Ein Jahr nach dem Corona-Crash: Kommt die Gefahr zurück?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 4 Min.

Es waren Wochen für die Geschichtsbücher: In der letzten Februarwoche 2020 kam die Corona-Pandemie an der Wall Street an und infizierte blitzschnell die Weltbörsen. Es folgte der massivste Crash der Börsengeschichte – und in der Folge die schnellste Erholung aller Zeiten. Braut sich an den Märkten nun wieder etwas zusammen?

Die Wall Street ist zuletzt wieder im Aufwind
Die Wall Street ist zuletzt wieder im Aufwind

Der Schock ist tatsächlich bereits schon ein Jahr her: Am 24. Februar 2020 dämmerte der Wall Street, dass das Coronavirus nicht nur auf Asien begrenzt bleiben, sondern die ganze Welt infizieren würde. Über Nacht schwante Anlegern, dass die ökonomische Tragweite immens sein würde, obwohl die Begriffe des Lock- und Shutdowns längst noch wie Fremdwörter klangen.

Die Folge: Auf ein Jahr der exorbitanten Kurszuwächse folgte der rasanteste Ausverkauf, den die Welt je gesehen hatte. Unfassbare 4,3 Billionen Dollar wurden allein an den amerikanischen Aktienmärkten in nur sieben Handelstagen ausradiert, doch es kam noch schlimmer.

Dow Jones und Dax verloren in vier Wochen 35 Prozent an Wert

Der Leitindex Dow Jones war vom Ausverkauf in der Coronakrise am schwersten betroffen und hatte gegenüber seinen Höchstkursen in lediglich vier Wochen Verluste von 35 Prozent zu beklagen – und damit genauso viel wie der Dax. Während der marktbreite S&P 500 zwischen Ende Februar und Ende März 2020 33 Prozent an Wert einbüßte, beliefen sich die Verluste der Technologiebörse Nasdaq auf dem Höhepunkt im vergangenen Jahr auf 30 Prozent.

Die Kursverluste waren in ihrem Ausmaß historisch – die erdrutschartigen Verluste hatten sich schließlich in gerade einmal vier Wochen ereignet. So massiv haben die Weltbörsen noch nie in ihrer Geschichte verloren: weder in der Finanzkrise 2008 noch nach dem Platzen der Internetblase 2000 noch nach dem Schwarzen Montag von 1987.

Historische Kaufkurse: Nasdaq 100 verdoppelt sich nahezu binnen eines Jahres

Ein Jahr später ist klar: Es waren historische Kaufkurse, wie es sie wohl nur alle paar Jahrzehnte gibt – Anleger sprechen von generational lows. Seit den Tiefstständen erholte sich der Dax etwa um 67 Prozent – nämlich von weniger als 8500 auf mehr als 14.000 Zähler. Etwas deutlicher legte der Dow Jones mit einem Plus von rund 18.500 auf inzwischen über 31.500 Punkte zu (ein Plus von 71 Prozent).

KfW erwartet Wirtschaftseinbruch um mindestens 1,5 Prozent im ersten Quartal

Und noch dynamischer gewann der marktbreite S&P 500-Index an Wert, der sich gar um 76 Prozent verteuerte. Die mit Abstand explosivste Rallye jedoch spielte sich an der amerikanischen Technologiebörse ab: Der Nasdaq 100 verdoppelte sich mit einem Plus von 97 Prozent nahezu. Angetrieben wurde der Index dabei von den GAFAM-Konzernen und Tesla, die allesamt Traumrenditen einfuhren. Vor allem der Elektroautopionier schien die Gesetze der Schwerkraft nach einer 700-Prozent-Rallye in 12 Monaten neu zu definieren.

März-Crash: Wiederholt sich die Geschichte?

Die schlechte Nachricht für Anleger: Wer die Kaufgelegenheit im vergangenen Frühjahr verpasst hat, dürfte lange Zeit brauchen, um eine vergleichbare Chance wieder zu bekommen – zumindest in den Indizes. Tatsächlich stellen sich immer mehr Anleger und Analysten angesichts der inzwischen knapp einjährigen Endloshausse die Frage, wie weit die Märkte eigentlich noch nach oben laufen können.

Auf frappierende Weise gleicht die Ausgangslage damit der vor einem Jahr. Auch in diesen Tagen ziehen die Neuinfektionszahlen wieder an – diesmal in der dritten Welle, während in den USA bereits 500.000 Corona-Todesopfer zu beklagen sind. Weil der Impffortschritt stockt, müssen die optimistischen Schätzungen für eine Rückkehr zur Normalität weiter nach hinten geschraubt werden, sofern sie sich jemals einstellt.

Korrekturwarnungen an der Wall Street nehmen zu

Entsprechend haben Anleger nach einem Jahr der stetigen Kurszuwächse erneut viel zu verlieren, wie Cody Willard warnt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wahrscheinlich von Wochen oder Monaten, bevor viele Aktien und Kryptowährungen fallen und andere Blasen platzen werden“, warnte der Hedgefondsmanager vor gerade mal zwei Wochen in fast prophetischer Weise.

Auch Citigroup-Analyst Tobias Levkovich warnte vor wenigen Tagen davor, dass eine Korrektur von zumindest zehn Prozent bei US-Aktien „sehr plausibel“ erscheint. Es könnte aber auch um 20 Prozent nach unten gehen, merkte Levkovich vor Wochenfrist an.

Fast scheint es, als hätten die mahnenden Worte an der Wall Street bereits Wirkung gezeigt. Seit Wochenbeginn befinden sich die Kurse vor allem an der Nasdaq im beschleunigten Ausverkaufsmodus, als wäre die Uhr um ein Jahr zurückgedreht worden…

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