Die verrückte Welt der Nationalhymnen

Singen sie oder singen sie nicht? Die Nationalspieler Marco Reus, Mario Götze und Thomas Müller während der Nationalhymne im Jahr 2013 (Bild: Getty Images)

Ein Land, eine Hymne. Tatsächlich? Es gibt mehr Ausnahmen, Verwechslungen und Gemeinsames als man denkt.

Ein Streifzug von Jan Rübel

Ein Präsidentenamt soll Vorteile haben. Das dachte sich zumindest kürzlich Südsudans Präsident Salva Kiir und schickte seinen Informationsminister los. „Die Hymne ist nicht für jedermann. Die Nationalhymne ist nur für den Präsidenten gedacht", verkündete der treu. Heißt: Das Nationallied des jungen Staates, im Grunde die derzeit jüngste Nationalhymne der Welt, darf nur gesungen werden, wenn der Präsident zugegen ist. Zwar gibt es Ausnahmen für Schulen (damit dort die Hymne fleißig gelernt wird), ansonsten aber heißt es: Nur Big Boss Kiir ist groß genug, mit dem Lied geehrt zu werden. Sowas hat ja nicht jeder.

Nationalhymnen sind feierliche Lobgesänge, mit denen sich ein Staat präsentiert. Man hört sie bei Empfängen und im Sport, in manchen Ländern wie in den USA oft auch zum Schulbeginn. Für manche sind sie Folklore, für andere wie den einstigen Warlord Kirr, der nun Präsident ist, ein Machtmittel.

Dabei gibt es durchaus Schwierigkeiten beim Unterscheiden. Und skurril wird es beizeiten auch.

„God save the Queen“ – ein internationaler Hit

Die Melodie der britischen Hymne ist echter Pop. Nicht nur Großbritannien dichtete zur Musik, auch Island, die Schweiz, Russland oder Hawaii verwendeten die Noten als eigene Hymne. Auch die Kaiserhymne des Deutschen Reiches schmetterte nach ihnen. Klar, dass das für Chaos sorgte. Nach und nach änderten die anderen Länder ihre Songs. Die Schweizer zum Beispiel entschieden sich für Sakrales, die Hymne steht gar in den Kirchengesangsbüchern, schließlich heißt es da mitunter:

"Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!"

Blut soll fließen

Eindeutig martialischer lassen es die Franzosen angehen. In ihrer Marseillaise spiegeln sich die Freiheitskämpfe der Revolution wider, die Soldaten sangen das Lied, als sie 1792 in Paris einzogen:

"Zu den Waffen, Bürger,
Formt eure Truppen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Unreines Blut
Tränke unsere Furchen!"

Die Karriere eines Trinklieds

In den USA wird schon mal über den Umgang mit der Hymne gestritten. Sportler, die gegen die Diskriminierung von Afroamerikanern protestieren, knien beim Abspielen nieder, was wüste Beschimpfungen durch Präsident Donald Trump zur Folge hat. Was eher unbekannt ist: Die Melodie der Nationalhymne stammt von einem populären britischen Trinklied.

Das kann dauern

Würde alles gesungen, müssten viele lange warten: Die griechische Nationalhymne besteht aus 24 Strophen, ursprünglich waren es 158. Doch aus Rücksicht werden gemeinhin nur die ersten zwei wiedergegeben.

Was lange währt

Da muss sich der Südsudan noch etwas strecken: Der Text der japanischen Nationalhymne „Kimi Ga Yo“ wurde spätestens 905 niedergeschrieben, allerdings kam ihre Melodie erst am Ende des 19. Jahrhunderts hinzu. Daher dürften die Niederländer mit der ältesten Nationalhymne aufwarten: Seit dem 16. Jahrhundert singen sie mit “Het Wilhelmus” in gleichem Text und gleicher Melodie.

Sag es ohne Worte

Wer sich wunderte, warum spanische Nationalspieler bei der Hymne eisern schweigen, hier die Aufklärung: Zum „Marcha Real“ gibt es keinen Text. Auch die Bürger San Marinos singen nicht zu ihrem Loblied. Und die Hymne der DDR, „Auferstanden aus Ruinen“, wurde zuerst gesungen und dann ab den 70ern des vorigen Jahrhunderts nicht mehr: Die DDR war mittlerweile auch offiziell von der Idee einer Wiedervereinigung abgesprungen, und der Text erschien ihr etwas unbequem, war doch etwas viel von Einheit die Rede:

„Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
und wir zwingen sie vereint,
denn es muß uns doch gelingen,
daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint.“

Im wiedervereinigten Deutschland wird immer wieder diskutiert, die Hymne zu ändern. Jüngst preschte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow damit vor. Sein Einwand: Viele Ostdeutsche hätten Probleme, die westdeutsche Nationalhymne zu singen.