Fehldiagnose wegen Fettfeindlichkeit: Schwerer Vorwurf gegen Ärztin

Eine frischgebackene Mutter erregt mit ihrer Botschaft die Aufmerksamkeit von Frauen weltweit: Frauen müssen sich für ihre eigene Gesundheit einsetzen. Das ist ihre Schlussfolgerung, nachdem ihr gesagt wurde, sie müsse nach ihrer Schwangerschaft abnehmen, um Symptome zu bekämpfen, die sich letztendlich als Knochenmarkkrebs herausstellten.

Bei Jen Curran – hier mit ihrer fünf Monate alten Tochter Rose – wurde kürzlich Knochenmarkkrebs diagnostiziert, nachdem ein Arzt ihr gesagt hatte, sie solle „abnehmen“, um alle auftretenden Gesundheitsprobleme zu lösen. Foto: Zur Verfügung gestellt: Jen Curran

Die in Los Angeles lebende Komikerin, Autorin und Mitbegründerin eines feministischen Komödientheaters, Jen Curran, erzählte am Montag in einem 41-teiligen Thread auf Twitter ihre „verrückte Geschichte“.

Jen erzählt Yahoo Lifestyle, dass es für sie eine schwere Entscheidung war, nach der erstem Diagnose einen zweiten Arzt aufzusuchen. Sie hatte jedoch das Gefühl, dass es nötig sei, weil ihre Beschwerden nicht behoben waren.

Nicht vom Arzt deprimieren lassen

„Man sollte sich nicht deprimiert und schuldig fühlen, wenn man den Arzt verlässt. Man sollte sich ermächtigt fühlen und einen Plan haben“, sagt sie. „Ich konnte nicht aufhören, mir darüber Sorgen und Gedanken zu machen. Also vertraute ich im Grunde genommen nur dem Gefühl, dass ich meinen Körper besser kenne als sie.“

In ihrem Thread erklärte sie, dass sie während ihrer Schwangerschaft einen hohen Proteinanteil im Urin hatte, der von ihrem Gynäkologen als Präeklampsie diagnostiziert wurde.

Aber da der Proteinspiegel nach der Geburt ihrer gesunden Tochter im Februar weiter anstieg, empfahl der Gynäkologe Jen, einen Nierenspezialisten aufzusuchen.

Wollt ihr eine verrückte Geschichte hören? Ich bin eine frischgebackene Mama & ich hatte während und nach meiner Schwangerschaft Protein in meinem Urin, was schlecht ist. Ein Arzt sagte mir, ich solle „abnehmen“ & es würde verschwinden. Wollte mich monatelang nicht mehr sehen. Also holte ich eine zweite Meinung ein. Es stellte sich heraus, ich habe Knochenmarkkrebs.

„Ich hatte mir niemanden empfehlen lassen“, erklärte sie in ihren Tweets. „Da ich ein kleines Baby mitzuschleppen hatte, nahm ich an, dass es am einfachsten wäre, zu einem Arzt zu gehen, der von meiner Versicherung abgedeckt und in Wohnortnähe ist. Hoppla.“

Die bequeme Entscheidung führte sie am Ende zu einer Ärztin, die sich ihre Laborergebnisse ansah und zu dem Schluss kam, dass diese nicht von Belang seien. Als Jen auf eine Erklärung drängte, warum ihr Proteinspiegel der einzige Hinweis darauf sei, dass sich ihr Körper vielleicht noch nicht von der Geburt erholt hatte, schlug die Ärztin vor, dass sie „versuchen sollte, etwas abzunehmen“.

Foto: Twitter

Die Ärztin überflog meine Laborbefunde. „Können Sie mit einer Diät und Sport anfangen? Versuchen, ein bisschen abzunehmen?“ Hmm. Interessant. Ich kannte diese Einstellung unter den Ärzten. Die altbekannte „Abnehm“-Diagnose. 12/

Foto: Twitter

„Okay“, sagte ich.

„Wenn es aus einer Schachtel kommt, ist es nicht gut.“

„Mhm“, sagte ich.

„Ja. Nehmen Sie ab. Dann wird das Protein verschwinden. Kommen Sie in 4 Monaten wieder zu mir.“ 13/

Foto: Twitter

Ich wollte ihr gerne glauben, aber ich hatte ein komisches Gefühl. Außerdem war es fast so, als ob sie an mir vorbeireden würde. Sie stellte mir eine Frage zum Stillen und wartete die Antwort überhaupt nicht ab. Reagierte, als ob ich genau das Gegenteil vom dem gesagt hätte, was ich gesagt hatte. Hörte nicht zu. War nicht anwesend. 14/

Die 38-Jährige sagte, sie sei mit dem Vorschlag der Ärztin nicht glücklich gewesen, auch weil sie recherchiert hatte, „wie toxisch die Diät- und Abnehmkultur sein kann“.

„Ich wusste instinktiv, dass etwas anderes nicht stimmt“, schrieb sie. „Am Ende entschied ich mich dazu, eine zweite Meinung einzuholen.“

Onkologe stellt richtige Diagnose

Jen bat ihren Gynäkologen um eine Empfehlung für einen Nierenspezialisten. Dieser führte einige Tests durch und kam zu dem Schluss: „Das ist nicht gut. Und Diät oder Sport werden das nicht lösen“, so ihr Tweet.

Danach machte die frischgebackene Mutter eine Nierenbiopsie, die sie als „kein Vergnügen“ bezeichnete. Und aufgrund der Erkenntnisse aus den detaillierten Testergebnissen wurde Jen schließlich an einen hämatologischen Onkologen überwiesen, um eine Knochenmarkbiopsie machen zu lassen.

NUN das Ergebnis der Knochenmarkbiopsie ist da und ich habe multiple Myelome! Knochenmarkkrebs. 29/

Jen erklärte, die Diagnose des Multiplen Myeloms sei „ein Schock“ und „katastrophal“ für sie gewesen – besonders, da sie eine fünf Monate alte Tochter und einen Mann zu Hause hat. Dieser Krebs bildet sich in einer Form der weißen Blutkörperchen, den Plasmazellen, die dann die gesunden Blutkörperchen verdrängen.

Aber weil Jen ihrer Intuition folgte und eine zweite Meinung von einem anderen Arzt einholte, kann sie mit der Chemo zur Krebsbehandlung beginnen, lange bevor sie überhaupt wieder für eine Nachuntersuchung bei der ersten Ärztin gewesen wäre. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrung ermahnt Jen andere jetzt, „für sich selbst einzustehen“, wenn sich der ärztliche Rat nicht richtig anfühlt.

Foto: Twitter

Hier ist die Moral dieser speziellen Geschichte. Nimm ab, wenn du willst. Aber wenn du glaubst, dass etwas mit deinem Körper ernsthaft nicht stimmt und ein Arzt dir sagt, du sollst abnehmen, um das Problem zu lösen, dann hole dir verdammt nochmal eine zweite Meinung ein.

Foto: Twitter

Stehe auch für dich selbst ein. Lerne deinen Körper kennen, vertraue deinem Körper und höre auf deine Instinkte. Traue dich ruhig, deinen Arzt anzuzweifeln! Letzteres war immer sehr schwer für mich, aber ich werde immer besser darin. 40/

Dr. Len Lichtenfeld, stellvertretender Chefarzt der American Cancer Society, versichert Yahoo Lifestyle, dass eine zweite Meinung einzuholen der beste Ansatz sei, um bei wichtigen Diagnosen sicher zu gehen.

„Es ist immer wichtig, daran zu denken, dass die Dinge möglicherweise nicht so einfach sind, wie Sie denken und es ist auch immer wichtig, eine Beschwerde oder ein Ergebnis nicht einfach abzutun. Und es ist immer wichtig, den Dingen unbedingt nachzugehen. Das gilt sowohl für Ärzte, als auch für die Patienten – dass sie den Dingen nachgehen und dass sie ein Ergebnis erhalten“, erklärt Lichtenfeld. „Wir als Patienten sind verpflichtet, uns an dem Prozess zu beteiligen und zu verstehen, was passiert und warum es passiert.“

Beziehung: Krankenschwester will Freund auf Treue testen – doch damit hat sie nicht gerechnet

Für die Mutter war genau das der Grund, weshalb sie sich entschied, einen zweiten Arzt zu konsultieren: Sie wollte ein wissender Teilnehmer in ihrem diagnostischen Prozess sein.

„Als meine zweite Nierenärztin den Raum betrat, fühlte sie sich sofort wie eine intelligente Freundin an. Sie sprach in der Fachsprache mit mir, anstatt mich als blöd hinzustellen, sie hörte mir aufmerksam zu, und ich verließ sie mit einem Plan“, sagt sie. „Als Patienten sind wir keine Ärzte oder Wissenschaftler. Aber wir können Menschen lesen und unser Bauchgefühl nutzen, das sich nicht abschaltet, wenn man in eine medizinische Einrichtung geht. Hört auf diesen winzigen Instinkt.“

Sie beschloss, die Geschichte mit ihren Followern zu teilen, weil sie das Gefühl hatte, dass es sich um einen Fall von Fettfeindlichkeit handelte – und sie wollte das Thema publik machen.

8-Jährige und ihr Gewicht: Diät-App für Kinder sorgt für scharfe Kritik

„Es ist lächerlich, dass diese Art von Fettfeindlichkeit in Arztpraxen im Jahr 2019 immer noch vorkommt. Ich habe mit meinem Gewicht und meiner Gesundheit bislang viel zu viel durchgemacht, um bei dem Thema Hemmungen zu haben oder so zu tun, als wäre es nicht passiert“, fügt Jen hinzu.

„Ich habe das auch deshalb geteilt, weil ich möchte, dass insbesondere Frauen sich selbst vertrauen und sich nicht darum kümmern, wenn jemand sie schief anschaut. Diese Art von Mut könnte euch vielleicht das Leben retten."

Kerry Justich