Forschende entdecken laufende Haie

Ein laufender Hai der Gattung Hemiscyllium freycineti in den Gewässern vor Indonesien. Foto: Gettyimages / Ethan Daniels / Stocktrek Images

Auf leisen Flossen: Ein internationales Team von Forschenden hat in den Gewässern vor Australien und Neuguinea vier Haiarten entdeckt. Das Besondere: Die Jäger mit der charakteristischen Rückenflosse laufen unter Wasser. Ja, richtig gelesen – die Haie legen große Strecken auf dem Meeresboden laufend auf ihren paarigen Flossen zurück. Dabei sind sie für Menschen völlig ungefährlich. Nicht so jedoch für kleine Fische und wirbellose Tiere.

Die vier Haiarten wurden während der Forschungsarbeit im Rahmen einer zwölfjährigen Studie entdeckt. Die Ergebnisse sind am Dienstag veröffentlicht worden. Daran beteiligt waren fünf Forschungsinstitutionen: die Non-Profit-Umweltschutzorganisation „Conservation International“, die australische Forschungsbehörde „Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation“ (CSIRO), das „Florida Museum of Natural History“, das indonesische „Institute of Sciences“ und das „Meeres- und Fischereiministerium“ Indonesiens.

Geleitet hat die Studie Christine Dudgeon, Professorin an der Universität von Queensland. Auf der Internetseite der Universität ist diese Woche ein Interview mit ihr veröffentlicht worden. Dort erklärt sie, wieso die Haie nicht gefährlich für den Menschen sind und wieso sie überhaupt gelernt haben, zu laufen:

Hohe Spezialisierung der neuen Arten

„Mit einer durchschnittlichen Länge von nur knapp einem Meter stellen die Haie überhaupt keine Gefahr für den Menschen dar. Sie haben zudem nicht nur gelernt, über den Meeresboden zu laufen, sie haben sich auch sehr gut an sauerstoffarmes Wasser angepasst. Beide Fähigkeiten verleihen ihnen einen bemerkenswerten Vorteil, um im flachen Wasser kleine Krebs- und Weichtiere zu jagen.“

Vor allem während der Ebbe würden die Haie diese Vorteile ausspielen und jagend durch ihre Riffe wandern. Die Haie belegten durch ihre spezielle Anpassung und zu dem Zeitpunkt dann die Spitze der Nahrungskette. „Diese Art der Fortbewegung haben die laufenden Haie bereits ihren nächsten Verwandten, den Bambushaien, voraus“, erklärt Dudgeon die hohe Spezialisierung.

Schwimmend, laufend oder getrampt?

Mit den neuen Entdeckungen sind insgesamt neun Haiarten bekannt, die sich laufend fortbewegen. Die Fähigkeit zu laufen haben sie vor ungefähr neun Millionen Jahren entwickelt, was sie zu den jüngsten bisher bekannten Haien macht. Haie leben in ihrer ursprünglichsten Form seit bereits 400 Millionen Jahren auf der Erde. Das alles wissen die Forschenden um Dudgeon, weil sie die Schwanzspitzen der Tiere auf ihre „molekulare Uhr“ hin untersucht haben. Das ist eine Methode der Genetik, die das Erbgut mehrerer Arten auf Gemeinsamkeiten und Mutationen hin untersucht.

Die laufenden Haie haben sich in den Küstengewässern zwischen Nordaustralien und Neuguinea angesiedelt, allerdings weit verstreut: Jede Art hat regional ihre eigene ökologische Nische besetzt. „Unsere Daten legen den Schluss nahe, dass sich die Haie erst von ihrer ursprünglichen Population getrennt haben und in ihren heutigen Verbreitungsgebieten isoliert wurden. Dort haben sie sich in neue Arten entwickelt. Es kann sein, dass sie den weiten Weg schwimmend, laufend oder trampend auf einer Insel zurückgelegt haben“, sagt Dudgeon.

Es gibt vermutlich noch viele unentdeckte Arten

Trampend, weil die laufenden Haie eigentlich ihr gesamtes Leben in demselben Riff bleiben, wo sie auch geschlüpft sind. Sie bewegen sich kaum mehr als zwei Kilometer weg. Deshalb haben die Forschenden die Hypothese aufgestellt, dass die Haie durch tektonische Bewegungen ihres Heimat-Riffs von ihrer ursprünglichen Population getrennt wurden. Dafür würde sprechen, dass die Inseln vor Australien und Südostasien in den vergangenen 50 Millionen Jahren aufgrund von tektonischen Bewegungen und Meeresspiegel-Veränderungen ständiger Veränderung unterworfen waren. So könnten die Haie, über sehr sehr viele Generationen hinweg, tausende Kilometer zurückgelegt haben. Obwohl sie nie weiter als die zwei Kilometer gelaufen oder geschwommen sind.

Die Meeresregionen um Australien und Neuguinea haben einen besonders groß ausgeprägten Artenreichtum. Deshalb glaubt Dudgeon, dass sie noch viele weitere laufende Haiarten entdecken könnte.