„Emotional Eating“: Kinder lernen Frustessen von ihren Eltern

Natur oder Kultur? Letztere bestimme den Umgang von Kindern mit Essen, berichten Forscher des University College London. (Symbolbild: Getty Images/Kristina Strasunske)

Eine neue Studie besagt, dass Menschen schon als Kinder lernen, sich mit Essen zu trösten. Frustessen ist demnach nicht erblich, sondern sozial erlerntes Verhalten.

Wir kennen es als „Comfort Food“, „Emotional Eating“, „Soul Food“ oder schlicht als Frustessen: Gemeint ist die Hinwendung zu Essen in Momenten, in denen man unglücklich oder unzufrieden ist. Eine neue Studie legt nun nahe, dass es sich dabei um sozial erlerntes Verhalten handelt. Der Grundstein dafür wird bereits im Kindesalter gelegt: Denn Kinder lernen die Essenskultur von ihren Eltern. Wer sein Kind mit Essen tröstet, fördert demnach ein gestörtes Essverhalten.

Ein Team aus Forschern des University College London (UCL) hat die Essgewohnheiten von 398 Zwillingen untersucht, von denen die Hälfte aus Familien mit übergewichtigen Eltern stammt. Diese verglichen die Forscher mit der anderen Hälfte, in deren Familien es keine genetische Vorbelastung durch Übergewicht gibt.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass der Hauptgrund für Frustessen an der familiären Umgebung liegt, insbesondere an Eltern, die ihren Kindern mit Essen Trost spenden. Nicht genetische Faktoren bestimmen demnach den Umgang von Kindern mit Essen. Viel entscheidender ist es, wie Familien Nahrung dazu benutzen, mit unangenehmen Gefühlen und Situationen umzugehen.

„Stress und negative Gefühle können bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Auswirkungen auf den Appetit haben“, sagt Dr. Moritz Herle vom UCL-Great-Ormond-Street-Institut für Kindergesundheit. „Manche gieren bei Stress oder Trauer nach ihrem Lieblingssnack, während sich dieselbe Situation bei anderen als Appetitverlust äußert.“ Die Studie bekräftige frühere Forschungsergebnisse, wonach hauptsächlich die Umgebung beeinflusst, ob Kinder in Stresssituationen dazu tendieren, zu wenig oder zu viel zu essen, so Herle weiter.

Kinder lernen falsches Essverhalten vor allem in der Familie. (Bild: Getty Images)

„Wir wissen noch nicht viel über die Folgen von Frustessen in der Kindheit und seine physischen und psychischen Folgen, weil es keine Studien gibt, die sich mit der langfristigen Entwicklung dieser Kinder beschäftigen“, sagt Dr. Clare Llewellyn vom UCL-Institut für Epidemiologie und Gesundheit. Frustessen könne aber ein Risikofaktor für die spätere Entwicklung von Übergewicht oder Essstörungen sein, glauben die Forscher.
Für die Prävention und Behandlung dieser Krankheiten sei daher essenziell zu verstehen, wie die Tendenz, Essen zur Bewältigung von Gefühlen einzusetzen, im Leben einer Person erstmalig entstehe.

In weiteren Studien wird sich das Forscherteam daher verstärkt mit der häuslichen Umgebung beschäftigen, um so herauszufinden, wie sich Faktoren wie die Essgewohnheiten der Eltern und die Stimmung bei Tisch auf „Emotional Eating“ auswirken.