Kommentar: Der Mittelstand sollte seine verdammten Ängste besiegen

Manche Schulwege sind gewöhnungsbedürftig: Mosuk, Irak (Bild: Getty Images)

Nach oben jammern, nach unten treten – in Deutschland herrscht eine Unkultur, die dem Land nichts bringt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Schon komisch, was Leute anstellen, denen es eigentlich gut geht. Der Mittelstand ist in Deutschland breit aufgestellt. Zwar nagen an ihm die beiden Enden, aber nicht auf dramatische Weise. Die Republik zerfällt nicht, soziale Verheerungen massenhaften Ausmaßes bleiben aus – und dennoch wird gejammert und nach unten getreten, dass das Zeug hält.

Warum eigentlich? Eine Verbesserung der persönlichen Lage bringt sowas nicht. Es ist vielleicht Ausdruck einer Angst. Aber lösungsorientiert ist sie nicht. Zwei jüngste Beispiele zeigen, dass etwas schief läuft in Deutschland.

Da wird der CDU-Politiker Carsten Linnemann mit Worten bemüht, die einen Sturm der Ablehnung, aber auch der Zustimmung ernteten: „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“, hatte der Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der Union gesagt. Viele verstanden: Die will er nicht auf der Schule haben.

Das wäre natürlich unterstes menschliches Niveau, und nicht wenige fanden sowas gut – dahinter stecken die Bemühungen des Mittelstands, die eigenen Kinder auf möglichst gute Schulen zu schicken, oder was er dafür hält. Man bleibe möglichst unter seinesgleichen, und Kinder mit nichtdeutschen Eltern, insofern sie nicht aus den G7-Ländern kommen, werden in der sozialen Hierarchie gleich eine Stufe nach unten gepackt. Denn das Schulsystem in Deutschland ist klassenorientiert wie fast nirgendwo in Europa. Es zementiert die sozialen Verhältnisse und verweigert viel mehr Aufstiegschancen als es zugibt.

Die Sache mit der Missgunst

Mit Vernunft hat dieses Verhalten nichts zu tun. Natürlich gibt es in Großstädten einige wenige Schulen, in denen das Lernniveau auf Grund schlechter Deutschkenntnisse von Beginn an schlecht ist – und diese Schulen werden gefördert. Nicht gut genug, da ist noch großer Nachholbedarf – aber in den allermeisten Schulen unseres Landes hat eine Fünf auf der Klassenarbeit des Kindes nichts damit zu tun, ob Ayshe oder Muhammad neben ihm sitzen. Dieses Verhalten der Mittelschicht ist nur zum Fremdschämen.

Im Übrigen wurde Linnemann falsch verstanden. Sein Nachsatz ging im Tohuwabohu unter: In solchen Fällen, hatte er angefügt, müsse es eine Vorschulpflicht geben, notfalls müsse die Einschulung zurückgestellt werden.

Man kann über die Sinnhaftigkeit dessen diskutieren, aber es ist in erster Linie eine pädagogische Angelegenheit herauszufinden, was das beste Vorgehen ist. Linnemann jedenfalls wollte niemanden ausschließen; das hatten seine Fans ebenso missverstanden wie seine Kritiker. Bleibt natürlich die Frage, warum ein Wirtschaftspolitiker, der nicht gerade als Bildungsexperte in den Telefonbüchern steht, sich überhaupt dazu äußert. Wollte er falsch verstanden werden?

Das zweite Beispiel für den komischen Mittelstand ist das Gejammer über den Solidaritätszuschlag. Da kommt der Bundesfinanzminister auf die Idee, den Soli für 96 Prozent der Bürger abzuschaffen, und es schallt ihm keine überwältigende Zustimmung entgegen. Der Mittelstand würde dadurch entlastet, und dennoch wird gerade aus ihm heraus gemäkelt, dass die Oberschicht ihn wohl weiterhin noch zu entrichten hat.

Nach unten treten, nach oben buckeln. Es ist komisch.

Eine Studie der Uni Paderborn hat diese Ängste untersucht. So hat von denjenigen Studienteilnehmern, die monatlich mehr als 4000 Euro netto verdienen, ein Drittel Abstiegsängste. Das „Handelsblatt“ zitiert die Autoren mit der Aussage, stark seien neben der Sorge um den Lebensstandard auch die Ängste bezüglich der Alterssicherung innerhalb der Bevölkerung: Jeder Zweite schaut laut Studie mit Furcht auf die finanzielle Lage im Alter, jeder Fünfte geht davon aus, dass sich seine finanzielle Situation bereits in den nächsten drei bis fünf Jahren verschlechtern wird.

Zweckpessimismus als Volkskrankheit

Klar, ein Blick auf die jährlich in den Briefkasten flatternde Rentenprognose ist ernüchternd. Aber daraus Angst zu schmieden ist das billige Geschäft der AfD, die im Übrigen auch keine Lösung parat, ja, sogar die einzige Partei ist, die sich nicht einmal auf ein Rentenkonzept einigen kann (oder will). Gejammert wird auf hohem Niveau.

All die Visionen, nach denen Massen verarmter Gesellen die Straßen unsicher machen werden, sind nicht eingetroffen. Entsprechend sollten wir uns verhalten. Ein Tritt nach unten stabilisiert nicht die eigene Lage, sondern demoralisiert den eigenen Standpunkt.