"Fakten statt Furcht": Kanadischer Arzt schreibt eindringlichen Facebook-Beitrag zum Coronavirus

Millionenfach geteilt und mit hunderttausenden Reaktionen versehen: Der Facebook-Beitrag von Abdu Sharkawy ist in wenigen Tagen um die digitale Welt gegangen.

N-95-Atemschutzmasken wurden, so schreibt es der Infektions-Spezialist Abdu Sharkawy in seinem viralen Facebook-Text, aus Krankenhäuser gestohlen. Foto: Symbolbild / gettyimages / dontree_m

Ein kanadischer Arzt hat in einem langen Facebook-Beitrag die Coronavirus-Hysterie angeprangert und damit offenbar den Zeitgeist getroffen. Sein Text wurde mittlerweile über 1,7 Millionen Mal geteilt. Abdu Sharkawy ist laut Yahoo UK Spezialist für Infektionskrankheiten und lebt in Toronto.

„Ich habe keine Angst vor Covid-19“

Seinen Text beginnt Sharkawy mit seiner 20-jährigen Berufserfahrung: Er habe in städtischen Krankenhäusern gearbeitet und in den ärmsten Slums von Afrika. Dabei habe er Patienten und Patientinnen mit HIV, Hepatitis, Tuberkulose, SARS, Masern, Gürtelrose, Keuchhusten und Diphterie behandelt. Mit Ausnahme des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms, SARS, habe er sich in all der Zeit nie verwundbar, überfordert oder eben verängstigt gefühlt.

Und auch jetzt ist er das nicht. Er schreibt: „Ich habe keine Angst vor Covid-19.“ So heißt die Krankheit, die durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöst wird. Klar ist Sharkawy besorgt aufgrund der Auswirkungen der neuen Infektionskrankheit. Vor allem macht er sich Sorgen um das Wohlergehen älterer Menschen oder um Menschen mit Vorerkrankungen. Das sind die Risikogruppen. Doch Angst, die habe er vor dem Coronavirus nicht.

Wer zahlt den Preis für überfüllte Krankenhäuser?

Was ihm allerdings Angst bereite, sei die schwindende Vernunft und die steigende Angst. Beides versetze große Teile der Gesellschaft in Panik und führe dazu, dass obszöne Mengen an Nahrung und Hygieneartikeln gehortet würden. So viel, dass es ausreiche, einen Luftschutzbunker für postapokalyptische Zeiten zu füllen. „Ich habe auch Angst, weil N-95-Atemschutzmasken aus Krankenhäusern und Notfallkliniken gestohlen werden. Also von der Front der Gesundheitsversorgung, wo sie eigentlich benötigt werden, und stattdessen in Flughäfen und Einkaufszentren und Cafés getragen werden, wo sie zu noch mehr Angst und Misstrauen führen.“

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Auch bereite es ihm Sorge, dass Krankenhäuser überlaufen seien mit Menschen, die denken würden, sie „haben wahrscheinlich nicht das Coronavirus, aber ich kann mich ja trotzdem mal untersuchen lassen, weil, man weiß nie“. Und dass gleichzeitig Menschen mit Herzinsuffizienz, Emphysemen, Lungenentzündungen und Schlaganfällen den Preis für überfüllte Wartezimmer zahlen müssten.

„Angst bereitet mit auch, dass Reisebeschränkungen immer weiter ausgedehnt werden, bis Hochzeiten abgesagt, Schulabschlüsse verpasst und Familientreffen abgesagt werden müssen“, schreibt Sharkawy. Und die Entwicklung an den Börsen ängstigt ihn: Dass die Coronavirus-Epidemie den Handel weiter einschränke, damit Unternehmenspartnerschaften schade und vielleicht zu einer erneuten globalen Rezession führe.

Die eigentliche Katastrophe: Der Kampf für sich selbst und nur für sich selbst

„Am meisten Angst aber habe ich Angst davor, welche Botschaft wir gerade unseren Kindern vermitteln, wenn sie einmal selbst mit einer Bedrohung konfrontiert sind. Statt Vernunft, Rationalität, Weltoffenheit und Selbstlosigkeit machen wir ihnen gerade vor, dass Panik, Furcht, Misstrauen, Egoismus und reaktionäres Verhalten richtig ist.“

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Covid-19 ist noch lange nicht vorbei, da ist sich Sharkawy sicher. Die Krankheit wird sich weiter ausbreiten, deshalb empfiehlt er den Lesern und Leserinnen seines Beitrags: „Sie müssen damit rechnen, dass ein Freund oder eine Freundin, vielleicht sogar ein Familienmitglied, erkrankt.“ Die Fakten zeigten aber, dass nicht das Virus großen Schaden anrichte. Sondern die Menschen, die einen Kampf führten für sich selbst und nur für sich selbst. Deren Haltung könnte die wirkliche Katastrophe sein.

Kindern ein Vorbild sein

Sharkawy endet seinen Text mit den folgenden Sätzen:

Deshalb flehe ich Sie an: Lassen Sie Vernunft walten und nicht Angst, über Sie sich in Geduld und verbreiten Sie keine Panik, vertrauen Sie auf Bildung statt auf Unwissenheit. Wir haben jetzt die Chance, viel über Gesundheitshygiene zu lernen und wie wir als Gesamtgesellschaft die Ausbreitung von übertragbaren Krankheiten begrenzen können. Lassen Sie uns gemeinsam diese Herausforderung meistern und uns dabei von Mitgefühl und von Geduld leiten. Bemühen wir uns um Wahrheit, Fakten und Wissen – und nicht um Vermutungen, Spekulationen und Übertreibungen. Fakten statt Furcht. Und Hände waschen nicht vergessen. Unsere Kinder werden es uns danken.

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