Enttäuschende Amazon-Bilanz: Der AWS-Boom geht zu Ende

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Plötzlich in Kursturbulenzen: Der einstige Börsenüberflieger Amazon (Foto: © Amazon)


Ernüchterung nach Handelsschluss: Der langjährige Börsenliebling verfehlte bei Vorlage seiner Bilanz für das dritte Geschäftsquartal weitgehend die Erwartungen der Wall Street. Vor allem der Wachstumsgarant AWS schwächelt. Nachbörslich kommt die Aktie unter die Räder.

Es ist kein leichtes Jahr für Amazon-CEO Jeff Bezos. 2019 startete mit einem veritablen Skandal: Der Superstar-CEO wurde vom Klatschblatt National Enquirer mit schlüpfrigen Bildern zu seiner neuen Liebe, der Fox-Moderatorin Lauren Sanchez, erpresst, wegen der er sich schließlich nach 25-jähriger Ehe von seiner Frau MacKenzie scheiden ließ.

Die Folge: Der 55-Jährige ist mit einem Nettovermögen von 110 Milliarden Dollar zwar knapp vor Bill Gates weiter der reichste Mann der Welt, durch die Scheidung allerdings um 38 Milliarden Dollar ärmer. Auch die Hauptquelle seines Vermögens war zuletzt ein Verlustbringer: Amazon-Aktien entwickelten sich in den vergangenen Monaten deutlich schwächer als der breite Markt und notiert im 3-, 6- oder 12-Monatsvergleich im Minus.

Quartalsbilanz enttäuscht auf ganzer Linie

Daran änderte sich auch nach Vorlage des neuen Zahlenwerks für das abgelaufene dritte Quartal, das Amazon heute nach Handelsschluss an der Wall Street präsentierte, nichts. Tatsächlich erlaubte sich der nach Apple, Microsoft und Alphabet nur noch viertwertvollste Konzern der Welt den Luxus, Anleger und Analysten größtenteils zu enttäuschen.

Immerhin: Der Umsatz zog um weitere 24 Prozent auf nunmehr bereits 70 Milliarden Dollar an. Die Wall Street hatte lediglich mit 68,8 Milliarden Dollar gerechnet.

Gewinn bricht um 28 Prozent ein

Doch die Investments in eigene Dienste – wie die neu eingeführten Gratis-Same-Day-Lieferungen für Prime-Kunden – zehren wieder einmal am Gewinn, der mit 4,23 Dollar je Anteilsschein deutlich unter den Erwartungen der Wall Street lag, die mit einem Ergebnis von 4,62 Dollar je Aktie gerechnet hatte.

Unter dem Strich hat der E-Commerce-Gigant in den 92 Tagen von Anfang Juli bis Ende September 2,1 Milliarden Dollar verdient – und damit 28 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, als Amazon noch 2,9 Milliarden Dollar Profit eingefahren hatte. Es war der erste Gewinnrückgang seit mehr als zwei Jahren.

Cloudsparte enttäuscht

Der Konzerngewinn wurde erneut fast im Alleingang von der Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS) bestritten, die im dritten Quartal bei Umsätzen von 9 Milliarden Dollar (ein Zuwachs von 35 Prozent) allein einen operativen Gewinn von 2,26 Milliarden Dollar verbuchte.

Allein: Die Wall Street hatte Umsätze von 9,1 Milliarden Dollar und einen operativen Gewinn von 2,55 Milliarden Dollar erwartet. Besonders alarmierend für Anleger: Der langjährige Wachstumstreiber AWS verliert immer weiter an Dynamik: Im dritten Quartal legte der Gewinn gerade noch um 9 Prozent zu.

Schwacher Ausblick aufs Weihnachtsgeschäft

Und es dürfte kaum besser werden, wie der Ausblick auf das vierte Quartal nahelegt, der nach jeder Lesart die Markterwartungen verfehlte. So stellte CEO Jeff Bezos zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember Umsätze zwischen 80 und 86,5 Milliarden Dollar in Aussicht – die Wall Street hatte jedoch mit Erlösen in Höhe von 87,4 Milliarden Dollar gerechnet.


“Fürchterlicher Umsatzausblick (AWS-Verlangsamung)”, watschte der Hedgefondsmanager Doug Kass den Ausblick aufs laufende Geschäft in einer ersten Einschätzung auf Twitter ab.

Schnellere Prime-Lieferungen “ein langfristiges Investment”

Tatsächlich dürfte auch der Gewinn unter den gestiegenen Investitionen der Prime-Zustellungen am gleichen Tag stärker als bisher erwartet leiden. Bezos taxierte den operativen Konzerngewinn im vierten Quartal nämlich in einer weit gefassten Spanne auf 1,4 bis 2,9 Milliarden Dollar, während Analysten durchschnittlich mit 4,2 Milliarden Dollar im Weihnachtsgeschäft gerechnet hatten.

”Unsere Kunden lieben die Lieferumstellung von zwei auf einen Tag”, erklärte der Amazon-CEO im begleitenden Statement und ergänzte: “Es ist ein großes Investment – und langfristig die richtige Entscheidung.”

Amazon-Aktie schmiert ab

Kurzfristig sahen Anleger das jedoch komplett anders. Die Folge: Die Amazon-Aktie stürzte im nachbörslichen Handel krachend um acht Prozent auf nur noch 1650 Dollar ab.

Allein in den vergangenen drei Monaten hat der einstige Börsenliebling, der im September vergangenen Jahres erstmals die Bewertungsmarke von einer Billion Dollar durchbrach und Anfang 2019 gar kurzfristig zum wertvollsten Konzern der Welt aufstieg, fast 20 Prozent an Wert verloren. Nach dem Kurseinbruch ist Amazons Börsenwert nunmehr auf 820 Milliarden Dollar zusammengeschrumpft.

Jeff Bezos büßt 7 Milliarden Dollar ein

Für Konzernchef Bezos, der nach der Scheidung von Ex-Frau MacKenzie nur noch 12 Prozent am Internet-Pionier hält, hat der Kurssturz unmittelbare Folgen. Buchstäblich über Nacht ist das virtuelle Nettovermögen des 55-Jährigen um mehr als 7 Milliarden Dollar geschrumpft.


Bleibt es zur Handelseröffnung am Freitag beim Ausverkauf in diesen Dimensionen, würde Bezos den Titel des reichsten Mannes der Welt nach zweijähriger Regentschaft wieder verlieren – an Microsoft-Gründer Bill Gates, dessen Nettovermögen Forbes auf 105,7 Milliarden Dollar beziffert.