Flüchtlingslager in Jordanien: So helfen ausrangierte Matratzen bei der Hungersnot

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo

Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien liegt mitten in der Wüste. Wasser und Nahrung sind knapp. Wissenschaftler aus England bekämpfen das Problem mit einer ungewöhnlichen Methode. Sie pflanzen Obst und Gemüse in ausrangierten Matratzen an.

Symbolbild: Getty Images

Das Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens hat ähnliche Probleme wie viele andere Camps auch. Es gibt sehr viele Geflüchtete, und es mangelt an Wasser und Nahrung. Der Wüstenboden ist nicht nur trocken, sondern auch extrem salzig. Nicht die besten Bedingungen also, um Obst und Gemüse anzupflanzen.

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Doch Wissenschaftler haben eine Möglichkeit gefunden, wie man beide Probleme erfolgreich bekämpft. Was die Natur nicht bietet, das gewährleisten Industrie und eines ihrer unpopulärsten Produkte: Plastik. Davon gibt es in Zaatari mehr als genug – in Form ausrangierter Matratzen.

Wissenschaftler aus Sheffield

Die aus dem Kunststoff Polyurethan bestehenden Industrieprodukte dienen den Geflüchteten in Zaatari erfolgreich als "Boden" für das Anpflanzen von Lebensmitteln. Die Idee haben Wissenschaftler um Tony Ryan, Chemieprofessor an der University of Sheffield, ins Flüchtlingslager importiert. Der Forscher hatte schon als Doktorand allerlei "Sachen in Polyurethan wachsen lassen", wie er in einem Interview mit dem britischen Sender BBC sagt. Als er auf einer Mülldeponie sah, wie eine Tomate aus einem Sofa wächst, wusste er, dass das funktioniert.

Der Matratzen-Garten in Zaatari funktioniert nach einem einfachen Prinzip. Im Schaumstoff einer Matratze könne man jede atmosphärische Bedingung, jede Temperatur und jedes Wetter herstellen, erklärt Ryan. Die Aufgabe des Schaums sei es lediglich, die Pflanze stabil zu halten, den Rest der Arbeit erledige das Wasser, das mit seinen Nährstoffen "alle anderen Funktionen des Bodens übernimmt".

Effiziente Anbaumethode

"Es hat sich herausgestellt, dass das Problem sich stapelnder Matratzen eine Möglichkeit war, im Flüchtlingslager einen eigenen Garten zu schaffen", sagt Ryan. Darüber hinaus löst das hydroponische Anbauprinzip ein weiteres Problem: den Wassermangel. "Man braucht nur 20 Prozent des Wassers, das man sonst für die Bewässerung des Bodens benötigt", fügt der Chemiker hinzu. Der Grund: Das Wasser versickere nicht, sondern bleibe, wo man es benötigt.

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Inspiriert worden seien die Wissenschaftler von lokalen Landwirten, von denen sie in Sachen Hydrokultur viel gelernt hätten, erklärt Ryan bescheiden. Auch in Zaatari fußt das Anbauprinzip wesentlich auf der Zusammenarbeit mit syrischen Bauern.

Einer von ihnen ist Abu Wesam. Als der Syrier ins Lager kam, war dort nichts als Wüste, sagt er der BBC. Er war überrascht und glücklich, als er von den Wissenschaftlern über Hydrokultur erfuhr. Heute ist er der Herr über ein "hydroponisches System", wie er es nennt. Er selbst hat von den Flüchtlingen den Spitznamen "Grüne Hand" verpasst bekommen. Weil alles, was er pflanze, wachse und Früchte trage, wie er sagt.

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