Die neuen Plastik-Alternativen – und warum nachwachsend nicht gleich nachhaltig ist

Laura Lagershausen
Freie Journalistin
Plastikmüll in einer Gelben Tonne – wie kann dieser vermieden werden? (Foto: picture alliance via Getty Image)

Von Make-Up-Schwämmen aus Pilzen bis zu essbaren Wasser-Kugeln beim Marathon – neue Plastik-Alternativen erobern den Markt. Aber können sie auch entsprechend entsorgt werden?

Mit Fischabfällen hat die britische Studentin Lucy Hughes vor wenigen Tagen einen Erfinder-Preis gewonnen. Besser gesagt den James Dyson Award, der Studierende auszeichnet, die mit ihrem Produkt „ein Problem lösen“. Hughes anvisiertes Problem? Plastik!

In ihrer Abschlussarbeit stellte sie mit Fischerei-Abfällen und Stoffen aus Rotalgen den neuen Rohstoff „MarinaTex“ her, der einer Plastikfolie ähnelt. Er besteht zu 100 Prozent aus organischen Materialien, die in weniger als sechs Wochen komplett abbaubar sind. Ihre Tests zeigten, dass „MarinaTex“ sogar robuster ist, als normalerweise für Plastiktüten verwendetes Material.

„Es könnte eine Alternative zu Kunststoff sein, der normalerweise in Beuteln für Backwaren, Sandwich-Verpackungen und Boxen für Taschentücher verwendet wird, sagte Hughes gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Kugeln aus Seetang als Plastik-Alternative

Eine ähnliche Rohstoff-Basis besitzt auch die Erfindung „Ooho“ des britischen Start-Ups Skipping Rocks Lab. Diese besteht aus dem selbst entwickelten, biologisch abbaubaren und gleichzeitig essbaren Material „Notpla“, das als Verpackung für kleine Mengen flüssiger Nahrung dient. Die Kugeln aus Seetang wurde als Alternative zum Plastikbecher auch schon auf einem Londoner Marathon eingesetzt.

Alternativen für Plastik lassen sich jedoch nicht nur aus Algen herstellen. Auch Zuckerrohr, genauer gesagt die faserigen Überreste der Zuckerproduktion, oder Maisstärke sind beliebte Rohstoffe, die als Plastik-Ersatz dienen.

In New York setzt das Start-Up Ecovative Design jedoch auf die Grundstruktur von Pilzen. Daraus werden nicht nur Make-Up-Schwämme, Verpackungs- oder Dämmmaterialien hergestellt, sondern auch alternative Fleisch-Produkte oder veganes Leder. Dabei braucht der Pilz neun Tage, um beispielsweise direkt in vorgefertigte Formen zu wachsen.

Menge an Verpackungsabfall in Deutschland gestiegen

Trotz der neuen Alternativen und dem steigenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit und die Auswirkungen von Plastik auf den Klimawandel, ist die Menge an Verpackungsabfall in Deutschland weiter gestiegen. Das zeigte eine kürzlich veröffentlichte Studie des Umweltbundesamts.

Insgesamt wurden 2017 insgesamt 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsmüll produziert. Das entspräche einer Menge von 226,5 Kilogramm pro Person, so die Studie. Der Anteil der privaten Verbraucher liegt bei etwa der Hälfte der Gesamtmenge.

Entwicklung des gesamten Verpackungsverbrauchs in Deutschland seit 2000 (Grafik: UBA 2019; Aufkommen und Verwertung von Verpackungsabfällen in Deutschland im Jahr 2017)

„Wir müssen Abfälle vermeiden, möglichst schon in der Produktionsphase“, sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamts. Um die Umweltbelastung deutlich zu verringern, reiche es meist nicht, bei Einwegverpackungen andere Materialien zu verwenden. Besser sei es, Mehrwegverpackungen zu nutzen, generell weniger Verpackungsmaterial einzusetzen und an die Recyclingfähigkeit zu denken, so Krautzberger.

Letzteres scheint auch ein Problem bei Plastik-Alternativen zu sein. „Bisher spricht wenig dafür, dass als kompostierbar beworbene Kunststoffe eine gute Alternative sind“, heißt es beispielsweise von der Verbraucherzentrale. Sie könnten nur in wenigen Kompostwerken abgebaut werden – auf dem heimischen Kompost oder in der freien Natur gehe es nur sehr langsam oder gar nicht, weil die entsprechende Temperatur dafür fehle.

Schwierigkeiten bei der Mülltrennung

Laut BUND sind Kunststoffe auf Mineralölbasis oder aus Maisstärke oder Milchsäure, sogenanntes „Bioplastik“, nicht ökologisch unbedenklich – selbst wenn die Ausgangsmaterialien aus Pflanzenrohstoffen stammen. Das größte Problem sei die eindeutige Erkennbarkeit.

Da die Materialien dem Plastik ähneln, werden sie richtig recycelt im Müllwerk angekommen aus dem Biomüll wieder herausgefiltert. In die Gelbe Tonne gehören Bioplastik-Verpackung ebenfalls nicht. Dort beeinträchtigen sie die Qualität der herkömmlichen Kunststoffe, die für die Wiederverwertung eine wichtige Rolle spielt.

Häufig werden Verpackungen aus Bioplastik somit im Restmüll entsorgt und landen letztlich in der Abfallverbrennung. „Das ist nicht sonderlich ‚bio‘, sondern stellt eine Ressourcenvernichtung und Energieverschwendung dar“, so der BUND.

“Nachwachsender Rohstoff” – eine Illusion

Auch bei dem Begriff „nachwachsender Rohstoff“ schwinge laut BUND die Illusion mit, es handele sich um unbegrenzt vorhandene Ressourcen. Das sei jedoch ein Irrtum, denn die Erzeugung pflanzlicher Rohstoffe verbrauche Böden, Dünger und benötige häufig Pestizide sowie eine große Menge Energie.

Umweltbundesamt, Verbraucherzentrale und BUND scheinen sich daher einig zu sein: Die aktuell einzige nachhaltige Alternative für den Umweltschutz scheint, die Vermeidung unnötiger Produkte und Verpackungen zu sein. Empfohlen werden daher der Einsatz von Mehrweg-Verpackungen und der Einkauf in Unverpackt-Läden oder auf Wochenmärkten. Getreu dem Motto: „Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht.“