunkt: Indien etwa setzt eine 21-tägige Ausgangssperre mit drastischen Mitteln durch, Russland verkündet bezahlte Ferien bis Ende April.

April 2020

Die Welt befindet sich im Lockdown, die Zahlen steigen dennoch. Anfang April übersteigt die weltweite Zahl der Infektionen die Million. Angsteinflößende Bilder aus den Krankenhäusern und sich mehrenden Särgen aus diversen Städten machen die Runde und treffen auf die Realität, die ein Großteil der Bürger täglich erlebt. “Wie übersteht ihr die Quarantäne?” wird zur neuen großen Frage neben “Wie groß ist eure Angst vor dem Coronavirus?”

Nicht nur in Deutschland kommen kreative Lösungen für die Zeit in der Isolation auf. Menschen machen vor Bildschirmen Sport, die Zoom-Aktie schießt in ungeahnte Höhen. Nach dem Motto “Prävention verdient keinen Ruhm” regt sich erst langsam, dann immer schneller Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen. Der Ruf nach Lockerungen wird immer lauter, gerade im Hinblick auf Ostern. Auch die Kanzlerin spricht von “vorsichtiger Hoffnung” im Kampf gegen das Virus.

Dieses Denken facht die politische Debatte an. Aus der kurzen Einigkeit der demokratischen Parteien werden zwei Lager: Die, die für strenge Maßnahmen einstehen und die, die für Lockerungen kämpfen. Die DFL setzt sich damit auseinander, wie ein Start im Mai wieder gelingen kann. Im Alltag steht insbesondere die Eröffnung von Schulen und Kitas im Vordergrund.

Es beginnen Tage der Lockerungen. Österreich, das zuvor sehr restriktiv vorging, macht es im April vor. Die Schulen sollen wieder öffnen, das Arbeiten wieder leichter werden. Geschäfte dürfen schrittweise öffnen - aber alles stets unter dem Blick auf Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Neuer Begleiter im Alltag: Der Mund- und Nasenschutz.

Am 22. April wird eine große Hoffnung konkret: Eine erste Studie zu einem möglichen Impfstoff startet. Prognose ist aber weiterhin, dass der Stoff nicht vor 2021 auf den Markt kommt. Apropos Markt: Die Aktienmärkte erholen sich rasant, während die Prognosen für die Wirtschaft im Laufe des Aprils immer düsterer werden. In Kreisen von Spahn und Co. spricht man immer öfter von einer “neuen Normalität.”

Zum 30. April sind über zwei Millionen Menschen infiziert oder infiziert gewesen. Während es in Deutschland vorwärts geht, stecken viele Länder mitten im Kampf: Die USA oder Großbritannien sind besonders betroffen. In China scheint das Virus Anfang des Monats besiegt, Ende des Monats steigt die Angst vor einer zweiten Welle.

Mai 2020

Die Lockerungen in Deutschland greifen, am 2. Mai findet im Kölner Dom der erste Gottesdienst seit Mitte März statt. Weitere Lockerungen werden beschlossen. Immer mehr Treffen werden erlaubt, Gerichte kippen in verschiedenen Regionen das Versammlungsverbot, die Bundesliga wird ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen, Gastronomie und Fitnessstudios wieder öffnen. Die Grenzen innerhalb von Europas werden langsam wieder geöffnet, der Tourismus kommt wieder ins Gespräch.

Das alles geschieht unter dem ständigen Verweis auf Hygiene und Abstand. In der Gesellschaft aber entbrennt eine Diskussion, ob die Lockerungen nicht zu schnell gehen. Virologen warnen davor, zu leichtsinnig zu werden, sie fürchten eine zweite oder dritte Welle. Zum Star der Diskussion wird der R-Wert, zuvor kaum beachtet, soll er nun über das Für und Wider von Lockerungen und Maßnahmen entscheiden.

Das RKI stellt seine Pressekonferenzen erst ein, sieht sich dann aber wenige Tage später wieder dazu gezwungen, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Es folgt eine Erläuterung zur Interpretation des R-Werts und eine Überarbeitung dessen. Der Blick in die Zukunft ist unsicher: Das Coronavirus ist nicht besiegt, ein Impfstoff in weiter Ferne. Vorerst scheint es bergauf zu gehen. Es ist zu hoffen, dass der Stein nicht früher oder später den Berg wieder hinabrollt.

In Wuhan zumindest wurden Mitte Mai erstmals seit langer Zeit wieder mehrere Neuinfektionen vermeldet. China aber hat aus dem Ausbruch gelernt: Innerhalb von zehn Tagen werden alle elf Millionen Bürger auf das Virus getestet.

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