Empörung über Hochzeitsfoto im Stil von „Handmaid’s Tale“

Ein Hochzeitsfoto, das an dem Drehort von Gileads grausamer Wand gemacht wurde – mit digital eingefügten Frauen in roten Roben – sorgt für Diskussionen. (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Van Daele & Russell)

Social-Media-User haben im Internet das Fotoshooting eines Brautpaares mit dem Motto „Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“ als „unsensibel“ und „neue Plantagen-Hochzeit“ (ein umstrittener Trend, auf ehemals von Sklaven bestellten Plantagen zu heiraten) bezeichnet.

Aber der für das umstrittene Bild verantwortliche Fotograf sagt, es sei dazu gedacht, „Menschen für die Unterdrückung zu sensibilisieren“, die die dystopische Dramaserie und der zu Grunde liegende Roman von Margaret Atwood beschreiben.

Shawn Van Daeles Foto ging viral, nachdem er es auf dem Instagram-Kanal seines Hochzeitsfotostudios geteilt hatte, das er zusammen mit seinem Ehemann Clint Russell in Kanada betreibt.

Das Bild wurde in Cambridge Mill, Ontario, gemacht. Der Ort ist bei Brautpaaren sehr beliebt und ist einer der Drehorte für The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd. Auf dem Foto sieht man die Braut Kendra und den Bräutigam Torsten, wie sie sich vor einer grauen Steinwand küssen. Fans der TV-Serie erkennen diese Kulisse im Mill Race Park von Cambridge Mill als die „Henkers-Wand“, wo diejenigen gehängt werden, die gegen Gileads drakonische Gesetze verstoßen.

Van Daele bestätigt gegenüber Yahoo Lifestyle, dass die „Mägde“ in den roten Roben zu beiden Seiten des Paares später in das Bild eingefügt wurden und keine echten Brautjungfern sind, wie manche Kritiker online spekuliert hatten. Das Paar hatte sich am 27. September das Ja-Wort gegeben.

Die Braut und der Bräutigam haben alle ihre Social-Media-Konten auf privat gestellt und reagieren nicht auf Anfragen für einen Kommentar. Ihr Fotograf sagt jedoch, dass die Aufmerksamkeit für das Paar „überwältigend“ gewesen sei und sie auch traurig gemacht habe.

Van Daele sagt, er war von der Flut der empörten Reaktionen über das Bild überrascht. Er erklärt gegenüber Yahoo Lifestyle, dass er sich „glücklich“ schätze, auf die Probleme aufmerksam machen zu können, die Frauen, Mitglieder der LGBTQ Community und andere Minderheiten haben.

„Es ist zutiefst persönlich und sehr schade, dass die Leute einen attackieren, ohne sich erst einmal genauer damit zu befassen”, sagt er.

„Das Paar wie auch wir selbst sind RIESIGE Fans der TV-Serie (und natürlich auch von dem Buch)“, fügt er als Erklärung zur Inspiration für das Foto hinzu. „Der Bräutigam wollte Fotos an der ‚Henkerswand‘, also schossen wir die Hochzeitsfotos dort. Ich scherzte, man könne ja ein paar Mägde einfügen (das schien die natürlichste Sache, da wir schon mal da waren…ich bin mir sicher, jeder ‚Kreative‘ oder Fotograf hätte genau die gleichen Gedanken gehabt)“.

Es soll ein Wachrütteln sein

Er fügt hinzu: „Das war nicht beabsichtigt, à la ‚Oh, lasst uns ein Handmaid-Fotoshooting machen‘. Dies ist nur ein Foto unter Tausenden von ihrem Hochzeitstag. Das ging ganz schnell im Vorbeigehen, als Tribut an die Serie und den Drehort – da dort gedreht wurde, wo sie geheiratet haben. Es war vor allem als Andenken für sie gedacht…Das war keine „Report der Magd“-Themenhochzeit. Es war einfach IHR HOCHZEITSTAG.“

Er sagt, die beiden waren überrascht, dass das Foto viral ging. Aber er hofft, dass es „Leuten die Augen öffnen wird, wie sie selbst zu der Unterdrückung und dem Hass beitragen, über die sie sich zu Recht aufregen.“

Van Daele kennt man vor allem auch für sein „Drawing Hope“-Projekt für Kinder mit schweren Erkrankungen. Er betont, dass ihm durchaus bewusst sei, was die Serie und deren Bilder repräsentieren.

„Jeder, der solch ein Bild veröffentlicht, ohne zu verstehen, was es impliziert, hat größere Probleme als verärgerte Social-Media-Nutzer”, sagt er. „Als ich das Foto machte, wusste ich, dass es Leute möglicherweise verärgern könnte, aber das ist irgendwie auch die Absicht…um LEUTE WACHZURÜTTELN.

„Wir wissen, dass wir alles gute, mitfühlende Menschen sind, die sich nicht vor voreiligen Schlussfolgerungen rechtfertigen zu brauchen glauben“, fährt er fort. „Wir verstehen die Tragweite der Botschaft der Serie voll und ganz. Deshalb lieben wir die Serie so sehr – so beängstigend es auch ist, dass dies jeden Tag realer wird (besonders wenn man von Kanada aus Richtung USA blickt).“

Elisabeth Moss spielt June in der Hulu-Dramaserie. (Foto: MARK RALSTON/AFP/Getty Images)

Gender-Verräter

In einer Erklärung zu der ganzen Empörung bezeichnen Van Daele und Russell sich selbst als “Gender-Verräter“ (eine Anspielung auf die brutale Behandlung von LGBTQ-Individuen in Gilead) und rufen die Kritiker dazu auf, gegen Diskriminierung zu kämpfen, anstatt sich über ein Foto aufzuregen.

„Es ist traurig, dass alle genauso reagieren, wie erwartet – genau wie in Gilead – und sie verpassen die Chance, selber nachzudenken, sich selber zu informieren und ENGAGIERTE AKTIVISTEN anstatt nur Tastatur-Krieger zu sein. Wir würden euch so gerne als Teilnehmer bei Frauenmärschen auf der Straße sehen – wie ihr gleiche Rechte für alle fordert, unabhängig von deren sexueller Orientierung – und wie ihr viele andere wichtige Anliegen unterstützt, anstatt hier zu sitzen, durch Instagram zu scrollen und sich durch die Kommentare zu arbeiten.“

„Ihr habt also Recht – es ist widerlich, ekelhaft und eine schreckliche Realität, die in der Welt – und mit jedem Kommentar – jeden Tag ‚realer‘ wird. Es gibt kein ‚uns‘ mehr – nur Spaltung und Hass. Keine Neugier mehr, etwas zu lernen, zu helfen, sich aktiv daran zu beteiligen, dass der Zusammenbruch der Menschheit verhindert wird – anstatt immer sofort anzugreifen. Gratulation, dass ihr heute dazu beigetragen habt. Warum genau fühlt ihr euch angegriffen? Habt ihr euch das schon mal gefragt? Und was genau tut ihr dagegen in der echten Welt? Wir freuen uns sehr, dass dies eine Unterhaltung ausgelöst hat! DANKE, dass euch ein Thema berührt, das so viel mehr Aufmerksamkeit verdient.“

Die Heteros sind nicht okay

Leute feiern Geburtstagspartys mit dem Handmaid’s Tale-Motto und fügen Mägde in ihre Hochzeitsfotos ein…

Wir leben in einem wahren Albtraum.

Das Handmaid’s Tale-Hochzeitsfoto war eine Art Banksy-Aktion. Sie wollten damit auf, äh, Probleme in der Gesellschaft und so’n Zeug aufmerksam machen

“Und vergesst nicht – wenn dies ein glückliches Paar umgeben von Superhelden wie Batman und Superman gewesen wäre, dann hättet ihr euch nicht die Mühe gemacht, zu kommentieren. June [die Rolle, die Elisabeth Moss in der Serie spielt] – sowie alle kämpfenden Mägde oder Menschen, die mit etwas kämpfen oder unterdrückt werden – sind die ultimativen Superhelden.“

Die roten Roben und weißen Hauben, die in der Serie zu sehen sind, wurden von vielen Frauenrechtsbewegungen aufgegriffen. Aber die Beliebtheit von The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd führte auch zu einer steigenden Beliebtheit des „sexy“ Magd-Halloween-Kostüms - letztes Jahr wurden diese nach Beschwerden aus dem Angebot genommen – und kontroverser Motto-Partys. Kylie Jenner wurde diesen Sommer dafür kritisiert, dass sie auf der Geburtstagsparty eines Freundes ein von der Handmaid’s Tale inspiriertes Kostüm trug und genauso hagelt es weiter Kritik für das Hochzeitsfoto.

„Die Insensibilität, sich mit einem Hochzeitsfoto auf eine Serie zu beziehen, in der Frauen als Eigentum angesehen werden, ist ziemlich schlimm“, schrieb jemand auf der Van Daele & Russell Facebook-Seite. „Die Insensibilität, Fotos eines Hetero-Hochzeitspaares vor der Wand zu machen, wo Menschen in der Serie gehängt und für andere als Warnung zur Schau gestellt werden, die ‚Verbrechen‘ wie Schwulsein begehen, ist verblüffend.“

„Alle lieben eine gute Hexenjagd”, sagt Van Daele. „Anscheinend sind wir heute ihre Hexe.“

Erin Donnelly