Der Status Quo: Tierversuche in Deutschland

Mäuse sind die mit Abstand am häufigsten eingesetzten Tiere in der Wissenschaft. Foto: Symboldbild / gettyimages / Manjurul

Mit Tierversuchen geht auch immer eine moralisch schwierige Debatte einher. Viele Faktoren spielen in das oft emotionale Thema hinein: Dürfen Tiere für die menschliche Neugierde sterben? Für die menschliche Gesundheit? Wo ist der Unterschied zu Tieren, die in der Fleischproduktion getötet werden?

Um diese Debatte führen zu können, sollten aber auch grundlegende Informationen dazugehören. Dieser Artikel möchte daher einen Überblick bieten zum Status Quo in Deutschland.

Die nüchterne Statistik

Die aktuellsten Zahlen stammen aus 2017: Insgesamt wurden in diesem Jahr laut „Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft“ (BMEL) 2.807.297 Tiere für die Forschung „verwendet“. Die Zahl teilt sich erstens auf in Versuche der Grundlagen- und angewandten Forschung, wofür 2.068.813 Tiere eingesetzt wurden und in, zweitens, die Tötung von Tieren „zu wissenschaftlichen Zwecken“. Ziel einer Tötung ohne vorherigen Eingriff oder Behandlung ist es etwa, „Organe oder Zellmaterial“ zu untersuchen: 738.484 Tiere starben dafür. Wurde an lebendigen Tieren geforscht, dann vor allem an Mäusen, Ratten und Fischen. Auf diese drei Arten entfielen 1.863.246 Tests – rund 90 Prozent.

Das BMEL schreibt weiter, in welchen Bereichen die Tierversuche vor allem für Erkenntnisse sorgen sollten. Jeder zweite Test entfiel auf die Grundlagenforschung, die Schwerpunkte lauteten da: Nervensystem, Immunsystem und Blut- und Lymphgefäße. Die angewandte Forschung nutzte Versuchstiere, um hauptsächlich mehr über „Krebserkrankungen des Menschen“, „Nerven- und Geisteserkrankung des Menschen“ und „Infektionskrankheiten des Menschen“ zu lernen.

Was ist hierzulande erlaubt?

Das regelt das Tierschutzgesetz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

Was aber ist „ein vernünftiger Grund“? Da gibt es gleich mehrere: Wenn beispielsweise ein Tierversuch der Grundlagenforschung, der Entwicklung oder Überprüfung neuer Medikamente, der medizinischen Anwendung, der Erkennung von Umweltgefährdung oder der Prüfung der Unbedenklichkeit dient. Nicht erlaubt sind hingegen Tests für Waffen und Munition, Tabakwaren, Waschmittel oder Kosmetika. Seit 2013, so schreibt es „Utopia“, dürfe Kosmetik, die an Tieren getestet wurde, in der gesamten EU nicht mehr verkauft werden. Selbst die Inhaltsstoffe dürften an Tieren nicht getestet werden. Allerdings gibt es auch da, wie überall, Ausnahmen.

Tierversuche haben zahlreiche Voraussetzungen, die sie zu erfüllen haben. Sie müssen etwa als „unerlässlich“ und „ethisch vertretbar“ gelten, außerdem sollen so wenig Tiere wie nötig eingesetzt und Schmerzen verhindert werden. Auch der Einsatz einer alternativen Methode muss unmöglich sein, ein Tierversuch darf kein zweites Mal durchgeführt werden und – ganz wichtig – der wissenschaftliche Nutzen muss das Leid des Tieres aufwiegen.

Kritik am bestehenden Gesetz

Verabschiedet die Europäische Kommission Gesetze, müssen sich alle Mitgliedsstaaten daran halten. Zwar bleiben Jahre, um die Reformen umzusetzen, dann aber gilt das EU-Recht. Die letzte EU-Tierrechts-Reform stammt aus dem Jahr 2010 – spätestens am 10. November 2012 hätte diese in nationales Recht übersetzt werden müssen. Die EU schreibt: „Die Richtlinie sorgt für einen hohen Tierschutzstandard und gewährleistet gleichzeitig das reibungslose Funktionieren des Binnenmarkts. Sie soll außerdem die Zahl der in Versuchen verwendeten Tiere auf ein Mindestmaß reduzieren und schreibt vor, dass soweit möglich alternative Methoden genutzt werden.“

Vergangenes Jahr hat die EU ein Verfahren gegen Deutschland eröffnet, weil Tierschutzgesetz nicht entsprechend angepasst worden war. Es sei „in Bereichen wie Inspektionen, Sachkunde und Verwaltungsverfahren für die Genehmigung von Projektanträgen unzureichend“, einige Bestimmungen fehlten sogar gänzlich.

Der „Spiegel“ schreibt, beanstandet wurde etwa der Einsatz von Affen bei Experimenten oder der fehlende „Nachweis der Sachkunde beteiligter Forscher“. Brüssel rüge demnach, dass im Gesetzestext bislang nicht klar formuliert sei, dass Labor-Affen immer Nachkommen von in Gefangenschaft lebenden Primaten sein müssten.

Im Oktober nun hat die Bundesregierung Versäumnisse eingeräumt. Mit einer schnellen nationalen Reform soll eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof abgewendet werden. Doch das, so die Bundesregierung, brauche noch Zeit bis mindestens November 2020.

Alternativen

Tierschutzorganisationen, wie „Peta“, fordern schon lange einen generellen Stopp von Tierversuchen. So schreibt Peta etwa: „In legalen ‚wissenschaftlichen Experimenten‘ werden Tiere vergiftet, Futter-, Wasser- oder Schlafentzug ausgesetzt, ihre Haut und Augen werden verätzt, sie werden massivem psychischen Stress ausgesetzt, absichtlich mit Krankheiten infiziert, ihr Gehirn wird beschädigt, sie werden gelähmt, verstümmelt, verstrahlt, verbrannt, vergast, zwangsgefüttert, bekommen Stromschläge und werden getötet.“

Es wird deshalb viel geforscht an Alternativen zu Tierversuchen. Noch sind diese aber keine echten Alternativen, sondern Ergänzungen, wie die wissenschaftsnahe Seite „Tierversuche-verstehen“ schreibt: „Die meisten Alternativmethoden basieren auf Erkenntnissen, die auf vorherige Tierversuche zurückgehen. Zudem können Alternativmethoden bisweilen häufig nur Teilaspekte der äußerst komplexen Vorgänge im menschlichen Körper simulieren. Aus diesem Grund wird man in absehbarer Zeit auf Untersuchungen am lebenden Tier nicht völlig verzichten können.“

Soko Tierversuche

Zu dem Für und Wider gehört auch, dass es unter den Wissenschaftsbetrieben schwarze Schafe gibt: Gelangen Bilder und Videos von misshandelten Tieren an die Öffentlichkeit, wie vor kurzem durch die „Soko Tierschutz“, folgt schnell der öffentliche Aufschrei. Die jüngsten Skandal-Bilder zeigen angeblich Aufnahmen stark blutender Hunde bei Tierversuchen, Affen, die sich gegen Fesseln wehren und Katzen, denen mit Gewalt Blut abgenommen wird. Passiert in einem Labor in Niedersachsen.

Berichtet hat unter anderem das „MDR“ darüber. Hier wird auch Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz, die vier Monate einen Mann in das Labor eingeschleust hatte, zitiert: „Wir haben hier natürlich ein großes Maß an legalem Tierleid. Man darf nicht übersehen, Tierversuche sind weitgehend vom Tierschutzgesetz ausgeschlossen. Man darf da Sachen machen mit Tieren, die einen normalerweise ins Gefängnis bringen würden.“ Mittlerweile hat das zuständige Veterinäramt ein Verfahren eingeleitet.