Der Milch-Wahnsinn

Eine Kuh wird gemolken. Die hochgezüchteten Milchrassen geben jährlich viele Tonnen Milch. Foto: Symbolbild / gettyimages / Toa55

Kaum ein Nahrungsmittel hat so oft den Ruf gewechselt: von „Superfood“ bis „krebserregend“ musste sich die Milch in den vergangenen Jahren einiges rufen lassen. Dabei sollte nicht nur ihre Rolle am Frühstückstisch kontrovers diskutiert werden, sondern auch ihr Einfluss auf Klima und Tierwohl. Ein Überblick.

Milch, das durchindustrialisierte Naturprodukt: Wenn die Werbung schwarz-weiße Milchkühe auf grünen Hängen und weiten Wiesen beim Grasen zeigt, hat das meist wenig mit der Lebenswirklichkeit der Tiere zu tun. Da geht es vielmehr um „maximale Eutereffizienz“, wie jüngst der „Stern“ berichtete. Um durchschnittlich acht Tonnen Milch pro Tier und Jahr. Hochgezüchtet und kraftgenährt mit importiertem Soja, in ständiger Stallhaltung, mit Hormonen und Medikamenten behandelt, bringen es Milchtierrassen in Deutschland sogar auf zwölf Tonnen des „weißen Goldes“.

Tierwohl und Melkroboter

Mittlerweile lebt die Mehrheit der Milchkühe hierzulande im Stall. Laut „Tierschutzbund“ werden nur noch vier von zehn Kühen „auf die Weide gelassen“. Der Anteil gehe zudem zurück, was an arbeitswirtschaftlichen und organisatorischen Gründen liege dass sich etwa der Melkroboter im Stall befinde.

Die Produktion wird immer weiter auf Effizienz getrimmt. Damit sie Milch geben, müssen Kühe regelmäßig gebären. Weil Brutpflege aber von der Milchmenge abgeht, werden Kuh und Kalb nach der Geburt getrennt. Nimmt außerdem die Milchleistung mit dem Alter der Kuh ab, wird sie geschlachtet. Fünf bis sechs Jahre alt werden Milchkühe im Schnitt, bei einer natürlichen Lebenserwartung von 20.

Dazu kommt, die hochgezüchtete Milchleistung macht Kühe anfällig für Erkrankungen und Fruchtbarkeits-Störungen. Weil sich, so der Tierschutzbund, tierärztliche Behandlungen bei dem aktuellen Milchpreis nicht rechneten, würden erkrankte Tiere meist aussortiert und geschlachtet. Ganze 35 Prozent des Rindfleisches stamme deshalb von „aussortierten“ Kühen.

Antibiotika: routinemäßig

Die „Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt“ schreibt von weiteren Erkrankungen, die mit Haltungsbedingungen und Überzüchtung einhergehen: Entzündungen und Verletzungen der Euter durch die Melkmaschinen, Stoffwechselerkrankungen durch zu viel Hochleistungsfutter, Ekzeme an den Oberschenkeln, weil pralle Euter ständig dagegen reiben und zuletzt Klauenverletzungen aufgrund der Spaltböden in den Ställen. Gegen viele dieser Krankheiten werden routinemäßig Antibiotika verabreicht. 

Weil es im Stall sehr eng zugeht und sich die wertvollen Tiere nicht verletzten sollen, werden fast alle zukünftigen Milchkühe enthornt – im Kälberalter von sechs Wochen. Ohne Betäubung, vom Tierschutzgesetz erlaubt, wird mit einem heißen Brennstab die Hornanlage zerstört. Obwohl diese mit Nerven und Blutbahnen durchzogen ist.

Milchproduktion auf Kosten der Umwelt

Der ökologische Fußabdruck der Milch ist groß: Einerseits, weil die Tiere selbst große Mengen an „Treibhausgase, Gülle, Jauche und Mist“ produzieren, so schreibt es der Stern. Von beinahe 500.000 Tonnen Methan ist die Rede, einem Treibhausgas mit einer rund 28-fach stärkeren Klimawirkung als Kohlenstoffdioxid, nur in Deutschland.

Die Kampagnen-Seite „Ausgemolken“ des Netzwerks „Nandu“ schreibt, dass Kühe deshalb so viel zum Klimawandel beitragen wie zwei durchschnittliche Autos. Die zugrundeliegenden Zahlen lieferte unter anderem das „Öko-Institut“.

Der „Bayerische Rundfunk“ hat die Herstellung von einem Liter Kuhmilch im globalen Durchschnitt untersucht. Das Ergebnis: Jeder Liter Milch hat eine klimatische Wirkung wie 2,4 Kilogramm Kohlenstoffdioxid. Das entspricht ungefähr der Verbrennung von einem Liter Benzin.

Dazu kommen noch Verpackung, Lagerung und Transport. Eine aktuelle Studie des „Instituts für Energie- und Umweltforschung“ in Heidelberg hat dazu die Wege von Mehrweg-Glasflaschen, PET-Flaschen und Getränke-Kartons auf ihren ökologischen Fußabdruck hin untersucht. Das Ergebnis: Jede Mehrweg-Flasche Frischmilch wird in Deutschland im Schnitt 1.231 Kilometer weit transportiert, 779 Kilometer mehr als ein Milch-Karton. Kartons sind auch wegen ihres geringen Gewichts und ihres hohen Anteils nachwachsender Rohstoffe weitaus günstiger für die Natur. PET-Flaschen haben am schlechtesten abgeschnitten, weil viele fossile Rohstoffe in die Herstellung einfließen und die Recycling-Raten schlecht sind.

Gesundheit für den Menschen

Milch macht müde Männer munter und Kinderknochen stark. Milch steckt voll guter Zutaten: Eiweiße, Vitamine, Mineralstoffe. Milch ist gesund. Oder? Immer häufiger wird die Milch mit Krebs in Verbindung gebracht. Der „Hessische Rundfunk“ hat deshalb im „Deutschen Krebsforschungszentrum“ nachgefragt. Tatsächlich: Dort gehen seit einiger Zeit Wissenschaftler dem Verdacht nach, Milch könnte krebserregend sein – vor allem ein Zusammenhang mit Dickdarm- und Brustkrebs wird hier vermutet. Noch steht die Forschung aber am Anfang, deshalb raten die Forscher explizit nicht vom Milchgenuss ab.

Das bestätigt auch die Ernährungsmedizinerin Anette Weber. Sie sagt im Hessischen Rundfunk, in Milch seien Nährstoffe in sehr günstiger Kombination und Menge vorhanden. Wie bei allem: Nicht die Milch, sondern die Menge sei ausschlaggebend. „Ich empfehle ein Glas Milch pro Tag oder auch Käse und Joghurt“, sagt Weber. Die gleiche Verzehrempfehlung gibt auch die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“.

Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen: Die Vorwürfe sind schwer

Der Stern fasst in seiner Titelgeschichte zusammen: „Dem Stand der Wissenschaft zufolge hat ein durchschnittlicher Milchkonsum kaum Einfluss auf das Körpergewicht. Er verengt die Herzkranzgefäße nicht, wie eine Zeit lang gemutmaßt wurde. Wahrscheinlich senken Milch und Milchprodukte sogar das Risiko für Bluthochdruck und Diabetes Typ 2, möglicherweise auch das für einen Schlaganfall.“

Wie und ob Milch unbedenklich ist, wird sich erst mit der Zeit herausstellen. Bei rund 15 Prozent der Deutschen ist das hingegen eindeutig: Sie vertragen keine Milch mehr, genauer, keinen Milchzucker. Weil sie Laktose-intolerant sind. Betroffene können aber auf laktosefreie Produkte oder gereifte Käsesorten, wie Edamer oder Gouda, zurückgreifen. Die enthalten praktisch keine Laktose mehr.