Mein Ex infizierte mich mit HIV. Wie ich lernte, damit umzugehen

Nick Levine
·Lesedauer: 6 Min.

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um Körperverletzung und Suiziddrohungen.

Im Jahr 2019 schätzte das Robert-Koch-Institut die Anzahl der HIV-positiven Personen in Deutschland auf rund 90.700. Etwa 20 Prozent von ihnen sind Frauen – ein beachtlicher Anteil der HIV-Patient:innen, die bis heute oft in Vergessenheit geraten, weil HIV bzw. AIDS in den 1980ern als „Schwulenpest“ verteufelt wurde.

Vielen Nicht-Betroffenen ist dabei heute auch gar nicht bewusst, wie sehr sich die Behandlungsmöglichkeiten seit damals verbessert haben. Fast alle Patient:innen (96 Prozent) sind durch die rechtzeitige Medikamenteneinnahme gar nicht mehr infektiös; die meisten HIV-Infektionen werden tatsächlich von Erkrankten übertragen, die von ihrer Krankheit selbst gar nichts wissen. Das waren in Deutschland laut RKI-Schätzungen 2019 rund 10.800 Menschen.

Becky aus England lebt seit sechs Jahren mit ihrer HIV-Diagnose. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Ich lernte Simon gegen Ende 2011 im Fitnessstudio kennen. Ich wollte mit dem Krafttraining anfangen und er bot mir seine Hilfe an. Danach gingen wir zusammen einen Kaffee trinken; er wirkte nett. Wir kamen kurz darauf zusammen, aber schon früh wurde mir klar, dass er ein paar Probleme hatte. Immer wieder sagte er sowas wie: „Wenn du mich je verlässt, bringe ich mich um.“ Er war teilweise echt schwierig.

Ich bin ein vernünftiger Mensch, also verhüteten wir anfangs noch mit Kondom. Dann fing Simon irgendwann an, sich zu beschweren: „Ich mag Kondome nicht so.“ Er versicherte mir, er sei gesund. Also ließ ich mich auf ungeschützten Sex mit ihm ein, weil ich ihm glaubte. Schließlich waren wir beide in unseren späten 30ern und in einer monogamen Beziehung. Ich hatte damals ja keine Ahnung, dass er mir ein wichtiges Detail von sich selbst verheimlicht hatte. Aber du kannst ja nicht immer davon ausgehen, dass dich alle anlügen, oder?

Nach etwa sechs Monaten unserer Beziehung schrieb mir eine von Simons Exfreundinnen auf Facebook eine Nachricht. Sie erzählte mir, er sei seit Jahren HIV-positiv, würde seine Medikamente aber nicht regelmäßig nehmen. Ein paar Wochen davor war ich selbst krank geworden – und irgendwie wusste ich genau, was das bedeutete. Ich machte also einen Arzttermin aus, ließ mein Blut testen… und tatsächlich: Ich war HIV-positiv.

Ich war wütend, verwirrt, und hatte keine Ahnung, wie um alles in der Welt ich das meiner Mutter und meinen Freund:innen erzählen sollte.

Unsere Beziehung ging danach nicht direkt in die Brüche; ich schätze, ich stand einfach noch zu sehr unter Schock. Simon war außerdem ein ziemlich manipulativer Typ und sagte mir immer wieder Sachen wie: „Irgendwas stimmt nicht mit dir. Ich hab schließlich nie jemand anderen angesteckt.“ Irgendwann schaffte ich es aber doch, die Beziehung zu beenden, und ein paar Jahre danach landete Simon im Gefängnis, weil er nicht nur mich, sondern auch eine andere Frau infiziert hatte. Damit hatte er gefährliche Körperverletzung begangen.

Und wie ging es mir mit meiner Diagnose? Direkt danach war mein erster Gedanke: Ich habe so viele Rad- und Lauf-Events geplant, ich will jetzt nicht krank werden. Der Arzt sagte mir, es würde mir körperlich gut gehen, betonte aber auch, dass der mentale und emotionale Aspekt der Diagnose schwierig werden könnte. Er hatte Recht: Ich war wütend, verwirrt, und hatte keine Ahnung, wie um alles in der Welt ich das meiner Mutter und meinen Freund:innen erzählen sollte. Ich konnte nicht fassen, dass mir Simon das Recht genommen hatte, über mein eigenes Leben zu bestimmen.

Als ich mich schließlich überwand und meinem Freundeskreis von meiner Diagnose erzählte, reagierten viele schockiert. „Wie zur Hölle konnte dir das passieren? Du bist so gesund, so vernünftig!“ Und meine Mum war natürlich am Boden zerstört. Sie sagte: „Als Mutter wünschte ich mir, ich könnte dir das irgendwie abnehmen – aber ich kann nichts tun.“ Sie hatte Simon nie sonderlich leiden können und war so wütend, dass er mir das angetan hatte. Mit der Zeit war sie aber, glaube ich, stolz darauf, wie ich mit alldem umging.

Ich wusste, dass ich irgendwie damit würde klarkommen müssen; denn was wäre meine Alternative? Mich irgendwo vor der Welt zu verstecken?

Ich bin ein ziemlich sturer Mensch, also zog ich mein Ding einfach weiter durch. Ich wusste, dass ich irgendwie damit würde klarkommen müssen; denn was wäre meine Alternative? Mich irgendwo vor der Welt zu verstecken? Ich liebe das Leben – dazu würde ich es also nicht kommen lassen. Ich schätze, auch meine Leidenschaft für Sport half mir dabei, meine Diagnose zu akzeptieren. Ich unterrichtete weiterhin Spinning- und Kettlebell-Kurse und führte Laufgruppen an. Ich wollte einfach wie gehabt mein Leben weiterleben.

Sechs Jahre sind seitdem vergangen, und mein Leben hat sich kaum verändert. Ich muss heute bloß mehr berücksichtigen: Jeden Tag nehme ich meine Tablette – bis ans Ende meiner Tage. Gegenüber neuen Partnern gehe ich mit meiner Diagnose immer sehr offen an. Meine letzte Beziehung war mit jemandem, den ich ohnehin vorher schon lange gekannt hatte; daher war das da auch gar kein Problem. Er wusste ja, dass ich vernünftig bin und meine Medikamente nehme, und machte sich deswegen gar keine Sorgen. Er war einfach bloß sehr traurig darüber, dass mir das überhaupt passiert war.

Ich finde, das Thema HIV wird immer noch enorm stigmatisiert. Beim Radfahren verletzte ich mich vor ein paar Jahren am Bein, und als der Arzt in der Notaufnahme „HIV-positiv“ in meiner Krankenakte las, fragte er mich, ob ich mir intravenöse Drogen spritze – direkt vor meiner Mutter. Das schockierte mich echt; als Mediziner hätte er es eigentlich besser wissen sollen, anstatt mir dieses Vorurteil um die Ohren zu hauen. Vor allem, weil er sich meine Akte auch einfach besser hätte durchlesen können. Da steht schließlich, wie ich mich infiziert habe.

Manche denken außerdem bis heute, du könntest dich bei jemandem mit AIDS anstecken. Das stimmt natürlich nicht; AIDS kannst du nicht einfach so kriegen – HIV schon. Viele glauben bis heute fälschlicherweise: „Oh, du bist HIV-positiv? Dann wirst du wohl bald sterben“, und sehen dich dann mit diesem mitleidigen Blick an. Dabei will ich dieses Mitleid gar nicht haben. Mein Leben läuft super, danke! Und dank meiner Medikamente habe ich außerdem dieselbe Lebenserwartung wie alle anderen auch.

Ich glaube, dass viele Frauen der Meinung sein, HIV würde für sie nie zum Problem werden. Und ich muss zugeben: Vor meiner Diagnose hatte ich auch nie geglaubt, HIV könnte sich jemals auf mein Leben auswirken. Darauf solltest du dich aber nie verlassen – und wenn du auch nur den Hauch eines Zweifels an deiner Gesundheit hast, lass dich bitte testen. Weil ich von meinem Risiko ziemlich schnell erfahren hatte, konnte ich mich behandeln lassen, bevor die Krankheit ausbrechen konnte. So habe ich es geschafft, die Situation unter meine Kontrolle zu bringen – und mein Leben so weiterzuleben, wie ich es mir wünsche.

Du brauchst Informationen und Unterstützung im Zusammenhang mit HIV und AIDS? Du kannst dich telefonisch (unter 0180 33 19411), online oder persönlich von der Deutschen Aidshilfe beraten lassen.

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