„Driften“: Warum es okay ist, manchmal einfach keinen Plan zu haben

Millie Rowan
·Lesedauer: 5 Min.

Endlich 2021: ein neues Jahr, ein Neubeginn. Damit ist auch 2020 endlich vorbei. Jetzt ist die Zeit gekommen, um in die Zukunft zu blicken und Vorsätze zu fassen. Was ist aber, wenn das einfach nicht dein Ding ist? Was, wenn du es bevorzugst, im Hier und Jetzt zu leben? Als meine Frau zum Beispiel befördert wurde und wir von Manhattan nach Toronto zogen, habe ich mich einfach damit abgefunden. Nach sechs Monaten denke ich manchmal noch hie und da: „Ha, ich lebe jetzt wirklich hier. Wer hätte das gedacht? Warum nicht?“

Ich bin wie ein Stück Treibholz. Ich lasse mich treiben und passe mich den Gezeiten meines Lebens an, anstatt einen genauen Kurs festzulegen. Nachdem eine damalige Beziehung in die Brüche ging, verließ ich meine sonnige Heimat Australien, um nach New York City zu ziehen. Die dynamische Energie dieser Stadt hatte immer schon eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich. Für viele mag das eine einschneidende Entscheidung sein, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Bei mir war das aber nicht der Fall. Die Idee kam mir eines Nachmittags. Ich fragte mich: „Hm, warum eigentlich nicht?“ Einen konkreten Plan zu schmieden, würde mir keine Gelegenheit geben, mich vom Leben überraschen zu lassen. Aus diesem Grund und weil ich zu diesem Zeitpunkt aufgrund meiner Trennung am Boden zerstört war, hielt ich diesen spontanen Gedanken für eine gute Idee.

Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, stelle ich fest, dass ich nicht der Einzige „Drifter“ bin – vom englischen „driftwood, also „Treibholz“. Da draußen gibt es viele von uns – meistens zwischen 20 und 40 –, die zufrieden damit sind, ihr Leben zu leben und die Dinge um sie herum einfach geschehen zu lassen, anstatt sie kontrollieren zu wollen.

So geht es auch Felicity Skampman, einer 24-jährigen Creative Director aus Toronto. „Ich plane nicht allzu weit im Voraus und denke nicht zu sehr an die Zukunft“, sagt sie lachend. „Ich konzentriere mich auf die Gegenwart und darauf, was ich in diesem Moment tun kann!“ Skampman meint, sie liebe es, „sich vom Leben überraschen zu lassen“. Als es zum Beispiel darum ging, eine Studienrichtung zu wählen, entschied sie sich für das, was sich zu diesem Zeitpunkt richtig anfühlte. „Alle meine Freund:innen hingegen schienen sich Gedanken darüber zu machen, wo sie in zehn bis 15 Jahren nach dem Studium landen würden. Ich habe es einfach nicht in mir, so zu denken.“

Ich habe auch schon prominente Drifter:innen ausfindig gemacht. Ryan Reynolds, zum Beispiel, hat sich zu diesem Persönlichkeitstyp bekannt. In einem Interview mit GQ sagte er: „Wann immer ich mich für ein Projekt entschied, weil ich dabei ein langfristiges Karriereziel im Hinterkopf hatte und nicht, weil es mich in diesem Moment ganz einfach ansprach, brachte mich das früher oder später immer irgendwie in Schwierigkeiten.“

Die Beziehungspsychologin Helen Calder sagt, sie habe immer mehr Drifter:innen als Patient:innen, bei denen kurzfristige Durchsetzungsfähigkeit auf langfristige Passivität trifft. Sie glaubt, dass dieses Verhalten eine direkte Reaktion auf das heutige, stark kuratierte Social-Media-Umfeld ist, in dem alle ihr Leben im Griff zu haben scheinen. „In den sozialen Medien sehen wir, wie unsere Freund:innen alle möglichen Meilensteine erreichen. Das erfüllt uns mit dem Gefühl, dass wir vielleicht unseren Kurs ändern ‚sollten‘; wir denken, wir ‚sollten‘ eigentlich hier sein oder wir ‚sollten‘ möglicherweise lieber dieses oder jenes tun“, erklärt Calder. Das kann schnell mal dazu führen, dass sich eine Person selbst als unzureichend wahrnimmt und Schuldgefühle bekommt, weil sie sich weniger erfolgreich als die anderen fühlt.

Driften sollte aber keinesfalls mit Gleichgültigkeit oder Ziellosigkeit verwechselt werden. Drifter:innen neigen bloß dazu, in der Gegenwart zu leben, anstatt allzu viele Zukunftspläne zu schmieden. „Nur weil ich eine Drifterin bin, heißt das noch lange nicht, dass ich keinerlei Verantwortung für mein Leben übernehme“, sagt Chloe Jamison, eine 30-jährige Finanzanalystin. „Wenn ich direkt mit einer Situation konfrontiert bin, nehme ich das Ruder gerne in die eigene Hand. Nur wenn es um größere, bedeutendere Dinge geht, ist das nicht der Fall.“

Wie alle Persönlichkeitstypen hat auch dieser Vor- und Nachteile. Wenn man die positive Seite betrachtet, so sind Drifter:innen nie wirklich mit ihrem Lebenszustand unzufrieden, weil sie sich sowieso nie ein ideales Langzeitziel gesetzt haben. Sie zeigen emotionale Flexibilität und können besser mit Veränderungen umgehen als Nicht-Drifter:innen. „Sie florieren in allen möglichen Situation, heißen ihre Umstände willkommen und machen das Beste aus einer sowohl großartigen als auch schwierigen Erfahrung“, sagt Calder. „Wenn das Leben eine Bühne wäre, wären diese Personen die besten Improvisator:innen schlechthin.“

Drifter:innen sollten aber stets darauf achten, dass ihre Zurückhaltung und Apathie nicht aus dem Ruder geraten. „Es ist ein Unterschied, ob man seinem Leben freien Lauf lässt oder sich nicht darum kümmert, in welche Richtung es gehen soll“, sagt Calder. Der Trick ist hier, dich selbst dabei zu ertappen, wann immer du zum achselzuckenden Emoji mutierst. „Etwas so Einfaches wie ein Tagebuch zu führen oder einen Haushaltsplan zu haben, kann dir dabei helfen, den Wald zu sehen, ohne ihn vor lauter Bäumen aus den Augen zu verlieren“, empfiehlt Calder.

Trotzdem kann der Rest der Welt noch eins von uns Drifter:innen lernen: die Fähigkeit, loszulassen. Ein gutes Beispiel dafür ist Demi Lovato, die sich nach Jahren ohne Spielraum für Fehler die Kunst des Loslassens zu eigen gemacht hat. „Einer der Gründe, warum ich jahrelang so unglücklich war, hat damit zu tun, dass ich ständig versucht hatte, Kontrolle auszuüben“, sagte sie in einem Gespräch mit Seventeen Magazine.

Wenn du ebenfalls eine starre Haltung durch eine entspannte Einstellung ersetzen willst, empfiehlt Calder, einen Tag lang ohne Pläne auszukommen. Sie rät auch dazu, einfach mal einen spontanen Ausflug vorzuschlagen, die Reaktion deiner Freund:innen abzuwarten und dann einfach mit dem Strom zu schwimmen.

Während wir uns also kollektiv auf den weiteren Verlauf des neuen Jahres vorbereiten und uns durch den Druck, Pläne schmieden und Vorsätze fassen zu müssen, erschlagen fühlen, sollten wir uns daran erinnern, dass es in Ordnung ist, das Leben einfach so zu nehmen, wie es kommt. Denn wenn wir uns treiben lassen, bedeutet es, dass wir für unterschiedliche Möglichkeiten offen bleiben und uns keinerlei Chancen verschließen… und wer weiß, an welches tolle Ufer wir möglicherweise geschwemmt werden. Lass dir eins von diesem in Kanada lebenden Australier über New York gesagt sein: Manchmal ist kein Plan der einzige Plan, den man tatsächlich braucht.

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