Von Ehrfurcht ergriffen: Warum es gut ist, sich klein zu fühlen

Jeder von uns ist ab und an von unglaublicher Ehrfurcht erfüllt. Sei es, wenn man auf der Spitze eines riesigen Berges steht und in ein Tal hinabschaut, oder wenn man in die unendlichen Weiten des Weltalls aufblickt und sich versucht vorzustellen, wie groß unser Universum tatsächlich ist, oder einfach nur, wenn wir sehen, wie jemand einem vollkommen Fremden zu Hilfe eilt.

Je älter wir werden, desto seltener haben wir allerdings dieses Gefühl, da wir uns unsere Routinen aufbauen und kaum noch neue Perspektiven an uns heran lassen. Aber sich aktiv darum zu bemühen, sich ab und an von Dingen in Staunen versetzen zu lassen, kann Wunder für Ihre Gesundheit, Ihr soziales Leben und Ihr allgemeines Wohlbefinden bewirken. Laut NBC Better sagen Psychologen nämlich, dass uns das Gefühl von Ehrfurcht und Erstaunen tatsächlich glücklicher machen kann und es scheint eine essentielle Komponente für Harmonie mit uns selbst und anderen zu sein. 

Aber was genau ist Ehrfurcht? Ehrfurcht wird von vielen Psychologen und Neurowissenschaftlern definiert als das Gefühl, das wir als Antwort auf etwas empfinden, was unseren bisherigen Bezugsrahmen sprengt und unsere Perspektive komplett verändert. Diese innere Veränderung findet dann statt, wenn unser bisheriges Weltverständnis herausgefordert wird, so erklärt Dr. Amie Gordon, die verantwortliche Wissenschaftlerin im Labor für Gefühl, Gesundheit und Psychophysiologie der Universität California-San Francisco.

Staunen oder Ehrfurcht sind nicht zu verwechseln mit Gefühlen wie Inspiration. Der unterscheidende Faktor ist die Tatsache, dass es uns dazu bringt, uns klein zu fühlen, oder in wissenschaftlichen Worten ausgedrückt, es lässt uns ein Gefühl von "Selbstverkleinerung" erleben. Ehrfurcht erlaubt uns, unseren Blickwinkel zu erweitern und uns als Teil von etwas Größerem zu sehen. Wir fühlen uns klein, aber gleichzeitig als Teil von etwas Größerem.

 

"Menschen, die Ehrfurcht verspüren, richten ihren Fokus mehr nach außen und schätzen andere in Interaktionen deutlich mehr wert", sagt Dr. Jennifer Stellar, Assistent-Professorin in der Abteilung für Psychologie der Universität Toronto. Es macht uns zu besseren Menschen. Wenn wir uns klein fühlen, macht uns das demütig. Dies verringert natürlich selbstsüchtige Tendenzen, einschließlich zu hohem Anspruch, Arroganz und Narzissmus. Sich demütig zu fühlen, bringt uns auch dazu, mit anderen in Kontakt zu treten, fügt Gordon hinzu. Die Logik, die daraus folgt, ist ziemlich einfach: Wenn wir uns klein fühlen, demütig sind und versuchen, mehr Kontakte zu schließen, dann haben wir automatisch bessere soziale Interaktionen. Die wiederum tragen zu unserem allgemeinen Wohlbefinden bei, was ein wichtiger Teil für unser Glücklichsein ist.

Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigte, das Personen, die sich in ihrem alltäglichen Leben öfter in Staunen versetzen lassen, von ihren Freunden eher als bescheiden eingestuft werden. Es ist eng mit dem Grund verbunden, warum wir Menschen miteinander klar kommen. Evolutionswissenschaftler glauben auch, dass das Gefühl der Ehrfurcht ein Grund dafür ist, dass Menschen im Laufe der Geschichte angefangen haben, Gruppen zu bilden und zusammenzuarbeiten.

Andere Untersuchungen fanden eine biologische Reaktion auf Ehrfurcht. Menschen, die ihren Aussagen zufolge häufiger Ehrfurcht empfinden, haben ein stärkeres Immunsystem: Ihr Körper enthält ein geringeres Level an proinflammatorischen Zytokinen (die mit Diabetes, Herzerkrankungen und Depression in Verbindung gebracht werden). Auch zeigt eine andere, noch zu veröffentlichende Studie, das ein Aufenthalt in der Natur die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung anscheinend deutlich verringert.

Diese Studie scheint auch zu zeigen, dass Menschen, die mehr Ehrfurcht empfinden, gleichzeitig neugieriger sind. Dies empfinden sowohl die Teilnehmer als auch deren Freunde so. Die Kombination aus Staunen und Neugier wiederum ist vielversprechend, um die Person schon von jungen Jahren an zu höheren akademischen Leistungen zu motivieren.

Wie erleben wir Ehrfurcht? Sie müssen nicht mal bis in entfernte Ecken des Planeten reisen, um sich in Erstaunen versetzen zu lassen. Es ist ein sehr persönliches Gefühl, dass direkt mit der eigenen Perspektive auf die Welt zusammenhängt. 

Dr. Amie Gordons Gleichung für Ehrfurcht ist eine Kombination aus etwas Neuem und etwas Unermesslichem. Sie stellt klar, dass diese Unermesslichkeit sich auf den physischen Raum oder Jemandes Talent oder Güte beziehen kann. Hier sind einige Tipps, wie auch Sie dieses Gefühl wieder öfter erleben: 

Versuchen Sie also Dinge wie: In die Natur gehen; ihre Komfortzone verlassen; schöne Musik hören; das Handy weglegen und die Umgebung beachten; einfach in den Himmel schauen; unvoreingenommen sein; beeindruckende Fakten lernen; die Magie des menschlichen Körpers bewundern. 

Natur, Größe und Neuheit sind einige der Faktoren, die am ehesten Ehrfurcht auslösen.  

Wussten Sie beispielsweise, dass Sie beim Blick auf die Sterne eigentlich in die Vergangenheit schauen? Das Sternenlicht kann Milliarden Jahre brauchen, um die Erde zu erreichen. Wenn wir aufblicken und das Licht sehen, sehen wir also eigentlich die astronomische Landschaft der Vergangenheit. Oder dass unsere Sonne nur einer von mehr als 100 Milliarden Sternen in der Milchstraße ist?

Bedenken Sie auch die Tatsache, dass unsere Zellen ohne jegliche bewusste Anstrengung von unserer Seite wissen, wie sie sich zu einem vollständigen Menschen entwickeln – nur mit einem Ei und einem Spermium beginnend! Ernsthaft, der Körper bietet so viel Material für Ehrfurcht. Unsere Lungen atmen, unser Herz schlägt und unser Gehirn verarbeitet Information, ohne das wir irgendetwas dafür tun! Und wir produzieren jede Sekunde Millionen neuer Zellen!

Und denken Sie nur daran, dass es mal Dinosaurier gab. Oder noch verrückter: Die Wassermenge auf der Erde ist konstant, fest und wird im Laufe der Zeit kontinuierlich recycelt. Daher ist ein Teil des Wassers, das Sie trinken, irgendwann mal durch einen Dinosaurier geflossen.

Also, das Staunen wartet auf Sie. Wie schon William Yeats sagte: "Die Welt ist voller magischer Dinge, die geduldig darauf warten, dass unsere Sinne sich schärfen." Also nichts wie Augen auf, raus aus dem Haus und hinein in eine großartige Welt voller Ehrfurcht und Glück.