Kommentar: Deutschland sähe mit weniger Autos viel schöner aus

So geht es auch: Ein von der Autospur getrennter Radweg in Berlin (Bild: Getty Images)

Wir leisten uns eine Vorherrschaft des Autos. Warum eigentlich? Die Zukunft gehört anderen Verkehrsmitteln. Ein Frontbericht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Neulich fühlte ich mich wie auf der Autobahn. Ich fuhr mit meinem Rad plötzlich auf einem grün bemalten breiten Streifen, unter mir schneller Asphalt und ich legte den nächsten Gang ein.

Links schützten mich Poller vor den Autos. Ich fuhr schneller, während ich gleichzeitig im Kopf meinen Alarmmodus abschaltete – auf solchem Abschnitt konnte nun nicht viel passieren. Leider war meine gefühlte Autobahn nach wenigen hundert Metern schon zu ende, und ich quälte mich auf den Fahrradweg.

Es ist schon komisch. Straßen nehmen in deutschen Städten viel Raum ein. Manchmal stelle ich mir vor, wie meine Wohnstraße und die vor sowie hinter ihr ohne Autos aussähen, oder mit viel weniger – eben viel schöner. Die Luft wäre besser, es herrschte weniger Lärm, jeder hätte mehr Bewegungsraum und müsste nicht entlang Linien wandeln. Und dennoch wird darüber viel Schönes geredet, der Sinn dessen eingesehen, aber kaum etwas unternommen.

Unschlagbares Fahrrad

In Berlin ist der Wahnsinn alltäglich begutachtbar. In einem fahrenden Auto sitzen im Schnitt 1,3 Personen. Ein bisschen wenig, besonders bei den SUV, die einen Eindruck machen, als sollten sie Truppenkontingente bewegen. Würde man alle Berliner Autos hintereinander aufstellen, entstünde eine Schlange, die 7100 Kilometer lang ist. Ein bisschen viel.

Ein Fahrrad dagegen bringt einen kostengünstig durch die Stadt, man ist flexibel, kann fast überall parken. Doch die Wege sehen meist so aus: Fahrradwege existieren meist nicht, wenn ich auf der Straße fahre, muss ich mich daran gewöhnen, dass der Mindestabstand der mich überholenden Autos fast nie bei eineinhalb Metern liegt, sondern besser in Zentimetern zu messen ist. Ich mach den Autofahrern keinen Vorwurf: Manche Wagen sind recht breit und manche Fahrspuren recht schmal; der Verkehr staut sich oft, und dann parkt immer wieder ein Schlaumeier auf der rechten Spur, so dass ich ausweichen muss.

So gesehen ist die Beziehung zwischen Fahrrad- und Autofahrern gar nicht so schlecht. Ich finde, angesichts der schlimmen Zustände könnte es biestiger geraten. Die vielen Berichte über einen angeblichen Krieg konnte ich nie nachvollziehen. Klar, es gibt hin und wieder Stress über genommene Vorfahrten oder riskante Radmanöver – aber es hält sich erträglichen Grenzen. Noch.

Denn nun kommen noch die E-Roller hinzu, und sie verbessern die Lage nicht. Bisher konnte ich den Eindruck nicht unterdrücken, die neuen Roller seien ausschließlich eine Touristenattraktion, was auch nicht schlecht ist, aber eben keine verkehrspolitische Maßnahme. Auch sind die Fahrversuche dieser vielen elektronisch Rollenden abenteuerlich bis suizidal. Dass es noch keinen Toten gab, überrascht.

Schwarze Buckelpisten wie beim Skifahren

Die wenigen Berliner Radwege sind meist kaum der Rede wert. Viele sind schmal wie zwei Frühstücksbretter, führen entlang Baumwurzeln und Schlaglöchern, gehen im Zickzack und enden gern mal abrupt. Die Politik hat all diese Probleme erkannt und vor einem Jahr ein Mobilitätsgesetz verabschiedet, welches die Priorität des Autos endlich brechen will. Doch wie es in Berlin halt ist, stockt die Umsetzung. Ja, die Richtung stimmt. Positives wurde geschaffen, wie zum Beispiel meine „Autobahn“. Aber die allermeisten Ziele wurden verfehlt; nicht einmal eine Analyse der bestehenden Radwege liegt vor. Und wie ist es mit Parkmöglichkeiten, den Mitnahmemöglichkeiten in den Bahnen?

Es ist verrückt: Viele ahnen, dass es so nicht weitergeht, und vom Klimawandel sprechen wir gar nicht erst. Man braucht nur Gesundheitsstudien hervorkramen, nach denen zum Beispiel die Einwohner Kopenhagens im Wortsinn glücklicher und dadurch gesünder geworden sind, seit es bei ihnen „Fahrradautobahnen“ gibt, auf denen sie auch mal nebeneinander fahren und sich unterhalten können. Alles messbar.

Also bleibe ich optimistisch, denn die Verbesserungen, zumindest in Berlin, sind zwar langsam, aber erkennbar. Es soll ja keiner verzichten, sich einschränken. Nur besser leben.