Coronavirus: Führt Schwedens Laissez-Faire zu einem zweiten Ischgl?

Die Finals des Ski-Worldcups in Åre am Wochenende wurden bereits vom Veranstalter abgesagt, nun werden vermutlich auch die anderen Hänge des Skigebiets verwaisen. (Bild: Pontus LUNDAHL / TT News Agency/AFP via Getty Images)

Schweden baut bisher voll auf die Selbstverantwortung der Bürger. Doch nun könnte ein Ski-Ort zum neuen Ischgl werden und die Strategie des Landes auf den Kopf stellen.

Aus den skandinavischen Ländern hört man in der Coronakrise bisher relativ wenig. Das liegt auch daran, dass Dänemark und Norwegen früh mit sehr strikten Einschränkungen gegen das Virus vorgegangen sind. Doch das Nachbarland Schweden geht eher gelassen mit der Pandemie um und hat bisher von weitgehenden Einschränkungen abgesehen. Schulen und Kitas bleiben genau wie alle Ladengeschäfte weiterhin geöffnet.

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Das könnte nun zum Problem werden. Denn selbst beliebte Urlaubs- und Skiorte durften ihren Betrieb bisher weitestgehend aufrecht erhalten. Das gilt zum Beispiel auch für Åre nahe der norwegischen Grenze. Dort waren am Wochenende noch alle 38 Pisten geöffnet, es herrschten beste Skibedingungen. Und die Touristen kamen in Massen in das beliebte Skigebiet.

Alle 35.000 Betten in Åre waren vergangene Woche ausgebucht

Dabei ist das Land bislang keineswegs komplett verschont worden. Bisher sind in Schweden über 2000 Infektionen festgestellt worden, 25 Menschen sind bereits gestorben. Regierungschef Löfven warnte eindrücklich im im schwedischen Fernsehen: “Leben, Gesundheit und Jobs sind bedroht. Noch mehr Menschen werden krank werden, oder müssen sich endgültig von einem geliebten Menschen verabschieden.” Weitere Maßnahmen und Einschränkungen wurden aber zunächst nicht eingeführt, seien aber nicht ausgeschlossen, so der Sozialdemokrat Löfven.

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Großveranstaltungen mit mehr als 500 Leuten sind schon untersagt, doch in den Skigebieten wurde mitten in der Saison einfach weitergefeiert. Zwar sagten die Partyveranstalter laut dpa, dass sie bei den Après-Ski-Partys nie mehr als 499 Teilnehmer hereingelassen hätten, wie man aber in Österreich sehen konnte, sind insbesondere diese Art von Partys echte Verbreitungsherde für das Covid-19 Virus. Alle 35.000 Betten in Åre waren in der vergangenen Woche weiterhin ausgebucht, ähnlich sah es auch im Skiort Sälden aus. Dabei warnen auch schwedische Mediziner vor den Auswirkungen eines solchen Ansteckungsherdes, von wo aus sich dann nach Ferienende die Urlauber - und mit ihnen das Virus - auf das ganze Land verteilen könnte.

Schluss mit der Après-Ski-Party

Nachdem es lautstarke Kritik gegeben hatte, haben nun zumindest einige Betrieb Konsequenzen gezogen. Clubs in Åre schließen ihre Pforten und auch in den Orten Sälen und Idre haben Discos und Bars bereits ein Einsehen. Doch schon kommen die ersten Zahlen die zeigen, dass die Maßnahmen zu wenige und zu spät sind. Allein in Åre gab es 15 Neuinfektionen am Wochenende, viele davon konnten direkt auf Après-Ski-Partys zurückgeleiten werden.

Dabei steht der Hauptansturm der Ski-Touristen erst noch an. Über Ostern sollen noch einmal bis zu 17.000 Winterurlauber in den Ort kommen, viele davon aus Stockholm. Kleine freiwillige Maßnahmen würden auch die Veranstalter einleiten. So schrieb die Süddeutsche Zeitung, dass die Anzahl der Passagiere in Gondeln und Bussen begrenzt worden sei, Skilehrer dürften nur noch mit Handschuhen Schüler begrüßen. Es wirkt angesichts des erschreckenden Beispiels aus Ischgl alles etwas halbherzig. Noch verzichtet der schwedische Staat auf Verbote und appelliert an die Vernunft seiner Bürger.

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