Was erwarten Frauen eigentlich von Umstandsmode?

Naomi Attwood
·Lesedauer: 10 Min.

Eine Schwangerschaft ist alles andere als ein Spaziergang: von den Strapazen der Wehen, über schreckliche Geburtsanekdoten, die du am liebsten für immer aus deinem Gedächtnis verbannen würdest, bis hin zu der Herausforderung, dich mit deiner besseren Hälfte auf einen Namen für euer Baby zu einigen. Dir Gedanken darüber zu machen, was du anziehen sollst, erscheint im Vergleich zu den massiven Veränderungen, die du gerade durchmachst, eher unwichtig. Bei näherem Hinsehen aber wirst du bemerken, wie eng verflochten dein persönlicher Wandel und deine Garderobe sind.

Im vergangenen Jahr haben Prominente wie Chloë Sevigny, Gigi Hadid oder Lena Gercke sowie unterschiedliche Influencerinnen modische Aussagen mit ihrem Babybauch gemacht. In der Zwischenzeit haben Nike und SKIMS spezielle Umstandskollektionen vorgestellt. Ist es aber überhaupt möglich, sich während einer Schwangerschaft gut zu kleiden? „Lange Zeit vernachlässigten Marken Umstandsmode komplett, weshalb werdende Mütter bei der Kleiderwahl nur sehr wenige Optionen hatten“, erklärt Morgane Le Caer, Einzelhandelsdaten-Expertin bei Lyst. „Dadurch, dass Promis ihre Schwangerschaft in der Öffentlichkeit stolz zur Schau stellten, bekam Umstandsmode viel mediale Aufmerksamkeit und trat so aus dem Schatten hervor.“ Das hat sich auch auf die Modewelt ausgewirkt. Le Caer hebt hervor, dass es in dieser Fashion-Kategorie jetzt mehr Auswahl gibt als je zuvor. Influencerinnen, die während ihrer Schwangerschaft aber immer noch herkömmliche Mode tragen, beweisen, dass weiterhin eine Marktlücke für trendorientierte Angebote besteht.

Africa Daley-Clarke, kreative Leiterin von @thevitamindproject, hat drei Kinder und ihren Stil im Laufe der Zeit so verändert, dass er sich jetzt allen möglichen Umständen anpassen lässt – von Schwangerschaften über die Stillzeit bis hin zum „nicht enden wollenden vierten Trimester“. Sie mixt Over-Size-Looks mit Teilen ihrer Lieblings-„Slow-Fashion“-Marken. So konnte sie Umstandsmode ganz gut vermeiden (mit Ausnahme von BHs). Africa trägt eine Hose der spanischen Marke Monica Cordera – mit zeitlosem, weitem Bein, die prinzipiell in einer Einheitsgröße erhältlich, aber an die Größen 34 – 42 anpassbar ist (nützlich, wenn dir diese Größen passen) –, die sie mit übergroßen Shirts und Strickmode wie den Popcorn-Pullovern von Misha & Puff kombiniert.

Olivia Purvis, Bloggerin und Podcasterin bei @livpurvis, konnte ihre Alltagsgarderobe während der Schwangerschaft mit ihrem ersten Baby ganz gut an ihre neue Lebenssituation anpassen. Ihr Geschmack ist nämlich auch so schon auf „Smock- oder Maxikleider mit A-Linie im Vintage-Stil, die sich gut mit robusten Strumpfhosen kombinieren lassen“, ausgerichtet. Außerdem stöberte sie sich zu der Zeit durch viele Secondhand-Läden und wählte dabei größere Größen und „Kleidung, die sich wickeln und zuknöpfen ließ“, aus. Zu Olivias Lieblingsbrands gehörten damals Indiemarken wie April Meets October, Clary & Peg und Moon Mama Vintage sowie Monki. Leider musste sie sich aber von ihrem „unpraktischen Vintage-Favoriten mit Piecrust-Kragen von Laura Ashley“ trennen.

Modedesignerin Doone Murphy brachte ihre eigene Linie, Doone London, auf den Markt, damit Frauen stillen können, ohne dabei ihren persönlichen Stil aufgeben zu müssen. Doone, die sich selbst als „kleidersüchtig“ beschreibt und „jeden Tag ein Kleid trägt“, musste sich bei Veranstaltungen in Badezimmern verstecken, um ihrem Baby die Brust geben zu können. Ihre Outfits erlaubten es ihr nicht, öffentlich zu stillen. Das inspirierte sie dazu, eine Reihe sehr femininer, bedruckter Maxikleider (nicht nur als Umstandsmode gedacht) mit Button-down-Vorderseite zu kreieren. Diese bieten einen einfachen Brustzugang und eignen sich so perfekt fürs Stillen – sind aber auch ohne Baby total tragbar.

Neben Over-Size-Modellen sind während einer Schwangerschaft auch gestrickte Kleidungsstücke zu empfehlen, da sie sich exzellent an unterschiedliche Körpergrößen anpassen, bemerkt Autorin und Sprecherin Katherine Ormerod, die drei Schwangerschaften hinter sich hat. „Ich trug eine Menge geriffelte Strickröcke und -hosen“, sagt sie. „Stretch-, geraffte und geriffelte Kleider und Einzelteile von Rixo, H&M und Club Monaco in meiner üblichen Größe erfüllten ganze 40 Wochen ihren Zweck.“

Mit Babybauch sind formelle Anlässe eine etwas heiklere Angelegenheit. Für solche Situationen empfiehlt Katherine Isabella Oliver: „Ich liebe ihre elastischen Kleider. Sie sitzen wie angegossen und haben mich durch alle drei Schwangerschaften gebracht. Es lohnt sich, in ein wirklich gutes Stück zu investieren, das du ausgezeichnet mit deinen normalen Jacken und Mänteln kombinieren kannst.“ Alternativ rate ich zu einer schlichten schwarzen Hose und einem anschmiegsamen weißen Button-down-Hemd, die du mit einem schicken Mantel oder Sakko tragen kannst – egal, ob du ihn noch schließen kannst oder nicht.

Plus-Size-Frauen haben es während einer Schwangerschaft schwerer, das Richtige zum Anziehen zu finden, erklärt Marie Southard Ospina, Autorin und Redakteurin. Nachdem sie bei ihrem ersten Kind einfach noch ihre „üblichen Swing-Kleider“ tragen konnte, machte sich der Babybauch bei ihrer zweiten Schwangerschaft früher bemerkbar. „Ich nahm nicht nur am Bauch, sondern auch anderswo viel mehr Gewicht als beim ersten Mal zu. Meine Größe ist 52/54 und ich musste mich damit abfinden, dass es keine Plus-Size-Umstandsmode gab. Für jemanden wie mich gab es keine Möglichkeit, Kleidung zu finden, die auf den sich verändernden Körper einer Schwangeren abgestimmt war.“ Infolgedessen machte Marie ihre normale Kleidung schwangerschaftstüchtig. „Ich wählte Teile aus, die eine Nummer größer waren, und akzeptierte einfach die Tatsache, dass sie schlecht passen und eng am Bauch anliegen würden. Bei ASOS Curve habe ich einen wunderbaren Jumpsuit gefunden, der an allen richtigen Stellen gut saß und den ich sehr mochte.“ Andere Lieblingsmarken von Marie sind Loud Bodies und Isolated Heroes. „Indiemarken und -Designer:innen kreieren oft die interessantesten Modelle in Übergröße. Mein Stil ist gemischt, aber im Allgemeinen liebe ich bunte, auffällige Stücke, wie auch vintage- und pin-up-inspirierete Silhouetten.“

Carmen Zolman, Design-Abteilungsdirektorin bei Nike, wollte bei der Arbeit an der Umstandslinie der Marke, die letztlich zum Marktrenner wurde, mehrere Anforderungen erfüllen. Zu Beginn wurde eine Analyse von mehr als 150.000 Körper-Scans von Frauen weltweit durchgeführt, um festzustellen, wie sich die Figur während der Schwangerschaft verändert. „Außerdem arbeiteten wir während des gesamten Design-Prozesses eng mit 30 Sportlerinnen zusammen, die zu dem Zeitpunkt entweder schwanger waren oder gerade ein Baby zur Welt gebracht hatten. So konnten wir herausfinden, was die Bedürfnisse dieser Frauen waren und ihre Anregungen und Ideen zusammentragen“, erklärt sie. Während dieses dreijährigen Projekts wurden mehr als 70 verschiedene Materialien getestet, um für jeden Bereich das Richtige zu verwenden. Aus ihrer eigenen Erfahrung als Schwangere erinnert sich Zolman an folgendes Erlebnis: „Ich weiß noch, dass ich in einer Umkleidekabine war und mich nicht wohl in dem fühlte, was ich anhatte. Die meisten Optionen, die mir zur Verfügung standen, hatten Rüschen an der Seite, waren aus unbequemen Materialien gemacht oder die Schnitte waren einfach nicht schmeichelhaft. Schlechtes Design sollte eine Frau niemals daran hindern, aktiv und gesund bleiben zu können – besonders während und nach der Schwangerschaft.“

Aus finanzieller Sicht und der Umwelt zuliebe ist es sinnvoll, jene Kleidung zu tragen, die du bereits im Kleiderschrank hast, und nur das zu kaufen, was du auch länger als sechs Monate behalten möchtest. „Nachhaltigkeit sollte für jede Marke, die auch Umstandsmode anbietet, eine wichtige Rolle spielen“, meint Francesca Muston, Mode-Vizepräsidentin beim Trendforschungsunternehmen WGSN. „Wir werfen Produkte viel früher weg, als wir eigentlich sollten.“ Sie ist der Meinung, dass anpassbare Produkte, die während der Schwangerschaft und darüber hinaus getragen können, unerlässlich sind. Diese sollten es der Trägerin ermöglichen, zu stillen. Außerdem sollten sie für Komfort nach einer Operation sorgen und aus waschbaren Materialien sein.

Selena Williams, Vintage-Händlerin und Kuratorin bei @Selenasshop war während ihrer Schwangerschaft ständig in farbenfrohe Vintage-Stücke gekleidet. „Meine Schwangerschaft erwies sich als der perfekte Moment, um mit verschiedenen Looks und Stilen herumzuexperimentieren, die zu meinem sich ständig verändernden, wachsenden Körper passten. Helle Farben hellten meine Stimmung immer ein wenig auf. Die Top-Must-haves in meinem Schwangerschaftskleiderschrank sind bequeme Leggings mit hoher Taille, Hosen mit elastischem Bund, übergroße Strickwaren und Latzhosen. Zu Beginn meiner Schwangerschaft googelte ich Umstandshosen und Leggings und stieß dabei nur auf langweilige, überteuerte Teile.“ Ihr Tipp? „Kauf alles ein paar Nummern größer! Es gibt tonnenweise Secondhand-Modelle, die nicht die Welt kosten.“

„Nachdem ich meinen Ältesten bekommen hatte, rebellierte ich aktiv gegen die Vorstellung, dass Mütter sich anständig oder bescheiden zu kleiden haben“, sagt Marie. „Ich färbte mir meine Haare damals knallrot, holte dunkle, punkige Lippenstifte hervor und trug meinen goldenen Trenchcoat aus Satin. Ich wollte weder mich selbst noch meinen Enthusiasmus dafür, mich durch Kleidung ausdrücken zu können, verlieren. So wurde mein Look noch extravaganter.“ Beim zweiten Mal jedoch „war ich einfach unglaublich müde. Ich hatte ein Kleinkind und ein Baby, dazu kam die Arbeit (da ich selbstständig bin, konnte ich keinen längeren Mutterschaftsurlaub nehmen). Ich hatte auf einmal keine Energie mehr, um mit Kleidung und Make-up herumzuexperimentieren, und trug schließlich nur mehr Leggings und Kapuzenpullover.“

Afrika erzählt: „Was meine Garderobe betrifft, so gehe ich sehr bewusst vor. Größtenteils habe ich immer in gute Qualität und Übergangsteile investiert.“ Sie fügt hinzu: „Mittlerweile habe ich mich mit der Tatsache abgefunden, dass mein Körper noch kein einziges Mal in meinem dreißigjährigen Leben aufgehört hat, sich zu verändern. Eine Schwangerschaft ist da kein Ausnahmefall und es gibt keinen Grund dafür, mich an die Hoffnung zu klammern, jemals wieder so auszusehen wie eine frühere Version von mir.“

Katherine bemerkte, wie sehr es den persönlichen Stil durcheinanderbringen kann, wenn sich deine Figur verändert. „Wenn ich nicht schwanger bin, habe ich eine Körbchengröße von 70B. Als ich stillte, betrug sie aber 75E. Es dauerte weit mehr als ein Jahr, bis ich wieder meine Originalgröße hatte. Selbst dann war mein Körper aber nicht mehr derselbe“, erklärt sie. „Wenn du dich ausgelaugt fühlst, Milch aus deiner Brust tropft und du verdammt erschöpft bist, hast du nicht unbedingt die größte Lust, sexy Sachen zu tragen! Das ändert sich zum Glück aber nach einiger Zeit wieder.“

„Was du trägst, kann einen großen Einfluss darauf haben, wie du dich fühlst. Da dein Körper während der Schwangerschaft und Stillzeit Veränderungen durchgemacht hat und sich immer noch in einem Wandel befindet, ist es unglaublich wichtig, dich in einem qualitativ hochwertigen Kleidungsstück pudelwohl zu fühlen“, sagt Doone. „Meiner Meinung nach gibt es nicht ausreichend hochwertige, elegante und nachhaltig und ethisch hergestellte Umstandskleidung. Ich hoffe, dass ich mit meinen Kleidern einen kleinen Teil dazu beitragen kann, diese Umstände zum Besseren zu wenden.“

Trotz einer Reihe gut situierter Promis und Influencerinnen, die uns mit ihren Babybauch-Looks in Erstaunen versetzen, und Marken, die beeindruckende Umstandskollektionen anbieten, klafft immer noch eine Lücke zwischen dem, was Schwangere tragen wollen, und dem, was auch tatsächlich verfügbar ist. Die Tatsache, dass es praktisch keine Umstandsjeans (ein Kleidungsstück, das sich nur schwer an körperliche Veränderungen anpassen lässt), die nicht im Skinny-Stil sind, kam immer wieder zur Sprache, als wir Frauen fragten, was sie denn gerne auf dem Markt sehen würden. Umstandsmode ohne Größenbeschränkung scheint derzeit also noch ein echter blinder Fleck in der Fashion-Branche zu sein. Um dir aus dieser Klemme zu helfen, reichen andererseits aber auch bloß ein wenig Kreativität (der Gummibandtrick ist aus gutem Grund ein beliebter Hack) und etwas Experimentierfreude beim Stylen deiner Lieblingsstücke aus der Zeit vor deiner Schwangerschaft. Das Tolle an dieser „Notlösung“ ist zudem, dass sie nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Geldbörsen und unserem Planeten zugutekommt.

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