Die Zinsen werden weiter sinken – mit dramatischen Folgen für Märkte und Sparer

Vincent Uhr
freier Journalist

Das aktuelle Niedrigzinsumfeld ist für Sparer mehr Fluch als Segen. Für Häuslebauer und Schuldner ist es zwar eine ideale Gelegenheit, um kostengünstig Geld über Kredite aufzunehmen. Für Vermögende bedeutet das Niedrigzinsumfeld mit Zinsen von maximal 0,x % allerdings eines: einen Wertverlust infolge der seit einigen Quartalen wieder höheren Inflation.

Auch für Sparer könnte ein möglicher Minuszins fatale Folgen haben. (Foto: Getty Images)

Mit einem aktuellen Leitzins im europäischen Wirtschaftsraum von 0,0 % haben wir vermeintlich einen Tiefpunkt der Zinsentwicklung erlebt, nichtsdestoweniger fürchten Marktbeobachter gerade jetzt weitere Einschnitte mit weitreichender Bedeutung sowohl für die Märkte, als auch die Sparer.

EZB-Chefin Lagarde als zinspolitische Hardlinerin

Insbesondere durch den Wechsel an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) könnte das aktuelle Niedrigzinsumfeld noch einmal eine drastische, neue Wendung bekommen. Der scheidende Zentralbank-Chef Mario Draghi geht zwar bereits in die Geschichte als erster EZB-Präsident ein, der innerhalb seiner Amtszeit nicht eine Zinserhöhung vorgenommen hat, dafür jedoch den Leitzins auf 0,0 Prozentpunkte gesenkt hat. Allerdings rechnen Marktbeobachter aktuell bereits mit weiteren Zinssenkungen, sobald der bisherige Zentralbanker seinen Posten verlässt.

Die designierte EZB-Chefin Christine Lagarde gilt nämlich als kreative Kraft, die bereits in früherer Funktion ganz ähnliche Maßnahmen gefordert hat. Ob eine 10-%-Steuer-auf-Alles oder auch die Abschaffung des Bargelds: All solche Ideen sind bereits im Kontext der ehemaligen Präsidentin des Internationalen Währungsfonds aufgetaucht.

Viele rechnen gegenwärtig bereits damit, dass es auch mit den bereits niedrigen Leitzinsen in ein weiteres Kapitel gehen wird und dass Minuszinsen die kommende Amtszeit von Lagarde prägen werden. Mit weiteren, fatalen Auswirkungen auf Sparer, die Wirtschaft und auch Märkte.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen

Minuszinsen könnten einerseits nämlich ein Todesstoß für kriselnde Banken sein, was eine direkte Folge und weitere Rettungs- oder Sanierungsmaßnahmen erforderlich werden ließe. Banken könnten somit ein wesentlicher Leidtragender einer solchen, noch schärferen Geldpolitik werden, auch wenn die EZB mit einem solchen Maßnahmenkatalog eigentlich weitere Anreize für künftige Investitionen geben möchte. Wobei die Zentralbank auch hier das komplette Gegenteil bewirken kann.

Tatsächlich könnte die EZB mit einem noch niedrigeren Zinsumfeld Spekulationen schüren, dass es künftig immer günstiger wird, Kredite für Investitionen aufzunehmen. Das würde möglicherweise sogar zu einer aufgeschobenen Kreditaufnahme in einigen Kreisen führen, weil Unternehmen konsequenterweise denken, es wird noch bessere Zeitpunkte für die Aufnahme von Fremdkapital geben, worauf man infolgedessen wartet. In einem solchen Szenario hätten niedrigere Zinsen langfristig daher eine kontraproduktive Wirkung, auch wenn die Theorie an dieser Stelle etwas anderes lehrt. Allerdings tauchen Minuszinsen in ökonomischen Lehrbüchern bislang recht wenig auf.

Zudem sollten wir an dieser Stelle gleichsam bedenken, dass speziell in Zeiten niedriger Zinsen die weitere Nachfrage nach Geld und Fremdkapital gering ist. Die Wirtschaft erlebt seit Jahren, ja sogar einem Jahrzehnt inzwischen ein solches Marktumfeld, der Grenznutzen weiterer Kredite nimmt somit immer weiter ab. Womöglich hat die EZB daher zinstechnisch ihr Pulver verschossen, auch wenn sie versucht weiter aus allen Rohren zu feuern.

Einfluss auf Sparverhalten und Märkte

Wen es jedoch besonders trifft, sind auch weiterhin vornehmlich die Sparer. Sollten Minuszinsen auf Zentralbankebene Realität werden, sind Minuszinsen auch im privaten Bereich flächendeckend wahrscheinlich. Einige Banken und Sparkassen haben mittlerweise damit begonnen, das niedrige Zinsumfeld an die Sparer weiterzugeben. Mit weiteren Zinschritten in den Minusbereich werden vermutlich noch mehr Geldhäuser diesem Beispiel folgen.

Das kann zu beinah fluchtartigen Bewegungen in andere Märkte führen. Möglicherweise werden vermeintlich sichere Anleihen durch solche Schritte nicht bloß einen Boom, sondern auch eine Übertreibung und Blasenbildung erleben, auch Rohstoffe wie Gold können in einem solchen Szenario weiter ansteigen.

Wer zudem auf der Suche nach langfristiger Rendite ist, wird vermutlich auch am Aktienmarkt zunehmend aktiv, um das eigene Geld nicht bloß zu schützen, sondern auch einen Inflationsausgleich und ein Quäntchen darüber hinaus zu erhalten. Bei den sowieso bereits teilweise hohen Bewertungen, speziell bei sichereren Dividendenaktien und defensiveren Blue Chips könnten auch hier die zu erwartenden Renditen weiter sinken und das Bewertungsmaß in die Höhe steigen. Kurzfristig könnte das eine regelrechte Rallye bedeuten, langfristig jedoch ebenfalls das Potenzial einer Blasenbildung beinhalten, was langfristig das Risiko einer heftigeren Korrektur schürt.

Sollten die Zinsen jedoch über Jahre oder Jahrzehnte hinweg historisch niedrig und im Minuszinsbereich verweilen, so wie es bereits in Japan Usus ist, könnte das Bewertungsmaß für Aktien ebenfalls langfristig bedeutend absinken. Statt historischer Renditen im höheren, einstelligen Prozentbereich könnten zukünftig bei marktbreiten Unternehmensbeteiligungen niedrigere Renditen gebräuchlich werden. Das Zinsniveau ist schließlich eine Vergleichsgröße, auch für die Aktienmärkte und der größere Spread bedingt durch Minuszinsen könnte die Märkte hier ebenfalls beeinflussen.

Sparer sollten sich umsehen

Mit dem Wechsel an der EZB-Spitze scheinen daher weiterhin niedrigere Zinszeiten bevorzustehen. Unter Christine Lagarde, so sind sich viele Marktbeobachter sicher, wird das Zinsniveau nicht baldig höher, sondern womöglich sogar noch einmal bedeutend niedriger.

Das hat Auswirkungen auf die Wirtschaft, Sparer und auch ganze Märkte. Sparer, die daher auf der Suche nach einer Alternative zu bislang vermeintlich attraktiven 0,0-%-Anlagemöglichkeiten sind, sollten besser frühzeitig aktiv werden. Womöglich werden Festgeld, Tagesgeld und dergleichen eine solche, zumindest absolut gesehen sichere Aufbewahrungsfunktion bald nicht mehr bieten können.