Das Ende von I Care A Lot sollte uns allen zu denken geben

Shannon Carlin
·Lesedauer: 5 Min.

Achtung: Spoiler für das Ende von I Care A Lot direkt voraus!

Der neue, düstere Netflix-Thriller I Care A Lot beginnt mit einer Szene, in der die Betrügerin Marla Grayson (gespielt von Rosamund Pike), die sich als gesetzlicher Vormund von Senior:innen jede Menge Geld erschwindelt, dem Publikum ihr persönliches Lebensmotto präsentiert. „Sich immer schön an die Regeln zu halten ist ein Witz, den sich die Reichen ausgedacht haben, damit der Rest von uns arm bleibt“, erzählt ihre Stimme aus dem Off. „Ich war selbst schon arm. Das passt einfach nicht zu mir.“

Wer danach hofft, Marla könnte sich im Film zu einer Art Robin Hood des 21. Jahrhunderts entwickeln, täuscht sich – und das wird vor allem in den letzten Minuten des Films glasklar. Weil sie es geschafft hat, das System auszutricksen, ist Marla am Ende von I Care A Lot eine reiche Frau – doch kann ihr Geld sie letztlich nicht retten. Stattdessen kostet es sie schließlich sogar das Leben.

Dieses Unhappy End ist der moralische Abschluss der Geschichte eines unmoralischen Charakters; ein überraschender Twist, der dich als Zuschauer:in nach dem Abspann darüber nachdenken lässt, was der Film sowohl über Marla als Person als auch über unsere geldgierige Gesellschaft sagen möchte, in der viele für den richtigen Preis über Leichen gehen würden.

Fakt ist: Marla ist kein guter Mensch – und das weiß sie selbst, wie sie schon in den ersten Minuten des Films klarstellt. „Sowas wie ‚gute Menschen‘ gibt es nicht“, sagt sie, nur „Menschen, die sich etwas nehmen – und Menschen, die genommen werden.“ Diese zwei Kategorien unterteilt sie noch weiter: in Raub- und Beutetiere, in Löwen und Lämmer. „Ich bin eine verdammte Löwin“, verkündet sie stolz.

Allerdings gesteht sie auch, dass das nicht immer so war. Einst dachte sie, harte Arbeit würde ihr den Erfolg und das Glück bringen, das sie sich wünschte; diese Zeiten sind aber längst vorbei. Zum Zeitpunkt des Films ist Marla eindeutig weniger naiv – aber auch eine Soziopathin, die sich ihr Leben finanziert, indem sie das Justizsystem ausnutzt und Senior:innen abzockt. Das scheint ziemlich lukrativ zu sein; aber Marla will mehr. Und so begegnet sie schließlich Jennifer Peterson (Dianne Wiest), einer reichen Rentnerin ohne Kinder. In Marlas Branche nennt man Menschen wie Jennifer eine „Kirsche“ – die Spitze des betrügerischen Sahnehäubchens. Wenn es Marla schafft, Jennifer ihren Reichtum abzuluchsen, kann sie ihr kriminelles Business vielleicht an den Nagel hängen. Jackpot!

Aber natürlich ist Jennifer nicht die gutgläubige alte Dame, für die Marla sie anfangs hält. Tatsächlich hat sie nämlich doch einen Sohn: den irrtümlich für tot erklärten russischen Mafioso Roman Luynov (Peter Dinklage). Und dem liegt seine Mutti am Herzen – vor allem, weil Marla droht, ihn um sein Erbe zu bringen. Diese überraschende Konkurrenz bringt Marla aber nicht aus der Ruhe; stattdessen lacht sie über die 150.000 Dollar, die ihr Roman anbietet, wenn sie Jennifer aus ihren Klauen lässt, und sorgt sogar dafür, dass die arme alte Frau in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wird.

Es kommt, wie es kommen muss: Schließlich lässt Roman Marla kidnappen, und nachdem die beiden erfolglos verhandeln, stürzt er sie in ihrem Auto von einer Klippe in einen Fluss. Das kostet sie jedoch nur einen Zahn – und natürlich lässt ihre Rache nicht lange auf sich warten. Sie verabreicht ihm Drogen und lässt ihn nackt und bewusstlos auf der Straße liegen. Als Roman dann anonym im Krankenhaus landet, übernimmt Marla seine gesetzliche Vormundschaft – und bekommt Zugriff auf sein Geld.

Es ist genau dieses juristische Wissen und die Fähigkeit, das Gesetz zu ihren Gunsten auszunutzen, die Marla so gefährlich macht; das weiß Roman genauso gut wie sie selbst. Also schlägt er ihr einen Deal vor: Wenn sie zusammenarbeiten, können sie gemeinsam ein „landesweites Vormundschafts-Unternehmen“ gründen. Die Worte, die Marla aber letztlich überzeugen, sind diese: „Das ganze Geld, das wir damit machen könnten!“ Mit Dollarzeichen in den Augen lässt sich Marla auf Romans Vorschlag ein – aber dieses Geld blendet sie schließlich.

Mit der Zeit fängt Marla an, wie die Reichen zu denken, die sie einst nur ausrauben wollte. Sie unterschätzt ihre weniger wohlhabenden Feinde, high vor lauter Ruhm und Reichtum auf Kosten anderer. In Interviews erzählt sie von ihrem Erfolg und schreibt ihre eigene Geschichte um – sie sei ein guter Mensch und habe hart gearbeitet, um es so weit zu bringen. In ihrem letzten Monolog geht es schließlich nicht mehr um Jäger und Gejagte, sondern um neue Kategorien: Insider und Außenseiter; Menschen, die gut mit Geld umgehen können, und Menschen, die gut mit anderen Menschen umgehen können. Sie ist eindeutig Ersteres.

Mit Roman an ihrer Seite glaubt sie, niemand könne ihr mehr etwas anbieten, und alles, was sie bis hierhin getan habe, sei völlig gerechtfertigt. Sie vergisst all diejenigen, die für ihren Erfolg leiden mussten – und vor allem diejenigen davon, die ihr gefährlich werden könnten. Insbesondere Feldstrom (Macon Blair), der schon früh im Film darum kämpft, seine Mutter – eines von Marlas Opfern – sehen zu dürfen. In den letzten Szenen des Films kehrt Feldstrom überraschend zurück, um Rache zu nehmen. Er schießt auf Marla und schreit ihr direkt danach ins Gesicht, seine Mutter sei inzwischen tot. „Du hast sie mich nie sehen lassen, also starb sie ganz alleine“, brüllt er. „Du verdammte Bitch!“

Was will uns dieses bittere Finale sagen? Vor allem eins: Unsere kapitalistische Gesellschaft schadet uns allen. Sie zwingt uns dazu, nach ihren Regeln zu spielen, ihr sämtliche Macht zu überlassen und uns untereinander zu bekriegen. Und während Marla und ihre Verbündeten dieses System leidenschaftlich gern für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, vergisst dasselbe System andere völlig – wie Feldstrom. Das System ließ ihn im Stich; also musste er die Dinge selbst in die Hand nehmen, wie es ja auch Marla tat, um die Erfolgsleiter zu erklimmen.

In dieser Geschichte gibt es keine Held:innen, nur Opfer. Feldstrom ist ein Mörder, der den Rest seines Lebens – wie seine Mutter – vermutlich weggesperrt und allein verbringen wird. Und sogar Marla ist letztlich ein Opfer einer Gesellschaft, in der Reichtum über allem anderen steht, wodurch sie ihre betrügerische Karriere als inspirierende Erfolgsstory verkaufen konnte. „Mir liegt einfach vieles sehr am Herzen“, behauptet sie – aber eigentlich geht es ihr dabei nur um ihr Bankkonto, ihre einzige Schwachstelle. Und Marlas tragisches Ende beweist vor allem eins: Selbst Löwinnen können gejagt werden.

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