Diese russische U-Bahn führt ins Nirgendwo

Im Jahr 1979 wurde den Bürgern der russischen Stadt Omsk eine U-Bahn versprochen. 40 Jahre und 650 Millionen Euro später wurde das Projekt schließlich eingestellt. Gebaut wurde nur eine einzige Station mit einem Schienenabschnitt ins Nirgendwo.

Die Haltestelle "Pushkin Bibliothek" wurde als einzige fertiggestellt, samt einer Unterführung und einem kurzen Schienenabschnitt (Bild: Dmitry Feoktistov\TASS via Getty Images)

Omsk war eine Stadt mit guter Anbindung zum Rest des Landes, doch innerhalb der Stadt gestaltete sich die Fortbewegung weitaus schwieriger, dank eines Mangels an Brücken und Bahnüberführungen sowie schwieriger Straßenverhältnisse. Als die Industriestadt im Jahr 1979 die Einwohnermarke von einer Million knackte, wurde schließlich ein U-Bahn-Projekt angekündigt, wie “Atlas Obscura” berichtet.

Es begann eine jahrzehntelange Odyssee an Pleiten, Pech und Staatskrisen.

13 Jahre bis Baubeginn, 32 bis zur Fertigstellung einer Station

Der Bauleiter Vladimir Ryzhov versprach einen Baubeginn innerhalb von fünf Jahren. Doch es kamen ein paar Unannehmlichkeiten wie eine finanzielle Krise des Sowjet-Regimes, diverse wirtschaftliche Reformen und schließlich der Niedergang der Sowjet Union im Jahr 1991 dazwischen. Infolgedessen begannen die Bauarbeiten erst im Jahr 1992.

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Jahrelang war Omsk dank des ortsansässigen Petrochemie-Konzerns Sibneft finanziell stabil, bis sich 2006 das Blatt wendete: Sibneft wurde Teil des verstaatlichten Unternehmens Gazprom und nach St. Petersburg verlegt. 2008 bekam Russland die weltweite Finanzkrise deutlich zu spüren, wodurch weitere Gelder fehlten.

Ein Running Gag unter Anwohnern

Trotz all dieser Widrigkeiten wurde die Station “Pushkin Bibliothek” feierlich eröffnet. Dem Gouverneur Leonid Polezhaev glaubte trotzdem niemand, dass die restliche U-Bahn-Linie innerhalb von drei Jahren fertiggestellt sein würde.

Vielmehr befeuerte das große rote M, das über dem Unterführungseingang prangte, die zunehmende Belustigung der Bevölkerung über das glücklose Bauprojekt. Der Fotograf Anton Oleynik produzierte Pseudo-Metromünzen mit dem Emblem, die zum beliebten Touristen-Souvenir wurden. Satiriker veröffentlichten einen Metro-Fahrplan mit nur einer Station.

Die Unterführung soll nicht nur als Durchgang genutzt werden, sondern auch für Veranstaltungen wie Kunstausstellungen (Bild: Dmitry Feoktistov\TASS via Getty Images)

2019 war Schicht im Schacht

Im vergangenen Jahr wurde das U-Bahn-Projekt schließlich endgültig eingestellt. Offiziell wurde ein Mangel an Finanzierungsmitteln angegeben. Bis dahin hatte es laut “Atlas Obscura” bereits umgerechnet etwa 650 Millionen verschlungen.

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Nun suchen die Einheimischen neue Verwendungszwecke für die lange, weiß geflieste Unterführung der Haltestelle “Pushkin Bibliothek”, die neben einem 7,5 Kilometer langen Schienenabschnitt als einzige Erinnerung an das unvollendete Projekt dient. Das Vrubel Kunstmuseum nutzte es im Dezember bereits für eine Ausstellung.

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