Darum war das Aus für die Victoria's Secret-Show im Jahr 2019 längst überfällig

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Seit 29 Jahren stiegen gegen Ende des Jahres die Engel vom Himmel – Supermodels wie Heidi Klum, Gisele Bündchen, Naomi Campbell und Toni Garrn, bekleidet nur mit Flügeln und Dessous des Labels Victoria's Secret. 2019 aber wurde die Show abgesagt und wird vielleicht nie mehr in gewohnter Form stattfinden. Zum Glück!

Im Jahr 2019 fand die Dessous-Präsentation zum ersten Mal seit 1995 nicht statt. (Bild: Getty Images)

Wer einmal als Engel für die zwischenzeitlich legendäre Show von Victoria’s Secret gebucht wurde, war im Modelbusiness ganz oben angekommen. In diesem Jahr aber findet die Dessous-Präsentation zum ersten Mal seit 1995 nicht statt. Der Mutterkonzern L-Brands sagte die Show ab wobei aktuell noch unklar ist, ob die leicht bekleideten Engel damit für alle Zeiten passé sind. Ein Grund für die Absage sind wohl die seit 2016 sinkenden Verkaufszahlen der Unterwäsche-Marke, auf die die Show laut dem Finanzvorstand Stuart Burgdoerfer keinen positiven Einfluss hatte.

Der Aktienkurs sank in den vergangenen drei Jahren um fast 70 Prozent. Zudem war in den letzten Jahren auch die Fernsehübertragung des Events bei den Zuschauern immer unbeliebter geworden. Hatten im Jahr 2013 noch 9,7 Millionen Menschen vor den Fernsehern eingeschaltet, waren es zuletzt nur noch 3,3 Millionen.

Victoria's Secret Show abgesagt: So reagieren Kritiker und Models

Kritiker bezeichnen die Brand als sexistisch und anti-feministisch

Abseits dieser rein wirtschaftlichen Faktoren gibt es aber noch andere Gründe, warum man einem Event wie diesem nicht nachweinen muss. "Sexistisch" und "anti-feministisch" nannten nicht nur die "Cosmopolitan" und "The Guardian" die Veranstaltung, in der ausschließlich junge, streng auf Diät gesetzte Frauen in Unterwäsche über den Laufsteg liefen.

Auch der Umstand, dass der mutmaßliche Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, ein guter Freund des L-Brands-CEO Leslie Wexner war, wirft kein gutes Licht auf die Veranstaltung. Epstein, der wegen des Verdachts, einen Sexhandelsring mit Minderjährigen unterhalten zu haben im Gefängnis saß und sich dort das Leben nahm, soll das Umfeld genutzt haben, um sich nach potenziellen Opfern seines Geschäftsmodells umzusehen.

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Plus-Size-Model Ashley Graham kritisiert das Dessous-Label schon lange. (Bild: Getty Images)

Ein völlig veraltetes Frauenbild

Aber alleine schon das Frauenbild, das durch die meisten Victoria's Secret-Models propagiert wurde, scheint in der heutigen Zeit merkwürdig antiquiert. Allesamt super schlank, allesamt makellos, die meisten davon weiß. Ein Anachronismus auch vor dem Hintergrund, dass andere Dessous-Marken wie Fenty von Rihanna, Aerie oder Thirdlove längst Models in ihren Kampagnen einsetzen, die die Lebenswirklichkeit viel eher repräsentieren, Body Shaming den Kampf ansagen und nebenbei dazu beitragen, dass potenzielle Kundinnen ein realistisches Bild davon bekommen, wie die Unterwäsche an Nicht-Topmodel-Körpern aussieht. Schon 2017 warf Ashley Graham Victoria's Secret vor, noch nie ein Plus-Size-Model in der Show gehabt zu haben. Ein Jahr später kritisierte Robyn Lawley die von dem Unterwäschelabel gesandte Botschaft, dass es nur eine Art von schönen Körpern gäbe. Via Instagram rief sie deshalb zum Boykott auf:

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Wer schon andere Körperformen als "mega dünn" völlig ausklammert, bei dem ist es mit dem Thema Inklusion auch auf anderem Gebiet nicht weit her. Insofern war das, was der Victoria's Secret-Marketingchef Ed Razek im vergangenen Jahr gegenüber der US-"Vogue" sagte, weniger erstaunlich als vielmehr bezeichnend. Angesprochen auf die Tatsache, dass 2018 kein Transgender-Model unter den Engeln war, sagte er: "Sollten wir Transgender-Models in der Show haben? Nein. Nein, ich finde, wir sollten das nicht. Warum? Weil die Show eine Fantasie ist." Razek, der seit Jahren für die Auswahl der Models zuständig war, erntete viel Kritik für diese doch sehr fantasielose Sichtweise.

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Die Transgender-Aktivistin Munroe Bergdorf wehrte sich auf Instagram. (Bild: Getty Images)

Die Transgender-Aktivistin Munroe Bergdorf, die auch als Model arbeitet, schrieb daraufhin auf Instagram: "Dieser Kommentar wirft ein Licht darauf, wie viele Menschen in unserer Branche Transfrauen noch immer sehen. Er behauptet pauschal, wir seien nicht begehrenswert, nur weil er selbst uns nicht begehrenswert findet. Das ist seine persönliche Sichtweise, aber sie begründet sich nicht aus Fakten." Diese Art von Transphobie trage zur Ansicht bei, dass Transfrauen keine richtigen Frauen seien.

Leyna Bloom, die als erste Transfrau auf dem Cover der indischen "Vogue" abgebildet war, schrieb: "Jetzt zeigt die Marke ihr wahres Gesicht und ihre Ansichten. Sie werden das in der Zukunft noch bereuen, wenn sie einsehen, was sie für einen Fehler gemacht haben. Wenn die Welt sich verändert hat und diese Veränderung überall gefeiert wird, dann wird Victoria's Secret kein Teil davon sein."

Dieser Moment könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und auch das "Victoria-Secret-Model Kendall Jenner wollte Razeks Äußerung so nicht stehen lassen und postete in ihrer Instagram-Story den Aufruf "Celebrate Trans Women" ("Feiert Transfrauen"). Dass der Marketing-Chef angesichts der massiven Kritik später über den offiziellen Twitter-Account verlauten ließ, seine Äußerungen seien unsensibel gewesen und sich entschuldige, half dann auch nicht mehr viel. Angeblich würden Transgender-Models sehr wohl für die Show infrage kommen: "Es gab Transgender-Models, die zu den Castings kamen … Und wie viele andere auch haben sie es nicht geschafft", schrieb Razek. Das sei aber keine Frage des Geschlechts gewesen.

Weiße Models werden in der gesamten Modebranche bevorzugt

Neben Transgender-Models sind auch People of Color in der gesamten Modebranche unterrepräsentiert. Laut dem Diversity-Bericht von "The Fashion Spot" waren auf den jüngsten internationalen Fashion-Shows zwar so viele nicht-weiße Models wie nie zuvor auf den Laufstegen, allerdings machten sie trotzdem nur 36 Prozent aus.

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Dass mit Kelsey Merritt 2018 zum ersten Mal eine philippinische Frau für Victoria´s Secret lief, war fast schon eine Sensation und belebte die Debatte um die fehlende Diversity der Marke. Duckie Thot, die im australischen Melbourne als Tochter südsudanesischer Flüchtlinge geboren wurde und 2018 ebenfalls zum ersten Mal dabei war, sagte gegenüber der "Vogue", viele Visagisten wüssten heute noch nicht, wie sie mit ihren Haaren umgehen sollten und hätten auch keine farblich passende Foundation dabei. Zwar hätte die Branche Schritte unternommen, was die Repräsentanz der internationalen Vielfalt betreffe, sie stellte aber auch fest: "Vielfalt ist wichtig, weil Schönheit und Mode so fest verankerte Bestandteile der Kultur sind und der Laufsteg das repräsentieren sollte, was wirklich in der Welt vorgeht. Wenn sie in den Shows und in der Werbung nicht repräsentiert werden, kann das problematisch für marginalisierte Gruppen der Gesellschaft sein, weil sie sich dann nicht zugehörig fühlen können."

Laufstege sollen die Realität widerspiegeln

Und auch Winnie Harlow, die das erste Victoria's Secret-Model mit Vitiligo war, sagte: "Wir leben in einer vielfältigen Welt mit schönen Frauen in allen Formen, Größen und Ethnizitäten. Es ist toll, dass die Marke sich Mühe gibt, das auch auf dem Laufsteg zu zeigen, und insgesamt wird die Branche auch inklusiver, aber es gibt immer noch Platz für Verbesserungen. Es ist wichtig, dass wir weiterhin dafür sorgen, dass Repräsentanz nicht nur ein Trend, sondern der Standard ist."

Dass neben People of Color auch Models mit Behinderungen, wie zum Beispiel Paola Antonini bei den Frauen oder Mario Galla bei den Männern, die beide eine Beinprothese tragen, oder Kate Grant mit dem Down-Syndrom, die absolute Ausnahme in dem Business sind, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Genauso wifffe die Tatsache, dass Menschen über 60 weltweit zwar die am schnellsten wachsende Konsumentengruppe darstellen, auf den Laufstegen und in Kampagnen aber ebenfalls kaum auftauchen. Dass die Victoria´s Secret-Show, die alle diese Faktoren über Jahre ignorierte, keinen Erfolg mehr hatte und darum abgesetzt wurde, ist genauso wenig erstaunlich wie schade.