Werbung

"Familien funktionieren wie Gesellschaften": Wie politische Gräben bis ins Private reichen

Deutschland streitet - und scheint sich dabei immer mehr in verschiedene Lager aufzuspalten. Woher kommen die Filterblasen? Und ist Versöhnung möglich? (Bild: KTStock)
Deutschland streitet - und scheint sich dabei immer mehr in verschiedene Lager aufzuspalten. Woher kommen die Filterblasen? Und ist Versöhnung möglich? (Bild: KTStock)

Es brodelt in Deutschland. Die Gesellschaft scheint gespalten, politisch, sozial und kulturell. Woher kommen die Verwerfungen, die unsere Debatten prägen - und oft bis in die Familien reichen? Die ZDF-Doku "Die Streitrepublik" liefert aufschlussreiche Einblicke in die Filterblasen der Republik.

Wut, Unzufriedenheit und Protest prägen das aktuelle Bild unserer Gesellschaft. Unserer? Was bedeutet das eigentlich angesichts der vielfach konstatierten Spaltung des Landes? Deutschland 2023 erscheint als ein Land im Wandel, eine Nation in der Krise, geprägt von tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten und einer zunehmend spürbaren Unzufriedenheit. Ob es um die Klimakrise oder die Ampelkoalition geht, ob um Geflüchtete oder Ungeimpfte: Einigkeit scheint in den deutschen Debatten seit einiger Zeit nur darüber zu herrschen, dass Empörung und Eskalation zunehmen. Doch was hat es mit der Veränderung der hiesigen Diskussionskultur wirklich auf sich? Die ZDF-Dokumentation "Die Streitrepublik" (Donnerstag, 24. August, 22.15 Uhr) nimmt sich des breiten Themas an und blickt anhand zweier Familien hinter die sichtbaren und versteckten sozialen, politischen und kulturellen Linien.

"Was ist noch wahr, was denkt der Bürger, wo steuern wir hin?" - Diesen Fragen wollen sich die Filmemacher Melanie Haack und Peter Kunz nähern. Ihre Dokumentation soll einen Blick in die Filterblasen liefern, die unser Leben prägen. Der vielfach diagnostizierten Analyse einer "Spaltung" stehen sie jedoch kritisch gegenüber: Je mehr man derlei Begriffe benutze, "desto mehr trägt man möglicherweise dazu bei, dass so eine Empfindung zur Wirklichkeit wird", sagt Kunz dazu auf Nachfrage.

Tatsache sei jedoch, "dass wir eine nervöse Republik sind, mit vielen Streitlinien in Zeiten sich stapelnder Krisen. Wir spalten uns vor allem, wenn es uns nicht gelingt, sachlich zu streiten und einander zuzuhören, statt sich niederzubrüllen und in den eigenen Filterblasen zu bleiben".

Symbolische Filterblase: Die Doku "Die Streitrepublik" widmet sich im ZDF den gesellschaftlichen Gräben, die bis in die Familien reichen.
 (Bild: ZDF/Zeljko Pehar)
Symbolische Filterblase: Die Doku "Die Streitrepublik" widmet sich im ZDF den gesellschaftlichen Gräben, die bis in die Familien reichen. (Bild: ZDF/Zeljko Pehar)

Der Film "zeigt ungeschminkt, woran sich schon Familien politisch abarbeiten"

Doch worüber streiten wir derzeit eigentlich am meisten? "Sehr vereinfachend zusammengefasst: Über die Frage einer offenen oder einer abgeschotteten Gesellschaft", so befinden die Autoren. Es geher darum, wie wir mit den derzeitigen Veränderungen umgehen und wie weit unsere Toleranz reicht. Natürlich streite man konkret auch über Themen wie das Heizungsgesetz, das Gendern und die Migration. "Aber es geht doch letztlich überall um Sicherheit und Berechenbarkeit. Wie sicher darf ich mich fühlen? In meiner Nachbarschaft, finanziell, bei den gelernten und anerzogenen Konventionen. Wie offen bin ich für andere und Anderes in einer Welt, die mich täglich mit Unbekanntem und Unerwartetem neu herausfordert?", erläutern Kunz und Haack.

Anhand zweier Familien, die von den Filmemachern porträtiert und interviewt werden, will die sehenswerte Dokumentation die Gräben unserer Gesellschaft ausleuchten. Hier, in den Familien, die Geborgenheit und Sicherheit bieten sollen, beginnt "Die Streitrepublik". Die Kamera begleitet eine Mutter und ihren Sohn aus Westdeutschland sowie einen Vater und dessen Tochter aus dem Osten. Verschiedene Konfliktlinien, die im Kleinen illustrieren, was im Großen passiert. "Dieser Film beruht nicht auf repräsentativen Umfragen. Er ist auch nicht nur ausgewogen. Er zeigt ungeschminkt, woran sich schon Familien politisch abarbeiten und was das für den Diskurs in der ganzen Gesellschaft bedeutet", so Kunz.

Heiko und Rebecca, Vater und Tochter aus dem Osten Deutschlands: Er ist Protestwähler, sie macht den Stimmzettel ungültig. (Bild: ZDF/Zeljko Pehar)
Heiko und Rebecca, Vater und Tochter aus dem Osten Deutschlands: Er ist Protestwähler, sie macht den Stimmzettel ungültig. (Bild: ZDF/Zeljko Pehar)

"Hier beginnt die Gratwanderung der Toleranz"

Und abarbeiten müssen sich die Familien im Film an so einigem. So etwa Protagonistin Christiane, die 1980 die Grünen mitbegründete und sich nun regelmäßig mit ihrem Sohn Kris bisweilen heftig auseinandersetzt. Weil der als AfD-Funktionär in Nordrhein-Westfalen arbeitet, sind die Fronten verhärtet. "Manchmal schreien wir. Manchmal lachen wir. Manchmal trennen wir uns auch in Wut", beschreibt Christiane die oft harten Konflikte. "Es macht was mit Familienangehörigen, trotz größter Differenzen einen Umgang miteinander finden zu müssen", sagt Kunz: "Familie bleibt und muss sich aushalten. Hier beginnt die Gratwanderung der Toleranz".

So ist es auch in der zweiten vorgestellten Familie, die uns in den Osten der Republik führt, genauer ins thüringische Eisenach. Porträtiert wird Vater Heiko, der sich selbst als "gelernten DDR-Bürger" bezeichnet und heute aus Protest die AfD wählt - und das, obwohl ihm als "Arbeiterkind" die SPD näher stehen würde, wie er sagt. Heute fehle ihm die Anerkennung der Lebensleistungen der Ostdeutschen, so Heiko. Derweil treiben seine 1990 geborene Tochter Rebecca andere Dinge um. Sie glaubt, "dass man fast gar nicht groß Pläne machen kann, weil die Situation das nicht hergibt. Gerade für die jungen Leute. Sei es finanziell, sei es durch solche Dinge wie Corona, die dann plötzlich dazukommen."

Ihr Vater zieht Parallelen zu seinem nicht mehr existierenden Geburtsland: "Ich sehe momentan in der Politik, so ein bisschen das Gefühl wie Ende DDR, dass die kleinen Leute nicht mehr ernst genommen worden sind." Heiko fühle sich bevormundet, ordnet Autorin Melanie Haack im Gespräch ein. "Er wünscht sich mehr Anerkennung für das, was er mit seiner Sozialisierung einbringt."

Überhaupt legt die Dokumentation einen besonderen Fokus auf Ostdeutschland, wo die Umfragewerte für die AfD zuletzt in die Höhe schnellten und demokratische Werte Studien zufolge skeptischer als im Westen betrachtet werden. Auch nach 33 Jahren Wiedervereinigung gäbe es für viele Ostdeutsche "immer noch das Gefühl, mit ihrer Identität nicht auf Augenhöhe behandelt zu werden, nicht verstanden zu werden", beschreibt Haack das Problem.

Streit vorprogrammiert: Mutter Christiane hat die "Grünen" mitgegründet, Sohn Kris ist Funktionär bei der AfD.
 (Bild: ZDF/Zeljko Pehar)
Streit vorprogrammiert: Mutter Christiane hat die "Grünen" mitgegründet, Sohn Kris ist Funktionär bei der AfD. (Bild: ZDF/Zeljko Pehar)

Politik wird "immer schwerer nachvollziehbar"

Worin liegen die Gründe für die ostdeutsche Unzufriedenheit - und für den Wahlerfolg der Partei AfD? Was unterscheidet die neuen Bundesländer von den alten? Welche Rolle spielen dabei die DDR und die Nachwendegeschichte? "Wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu sehr eine andere Identität des Ostens oder eine Sonderstellung herbeireden", warnt Haack. Faktoren wie allgemeine Unzufriedenheit, wirtschaftliche oder soziale Unsicherheit und psychologische Minderwertigkeitsgefühle gäbe es auch in anderen Regionen Deutschlands. Aber: "Scheinbar ist es auch nach über 30 Jahren nicht gelungen, den Osten Deutschlands auf Augenhöhe mitzunehmen beziehungsweise über Unterschiede miteinander zu reden und sie zu akzeptieren".

Die AfD kapitalisiere nach ihrer Einschätzung diese Gefühle vor allem als Protestpartei: "Da ist viel Hitze in einem schnell aufsteigenden Heißluftballon. Sie stößt in Lücken, die andere Parteien lassen. Natürlich profitiert die AfD auch vom Drüberreden. Andererseits müssen wir reden, ohne Frage." Für viele scheine das Kreuz bei der Partei ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Politik zu sein: "Sie wird immer schwerer nachvollziehbar."

Der Umbruch nach dem Mauerfall und die Folgejahre hätten die Ostdeutschen geprägt und gefordert. "Die heutigen Krisen, mehrere nacheinander, stressen die Menschen, die mittlerweile reformmüde geworden sind", so Haack. Hinzu komme oft die Befürchtung, "der bescheidene Wohlstand stehe wieder auf der Kippe. Sie wollen Gehör finden, vor Ort. Da steht oft die AfD auf den Marktplätzen".

Und die DDR-Verganghenheit, auf die etwa Protagonist Heiko immer wieder und widersprüchlich rekurriert? Ein komplexes Thema: Einerseits vergleiche er die heutige Zeit in der Bundesrepublik mit dem Ende der DDR, im Hinblick auf die von ihm wahrgenommene Sprachlosigkeit zwischen Volk und Regierung - und andererseits wünsche er sich "die DDR als verloren gegangene Seelenheimat zurück".

Vielleicht, so Haack, sei die DDR-Vergangenheit selbst hier nicht die Erklärung. Sondern "eher die Tatsache, dass Teile des Ostens damals mehr oder weniger genötigt wurden und viele es sicher auch wollten, das Modell West nachzuahmen". Die Kopie werde es aber immer gefühlt schwer haben, zum Original aufzuholen. So bleibe auch nach 30 Jahren "das Gefühl von Benachteiligung und Nichthinterherkommen", wozu Faktoren wie Lohnungleichheit beitrügen: "Und dann wird die verlorene Heimat, die gesellschaftspolitisch und wirtschaftlich völlig andersfarbig war, in der Rückschau noch heimeliger."

"Ich muss eine Meinung aushalten und es aushalten, sie mir ganz anzuhören"

Für Peter Kunz ist es innerhalb der letzten vier Jahre bereits der dritte Film, in dem er sich mit Ost und West, der Wiedervereinigung und den Folgen auseinandersetzt: "Ich halte es für eins der spannendsten Themen in Deutschland, dessen Faktoren, wie wir jetzt mit dem Aufschwung der AfD sehen, uns alle berühren und unsere Zukunft mitbestimmen." Auch seine Kollegin und Mitautorin Melanie Haack, die aus dem Osten stammt, bewegt die Beschäftigung damit: Als Journalistin mit ostdeutschen Wurzeln werde ihr "immer wieder klar, dass wir nicht am Ziel sind". Deutschland habe viel gemeistert. "Doch bei all den Erfolgen sind viele auf der Strecke geblieben, und sie müssen Gehör finden." Es sollte nicht über "die Ossis" geredet werden, sondern mit ihnen: "So entsteht Diskurs, der am Ende fruchtbar sein kann."

Die Filmarbeiten, so Kunz' These, "haben uns gezeigt, dass direkter Streit, sich aushalten, zum Nachdenken anregen und mitunter auch zum Umdenken führen kann". Soziale Netzwerke hingegen - Stichwort: Fake News - führten zu mehr Sprachlosigkeit zu Hause. Sie verfestigten die Filterblasen, in die sich Menschen zurückziehen würden. Der Graben könne durch die eigene Famillie laufen, "weil man sich meinungsmäßig in einer virtuellen Familie aufgehobener fühlt".

Der Autor weiß: "Familien funktionieren wie Gesellschaften". Wie politisch das Private wirklich ist, dokumentiert der Film eindrücklich. Immerhin: "Beide Familien setzen sich mit der politischen Situation auseinander. Sie ziehen sich nicht zurück ins Schweigen, sondern suchen, jeder für sich, einen eigenen Weg", so Kunz.

Bleibt die Frage, ob die aktuell firmierenden Streits nur destruktiv sind - oder ob wir aus ihnen lernen können. "Eine echte Streitkultur", so drückt es Peter Kunz aus, lebe vom "Sich aushalten"-Können: "Ich muss eine Meinung aushalten und es aushalten, sie mir ganz anzuhören, damit ich mit den richtigen Argumenten - aus meiner Sicht - darauf antworten kann."

Streit sei eben nicht "Ausgrenzung des Anderen mit einem Sieg auf ganzer Linie". Ein sinnvoller Streit müsse mit Respekt und Achtung vor dem anderen geführt werden. "Der Respekt voreinander scheint in unserer Gesellschaft aber verlorenzugehen", diagnostiziert der Autor: "Zur Streitkultur in einer Demokratie gehört auch die Fähigkeit, Kompromisse zu erstreiten."